Hoher Offizier wegen «Kotz-Brotz»-Affäre vor Gericht

Die Militärjustiz macht heute einem Generalstabsoffizier den Prozess, weil er eine verbale Entgleisung des früheren Armeechefs André Blattmann veröffentlicht haben soll.

Ex-Armeechef André Blattmann schimpfte bei einer Rede über den SRF-Moderator Sandro Brotz. Dass er aufgezeichnet wurde, wusste Blattmann nicht (Symbolbild). Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Ex-Armeechef André Blattmann schimpfte bei einer Rede über den SRF-Moderator Sandro Brotz. Dass er aufgezeichnet wurde, wusste Blattmann nicht (Symbolbild). Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Chef der Schweizer Armee ereiferte sich. Vor 150 Zuhörern sprach er von «widerlichen Kerlen», die armeeinterne Informationen nach aussen gäben. Er drohte damit, diese «Verräter im übertragenen Sinn auf die Schlachtbank» zu führen. Eigenhändig wolle er ihnen «die Gradabzeichen demontieren». Und den TV-Moderator Sandro Brotz bezeichnete André Blattmann in einem absichtlichen Versprecher als «Sandro Kotz». Als diese verbalen Entgleisungen des obersten Schweizer Militärs im Mai 2016 bekannt wurden, sorgten sie weitherum für Empörung. Blattmanns «Kotz-Brotz»-Rede setzte auch die Militärjustiz in Gang – allerdings nicht gegen den Armeechef, sondern gegen jene Person, die seine Aussagen aufgezeichnet und den Medien zugespielt hatte.

Ausschnitt aus der Rede: Bei Sekunde 20 bezeichnet André Blattmann Sandro Brotz als «Sandro Kotz».

Jetzt glaubt die Militärjustiz den Schuldigen gefunden zu haben und macht ihm den Prozess. Vor dem Militärgericht 5 in St. Gallen muss sich heute Morgen ein Generalstabsoffizier wegen mehrfacher Verletzung des Dienstgeheimnisses und wegen Nichtbefolgung von Dienstvorschriften verantworten. Der militärische Staatsanwalt, der Auditor, verlangt eine bedingte Geldstrafe von 30 Tagessätzen zu je 90 Franken. Der Auditor hält das Verschulden des Angeklagten für schwerwiegend. Daher könne man ihn nicht bloss disziplinarisch bestrafen.

«Herabsetzung der Armee selbst»

Eigentlich wollte der Auditor den Fall bereits im Juli mit einem Strafmandat erledigen. Doch der Beschuldigte hat das Strafmandat angefochten, weshalb es jetzt zum Prozess kommt.

Der Angeklagte ist Generalstabsoffizier und gehört der Gruppe Giardino an – einer Organisation, die die Armeeführung regelmässig kritisiert und ihr vorwirft, die Schweizer Armee zugrundezurichten. Im Jahr 2016 hat die Gruppe Giardino auch das Referendum gegen die Armeereform WEA ergriffen, ist damit aber im Sammelstadium gescheitert.

Laut der Anklageschrift, die Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt, bestreitet der Angeklagte nicht, am 29. April 2016 in Brugg AG an einem offiziellen Dienstanlass die Rede Blattmanns mit seinem iPhone 6 aufgezeichnet zu haben. Ebenfalls unbestritten ist, dass er die Audiodateien anschliessend in einen internen Whatsapp-Chat der Gruppe Giardino hochlud. Hingegen bestreitet der Mann, die Dateien den Medien zur Verfügung gestellt zu haben. Als erstes Medium hatte Tagesanzeiger.ch/Newsnet die Audiodateien am 10. Mai 2016 publiziert.

Der Auditor wirft dem Angeklagten vor, mit der Aufnahme und der Veröffentlichung der Rede «seine Vertrauensstellung als Generalstabsoffizier ausgenutzt» und «eine Herabsetzung des Ansehens der Armeeleitung und damit der Armee selbst bewusst in Kauf genommen» zu haben. Er gehöre «einem radikalen Flügel der Gruppe Giardino» an, heisst es in der Anklageschrift.

Eine Verschwörung?

Laut Anklageschrift hat der Angeklagte in den Einvernahmen geltend gemacht, dass die Sicherheitsvorkehrungen und die Organisation des fraglichen Generalstabsseminars mangelhaft gewesen seien. Während des ganzen Strafverfahrens habe er «keinerlei Einsicht in das Unrecht seiner Handlung» gezeigt. Er vermute sogar «eine Verschwörung gegen seine Person», hält der Auditor fest. Der Angeschuldigte wiederum sagte, es sei «faszinierend», mit welcher Akribie sich die Militärjustiz mit seinem Fall befasse, während der Verfassungsauftrag der Armee kaum einer juristischen Überprüfung unterzogen werde. In seiner Einvernahme hielt der Angeklagte wörtlich fest: «Loyalität gegenüber der Armeeführung gibt es nur, solange sich diese für die Sache, die Bundesverfassung und das Recht einsetzte.»

Anders als für den angeklagten Offizier ist die Affäre für André Blattmann selber längst erledigt. Verteidigungsminister Guy Parmelin lud den Armeechef kurz nach Bekanntwerden seiner Ausfälligkeiten zu einem Vieraugengespräch vor, indem er ihn laut Angaben des VBS rügte. Zudem hatte Blattmann sich beim TV-Moderator Sandro Brotz mit einem E-Mail «in aller Form» entschuldigt. Auf Ende 2016 trat Blattmann als Armeechef altershalber zurück; sein Nachfolger ist Korpskommandant Philippe Rebord. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.12.2017, 08:45 Uhr

Artikel zum Thema

Die Entgleisung des Armeechefs im O-Ton

Tagesanzeiger.ch/Newsnet liegt eine Tonaufnahme der Rede von André Blattmann vor. Darin nennt er den «Rundschau»-Moderator «Sandro Kotz». Das war aber noch längst nicht alles. Mehr...

Blattmann zielt auf Parmelin

Analyse Der Armeechef beleidigt einen Journalisten, meint aber seinen Chef. Mehr...

Hausdurchsuchung bei hohem Offizier wegen «Kotz-Brotz»-Rede

Die verbalen Entgleisungen von Armeechef Blattmann wurden aufgezeichnet – die Militärjustiz hat nun offenbar elektronische Geräte beschlagnahmt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Fremde Männer für Sex zu dritt gesucht!

Warum Schweizer Studentinnen erotische Abenteuer mit fremden Männern bevorzugen. Und das immer häufiger zu dritt.

Die Welt in Bildern

Er braucht ein gutes Gleichgewicht: Ein Gaucho reitet in Uruguay ein Rodeo-Pferd. (17. April 2019)
(Bild: Andres Stapff) Mehr...