Hohe Mieten treiben rüstige Rentner ins Altersheim

Trotz AHV und Ergänzungsleistungen können sich viele Senioren kein selbstständiges Leben mehr leisten.

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Die Mieten in der Schweiz sind in den letzten 15 Jahren im Schnitt um über 20 Prozent gestiegen. Nicht mitgehalten haben die Ergänzungsleistungen (EL) für Rentner, bei denen AHV und Pensionskasse nicht zum Leben reichen. Die Beiträge für die Mieten sind dabei seit 2001 gleich geblieben: 1100 Franken für Alleinstehende, 1250 Franken für Ehepaare.

Viele Rentnerhaushalte können sich deshalb die Miete nicht mehr leisten. Laut den Berechnungen von Pro Senectute, auf der Basis von Zahlen des Bundesamts für Statistik, betrifft dies 40 000 Haushalte in der Schweiz. «Dieses Problem spüren wir sehr stark», sagt Jacqueline Bissegger, Sozialberaterin bei Pro Senectute Kanton Zürich. «Viele ­Ergänzungsleistungsbezüger bezahlen ortsübliche Mieten, die klar über den Mietzinsmaxima liegen.» Pro Senectute Kanton Zürich bezahlt ihnen die Differenz, bis sie eine bezahlbare Wohnung finden. Doch das ist oft aussichtslos.

Im Altersheim sind die Kosten gedeckt. Das entschärft die Situation für die Betroffenen – die Allgemeinheit kommt es aber teurer zu stehen, wenn die Leute ins Heim ziehen statt selbstständig wohnen. Trotzdem hat die Anhebung der Mietzinsmaxima beim eidgenössischen Parlament keine Priorität. Eine entsprechende Vorlage des Bundesrats liegt auf Eis, weil die Nationalratskommission damit bis zur Gesamt­reform der Ergänzungsleistungen warten will. Doch bis diese abgeschlossen ist, dauert es noch Jahre. Die Notwendigkeit, die Mietzinsmaxima zu erhöhen, ist selbst auf bürgerlicher Seite anerkannt. Dass man damit trotzdem zuwarte, ­bezeichnet die Basler SP-Nationalrätin Silvia Schenker als «verheerend».

Bruttomieten und Mietzinsmaxima Kantone (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2016, 22:54 Uhr

Altersarmut

Penne oder Ravioli aus der Büchse

René N. hatte ein erfülltes Leben – einen tollen Job, eine liebevolle Ehefrau, eine grosszügige Wohnung. In den Ferien reiste er gern in die USA; elfmal war er in San Francisco. Daran erinnert sein Gilet, das er über dem ordentlich gebügelten Hemd trägt. Doch das Souvenir stammt aus einer anderen Zeit. Denn vor neun Jahren änderte sich die Situation schlagartig: Wegen firmeninterner Umstrukturierungen erhielt N. 18 Monate vor der Pensionierung die Kündigung. 35 Jahre lang hatte er für das gleiche Unternehmen im Aussendienst gearbeitet. Zwar fand er rasch wieder eine Teilzeitstelle in der Gastronomie, aber der Schicht­betrieb und die erschwerten finanziellen Umstände setzten der Ehe zu.
Als sich seine Frau schliesslich von ihm trennte, blieb er allein in einer 5½-Zimmer-Attikawohnung in einer Zürcher Gemeinde zurück, die ihn mehr als 2000 Franken pro Monat kostete. Sein gesamtes Pensionskassenvermögen hatte er nach der Kündigung bei einer Bank angelegt – über die Investitionsdetails habe er sich damals wohl zu wenig informiert, räumt N. ein. Jedenfalls war das Guthaben nach zwei Jahren weg.

Seither lebt der heute 73-Jährige von seiner AHV-Rente (2274 Franken), der kantonalen Beihilfe (34 Franken), einem Gemeindezuschuss (100 Franken) und einer Suva-Rente wegen einer Knieverletzung (332 Franken). Zudem hilft er gelegentlich stundenweise in der Gastronomie aus. Dieser unregelmässige Zustupf erhöht seine Einnahmen, sodass
er knapp keine Ergänzungsleistungen erhält. Würden die Mietzinsmaxima angehoben, wäre er bezugsberechtigt.
Monotoner Alltag

Nach monatelanger Suche fand N. nach der Trennung eine 2½-Zimmer-Wohnung. Mit 1285 Franken überschreitet sie sein Budget noch immer. Deshalb spart der Rentner beim Essen – «nie aber beim Futter für meine beiden Katzen», betont er. Abends kocht er sich Penne all’arrabbiata oder Ravioli aus der Büchse.

Mit diesen Einschränkungen könne er leben, sagt N. Schwierig wird es für den einst geselligen Mann aber, wenn er seinen Bekannten für einen Ausflug absagen muss, weil er kein Geld dafür hat. Dann setzt er sich vor den Fernseher. An die monotonen, einsamen Tage werde er sich nie gewöhnen, sagt er, und Tränen steigen ihm in die Augen. Sein sozialer Rückzug wird nur von den gelegentlichen Arbeitseinsätzen durchbrochen. Für seine psychische Gesundheit ist es ihm wichtiger, dies aufrechtzuerhalten als darauf zu verzichten und dafür Ergänzungsleistungen zu erhalten.
Raphaela Birrer

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