Köppel tut es, Matter auch und ebenso Wermuth

Welche Politiker in der Schweiz auf Medien 3.0 setzen – und warum Barack Obama ihr Vorbild ist.

Experimentieren mit eigenen Kanälen: Nationalräte Roger Köppel... Screenshots: TA

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Jede Woche montags sitzt Thomas Matter in einem kleinen Zimmer seiner nicht so kleinen Villa in Meilen und spielt Fernsehen. Er hat einen Teleprompter, einen Bildschirm, einen Schreibtisch wie ein Talker im richtigen Fernsehen, eine kleine Schweiz-Fahne, einen Stiftehalter mit assortierten Markern. Ja, sogar ein Telefon steht vor dem SVP-Nationalrat. Er braucht es nie.

«Die Sümpfe von Bern» heisst seine Sendung im Internet, eine Referenz an den «Swamp» von Donald Trump, das Intro ist knallig geschnitten und genau so vertont.

Wenn das Intro verklingt, blickt Matter seine Zuschauer direkt an und beginnt zu sprechen. Über weltfremde Kommunistenhirnis, über SP-Präsident Christian Levrat, der erfolgreiche Unternehmer zur Sau mache, über Jusos, diese ewigen Studenten, die den Staat Tausende von Steuerfranken kosteten und dann direkt Berufspolitiker würden.

«Je mehr ich die teils absurden Anliegen der Linken thematisiere, desto besser die Einschaltquote.»Thomas Matter, SVP-Nationalrat

Zum Schluss der Sendung gibt es ein «Quiz der Woche», wo Matter eine Frage stellt, zum Beispiel, woher das Michelin-Männchen stamme, und danach ein paar Auswahlmöglichkeiten vorschlägt, zum Beispiel ein Nacktbild von ­Juso-Chefin Tamara Funiciello. Manchmal erzählt Matter auch einen Witz, zum Beispiel über EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, nach der Pointe blendet er dann einen glucksenden Toni Brunner ein, Running-Gag.

Die Sümpfe von Bern

Woche für Woche erscheinen die «Sümpfe von Bern», schon mehr als 20 Episoden gibt es. Und Matter hat Erfolg. Seinen Beitrag über Christian Levrat haben über 50'000 Menschen ge­sehen. «Ich bin mit der Resonanz sehr zufrieden», sagt Matter. Er hat die Idee schon lange mit sich herumgetragen. An Veranstaltungen sei er immer wieder von Leuten gefragt worden, warum er diese Dinge nicht auch öffentlich sage. «Ich erklärte ihnen, dass die Medien die Botschaften publizieren, die sie wollen.»

.... Thomas Matter ...

Also nicht seine. Darum: ein eigener Kanal. Im Internet. Auf Youtube und Facebook, ohne Beschränkung, ohne Zensur, die reine Lehre. Und dabei: immer feste drauf. «Je mehr ich die teils absurden Anliegen der Linken thematisiere, desto besser die Einschaltquote», sagt der Nationalrat.

Matter ist nicht der einzige SVPler mit eigenem Kanal. In seiner Fraktion findet im Moment ein eigentliches mediales Hochrüsten statt. Nationalrat Franz Grüter lässt sich auf Youtube regelmässig vier Fragen stellen, die Bilder des sich selber filmenden Roger Köppel sind auf den sozialen Medien fast schon ein eigenes Subgenre, und dann ist da noch Claudio Zanetti, der unter seinen Kollegen das grosse Los gezogen hat: Er wird sogar bezahlt für seinen eigenen Kanal. Eine bescheidene Aufwandsentschädigung, aber immerhin.

«Es gibt eine Tendenz, dass viele Leute den konventionellen Medien nicht mehr trauen.»Claudio Zanetti, SVP-Nationalrat

Siebenmal die Woche sendet Zanetti auf Star TV seinen «Zac Factor», beste Sendezeit, eingeklemmt zwischen der «Mestizin von Santa Fe» und einer Folge von «Lucky Luke». Die Sendung war die Idee von Paul Grau, Gründer und CEO von Star TV, Vorbild ist der «O’Reilly Factor», die inzwischen abgesetzte Sendung des konservativen Moderators Bill O’Reilly auf Fox News.

... Claudio Zanetti ...

Zanetti hat einen anderen Ansatz als seine Kollegen, ihm geht es weniger um die Details der Alltagspolitik und mehr um das grosse Ganze. Heute werde die Grundlagenarbeit vernachlässigt, sagt Zanetti. Warum ist eine freiheitliche Gesellschaftsordnung wichtig? Warum funktioniert der Sozialismus nicht? Über solche Dinge redet Zanetti, recht konzis und recht auf den Punkt. «Es gibt eine Tendenz, dass viele Leute den konventionellen Medien nicht mehr trauen. Dann haben sie es lieber gleich parteiisch.»

Zanetti, Matter, Grüter, Köppel. Und erfunden hat es, natürlich, Christoph Blocher, der sich seit über zehn Jahren in seinem Blocher-TV das Mikrofon hinhalten lässt (und dabei deutlich weniger Klicks als Thomas Matter erhält).

Mittler zwischen Botschaft und Empfänger nicht vorgesehen

Es hat eine gewisse Logik, dass ausgerechnet in der SVP so viele Politiker eigene Kanäle zur Öffentlichkeit suchen. Keine Partei wurde in den vergangenen Jahrzehnten von den konventionellen Medien härter rangenommen (auch wenn das in letzter Zeit eher ab­genommen hat), keine Partei hat ein gestörteres Verhältnis zur Medienöffentlichkeit. Warum sie also nicht gleich ausschalten? Im Medienverständnis der SVP ist ein Mittler zwischen Botschaft und Empfänger nicht vorgesehen – Kritik nicht erwünscht. Die Gefahr dabei: Missionare reden nur noch mit Bekehrten, ein Dialog findet nicht mehr statt.

Trotzdem geht das Sehnen nach einem eigenen Kanal weit über die Volkspartei hinaus. Es ist ein uralter Wunsch vieler Politiker, die eigenen Botschaften möglichst ungefiltert an die Öffentlichkeit zu bringen. Die Schweiz ist dabei – von der SVP abgesehen – eher ein Entwicklungsland. Die FDP pröbelt seit längerem mit FDP TV, aber viel mehr ist da nicht. Gerade im Vergleich zum Nachbarland Deutschland, wo sich die Alternative für Deutschland auf einem Kreuzzug gegen die «System­medien» befindet. Im Moment baut die AfD einen eigenen Newsroom auf. «Unser ambitioniertes Fernziel ist es, dass die Deutschen irgendwann AfD und nicht ARD schauen», sagte Fraktionschefin Alice Weidel kürzlich in der NZZ.

«Viele sagen sich: Was kümmert es mich, was die Medien über mich sagen? Ich bastle mir einfach meine eigenen.»Tobe Berkovitz, Boston University

Ihr Vorbild: Steve Bannon. Der ehemalige Berater von Donald Trump agierte dort, wo diese Entwicklung ihren Ursprung hat: in den USA. Tobe Berkovitz, Medienwissenschaftler an der Boston University, unterscheidet drei Phasen der politischen Kommunikation: «Ursprünglich ging es für Politiker darum, mit den traditionellen Medien so gut wie möglich zurechtzukommen. Dann begannen sie, missliebige Medien zu um­gehen.» Heute sei man bei den «Medien 3.0» angelangt: «Viele sagen sich: Was kümmert es mich, was die Medien über mich sagen? Ich bastle mir einfach meine eigenen.»

Die Übergänge zwischen den Phasen waren fliessend. Als Richard Nixon 1968 zum zweiten Mal als Präsidentschaftskandidat antrat, war sein Verhältnis zur Presse schwierig – und so erfand sein Medienberater (und spätere Gründer von Fox News) Roger Ailes ein neues Format. In «The Nixon Show» stellte sich der Kandidat vor Kameras in eine Arena, um Fragen von Wählern zu beantworten, über die er schon vor der Sendung Bescheid wusste.

Die Obamas werden TV-Stars

Das Internet brachte dann neue Möglichkeiten, die traditionellen Medien zu umgehen. Einer der Ersten, der das erkannte, war Howard Dean, der 2004 Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden wollte und einen Blog hatte, auf dem er sich täglich vernehmen liess. Damit gelang es ihm, im Netz eine loyale Anhängerschaft aufzubauen.

Seine Kampagne machte Schule, bei den nächsten Wahlen 2008 hatten fast alle Kandidaten einen Blog – und sehr viel mehr dazu. Erstmals spielten auch soziale Medien eine Rolle, und niemand benutzte sie effektiver als Barack Obama. Neuigkeiten aus der Kampagne verkündete er nicht mehr über traditionelle Kanäle, sondern direkt über Nachrichten an seine Anhänger. Sein nächster Schritt, jetzt als ehemaliger Präsident, scheint da nur konsequent. Gemeinsam mit seiner Frau Michelle hat er zu Beginn dieser Woche einen Vertrag mit dem Streamingdienst Netflix abgeschlossen. Die Obamas sollen Serien, Filme und Dokumentationen präsentieren – und eine Gegenerzählung zur Welt des Donald Trump liefern.

Die klassischen Medien spielen dabei nur noch eine untergeordnete Rolle. So war es auch 2016, als das Phänomen «Medien 3.0» seinen bisherigen Höhepunkt erreichte. Nicht nur wegen Donald Trump, sondern auch wegen seiner Gegnerin bei den Präsidentschafts­wahlen. Bastle dir deine eigenen Medien: Das war es, was Hillary Clinton am konsequentesten machte. Ihr Onlineauftritt sah nicht aus wie die Website einer Politikerin, sondern kam wie ein aufwendig produziertes Nachrichtenportal daher. Den direkten Kontakt zu unabhängigen Journalisten vermied Clinton.

Um Clinton ist es ruhig geworden, aber ihr linker Herausforderer Bernie Sanders hat seine eigene Medienpräsenz kontinuierlich ausgebaut. Er hat eine Interviewshow und ein Team, das seine Reden in Podcasts verpackt, die es in den Download-Charts regelmässig auf die Spitzenplätze schaffen.

Mediale Selbstermächtigung

In der Schweiz operiert man da auf viel bescheidenerem Niveau – aber man operiert. «Natürlich geht es um mediale Selbstermächtigung», sagt SP-Nationalrat Cédric Wermuth. Er experimentiert mit verschiedenen Formaten. Einmal im Monat darf er eine Stunde auf dem grösstenteils gebührenfinanzierten Radiosender Kanal K bestreiten und vermittelt dabei laut Programmbeschrieb «relevante Theorien, insbesondere aus progressiv-kritischen Kreisen». Unregelmässig lässt er sich auch auf Facebook löchern («Frag den Wermuth») und erreicht damit jeweils um die 2000 Leute.

... und Cédric Wermuth.

Da kann es dann um alles gehen, um Karl Marx oder den Vaterschaftsurlaub des Metzgers in Zofingen. Aber – und damit distanziert sich der Nationalrat von der Entwicklung in den USA – seine Versuche seien genau das: Versuche. Ergänzungen zum medialen Angebot. Es dürfe nicht sein, dass man am Schluss geschlossene Argumentationsräume für das eigene Publikum habe und damit den demokratischen Austausch abwürge. «Das wäre verdammt gefährlich.» Und scheint trotzdem gar nicht so abwegig. Wermuth bedient mit seinen Formaten vor allem jenes Publikum, das ihm bereits wohlgesonnen ist. Bei Matter oder Zanetti ist das ähnlich. Jedem seinen eigenen Sumpf. NZZ

Erstellt: 23.05.2018, 07:49 Uhr

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