Versicherte sollen Prämien zurückerhalten

Eine Rarität: Wegen Sonderfaktoren sind die Gesundheitskosten im ersten Halbjahr gesunken. Schon 2017 waren sie wesentlich tiefer als erwartet. Das weckt Erwartungen für die Prämien 2019.

Ein Hausarzt tastet den Bauch seines Patienten ab. Viele Ärzte sind mit der Rechnungsstellung in Verzug. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Ein Hausarzt tastet den Bauch seines Patienten ab. Viele Ärzte sind mit der Rechnungsstellung in Verzug. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Ein Minuszeichen, tatsächlich. In der aktuellen Tabelle des Bundes zur Kostenentwicklung in der Grundversicherung steht vor der wichtigsten Zahl ein Minus: Die Ausgaben der Krankenkassen für Spitalbehandlungen, Arztbesuche, Medikamente und so weiter fielen im ersten Halbjahr 2018 um 2,9 Prozent tiefer aus als in der Vorjahresperiode. Das ist auf den ersten Blick eine Sensation. Dass die Gesundheitskosten sinken, halten selbst grosse Optimisten für unmöglich. Gesundheitsminister Alain Berset (SP) wäre schon froh, wenn er das Wachstum bremsen könnte. Im Durchschnitt steigen die Kosten 3 bis 4 Prozent pro Jahr, stärker als Löhne und Teuerung.

Auf den zweiten Blick ist die Sensation nicht mehr so gross. Die Zahlen sind bedingt aussagekräftig, weil Sonderfaktoren mitspielen. Laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) und den Versicherern sind zurzeit viele Spitäler und Ärzte mit den Rechnungen im Rückstand. Das liegt daran, dass Berset einen Eingriff in den Tarmed-Tarif beschlossen hat, mit dem Ärzte und Spitäler ambulante Leistungen abrechnen. Die umfangreichen Kürzungen werfen laut den Ärzten viele Fragen auf und schaffen Unklarheiten, was nun zu Verzögerungen führt. Ähnliche Verwerfungen gab es 2012 wegen der neuen Spitalfinanzierung.

Trotzdem 4 Prozent rauf?

Ohne Sonderfaktoren würden die Kosten auch 2018 steigen, das ist weitgehend unbestritten. Aber niemand kann sagen, wie gross der Anstieg wäre. Ungewiss ist vor allem, wie stark Bersets Tarifeingriff die Grundversicherung dauerhaft entlastet.

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Was bedeutet all dies für die anstehende Prämienrunde diesen Herbst? Für einen moderaten Anstieg sprechen nicht nur die aktuellen Zahlen, sondern auch jene aus dem Vorjahr. 2017 fiel das Kostenwachstum nicht einmal halb so gross aus wie erwartet (plus 1,7 Prozent). Die Versicherer können auch kaum Nachholbedarf geltend machen, denn sie erklärten schon die Prämienrunde 2018 teilweise damit, dass sie Reserven aufbauen müssten. Trotzdem sind die Verlautbarungen wenig begeisternd: Comparis prophezeit für 2019 eine Prämienrunde von 4 Prozent, wie 2018. Der Krankenkassenverband Santésuisse erwartet einen Kostenanstieg von 3 Prozent, was eine Prämienrunde in dieser Grössenordnung erwarten lässt. Santésuisse betont, es wäre schön, wenn die Prämienzahler von sinkenden Kosten profitieren könnten. Aber damit sei leider nicht zu rechnen. Es brauche weitere Schritte zur Kostendämpfung.

Korrekturbedarf nach unten?

Eine Prämienrunde von 3 oder sogar 4 Prozent? CVP-Nationalrätin Ruth Humbel ist skeptisch. Sie zählt zu den erfahrensten Gesundheitspolitikerinnen und gehört gewiss nicht zu den Krankenkassen-Kritikerinnen. Dass die Versicherer Mühe haben, die Kostenentwicklung zu antizipieren, kann sie verstehen. Es bestehe die Gefahr, dass Spitäler und Ärzte den Tarifeingriff umgehen. Trotzdem: «Nach der Kostenentwicklung in den letzten eineinhalb Jahren scheinen mir 3 Prozent etwas gar viel.» Humbel vermutet, es gebe «Luft nach unten». Es sei nun die Aufgabe des BAG, die eingereichten Prämien genau zu prüfen und wenn möglich zu reduzieren. «Es darf keine Prämienerhöhungen auf Vorrat geben.»

Auch Jürg Schlup, Präsident des Ärzteverbands FMH, ist skeptisch. «Die Zahlen zeigen, dass die Prämienerhöhung 2017 deutlich höher war als die effektive Kostenentwicklung.» Die Kostenprognosen seien offensichtlich zu hoch gewesen. «Ich kann nur hoffen, dass der Bund dies bei der Prüfung der Prämien 2019 berücksichtigen wird und die notwendige Vorsicht walten lässt. 3 Prozent scheinen mir etwas gar viel.» Der Bund gibt die neuen Prämien Ende September bekannt.

Der Zürcher Regierungspräsident Thomas Heiniger (FDP), der die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren präsidiert, sagt, falls die Prämieneingaben der Krankenkassen tatsächlich bei 3 Prozent liegen sollten, bestehe «Korrekturbedarf nach unten». Je nach Kanton erwartet er einen Kostenanstieg von nur 1 bis 3 Prozent. Heiniger erwartet, dass «die bisher einkassierten, zu hohen Prämieneinnahmen an die Versicherten prämienwirksam zurückgegeben werden».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2018, 21:05 Uhr

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