«Hoi Rössli, mis Chnusperli!»

Der «Blick am Abend» ist bei den Lesern eine der erfolgreichsten Zeitungen der Schweiz. Trotzdem schrieb sie nie schwarze Zahlen. Und verliert ihren Vater.

Das Wichtigste, was der «Blick am Abend» schreibt, schreibt das Publikum selbst. Foto: Urs Jaudas

Das Wichtigste, was der «Blick am Abend» schreibt, schreibt das Publikum selbst. Foto: Urs Jaudas

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Als der «Blick am Abend» im Juni 2008 auf den Markt kam, schaffte er das Unmögliche. Mit «20 Minuten» (gehört zu Tamedia) hatte ein Gigant alle anderen Gratiszeitungen verdrängt, Ringier war mit seinem Abend-Pendler-Blatt «Heute» gescheitert, und die übrigen Printtitel verwalteten ihren Niedergang, insbesondere der grosse Bruder «Blick», von Online- und Gratis besonders schwer bedrängt. Lanciert, um die Marke «Blick» zu stärken, entwickelte sich der brombeerfarbene «Blick am Abend», von Pendlern wegen seiner Geschwätzigkeit liebevoll BlaA genannt, zum Publikumsrenner. Vielleicht, weil er kein Schläger ist wie der grosse Bruder, sondern eher ein bekiffter kleiner Slacker, harmlos, unbedarft, eine Frohnatur. Und das kam an.

Bereits nach fünf Jahren war BlaA mit 633'000 Lesern die zweitgrösste Tageszeitung der Deutschschweiz, gleichermassen beliebt bei mittelalterlichen Herren, älteren und jungen Frauen. Vor allem jungen Frauen. Bis 2016 konnte er seine Leserschaft noch auf 672'000 steigern.

Für Nichtpendler, Menschen mit Anspruch oder gar Intellektuelle ist vielleicht schwer zu verstehen, was am BlaA so attraktiv sein soll. Sie kennen nicht den Geschmack toter Zeit am Ende eines Arbeitstages, wenn man in einem stickigen Verkehrsmittel von hier nach da sitzt und mit nichts Ernstem mehr beschäftigt sein will. Dann kann bedrucktes Papier höchst willkommen sein, vor allem, wenn es eine Fundgrube für Skurrilitäten ist. Im BlaA fanden sich Meldungen der Art: «Einmaliger Gruppensex von Beschäftigten während der Arbeitspause ist kein Kündigungsgrund, so entschied ein Arbeitsgericht in München.» Flipcharts mit dem Titel: «Bin ich schon nackt? Machen sie den Test.» Oder eine Kolumne von Werner Vontobel, die mit dem Satz beginnt: «Sterblichkeit wird von vielen als störend empfunden.»

Der BlaA ist harmlos wie ein bekiffter ­kleiner Slacker.

Der BlaA ist eine verspielte und optimistische Zeitung und kommt damit ganz nach dem Vater, ­Peter Röthlisberger, genannt Rö. «Das Leben muss auch ein bisschen Spass machen», sagt Rö, als er an einem kalten Dezemberabend in der Kaufleuten-Lounge sitzt und Cola Zero trinkt. Das ist nicht nur sein persönliches Motto, er hat es auch seiner Zeitung verschrieben. Der 52-jährige Bündner wirkt gut gelaunt, obschon er gerade seinen Traumjob und seine Karriere verloren hat. «Dafür habe ich jetzt Zeit zum Skifahren», meint er nur.

Wie es zu seiner Kündigung kam, ist eine seltsame Geschichte, wie so oft bei Ringier. Rö war lange Jahre der Ziehsohn von Ringier-CEO Marc Walder. Er galt als talentiert, ein bisschen faul, aber auch wendig und gewitzt. Walder betraute ihn mit der Aufgabe, einen «Blick am Abend» zu konzipieren, und machte ihn zu dessen Chef. Vergangenen Februar hievte Walder Rö dann zusammen mit Iris Mayer zusätzlich auf den «Blick»-Chefsessel, nur um ihm im November mit Christian Dorer einen Super-Chefredaktor vor die Nase zu setzen. Rö wollte sich nicht degradieren lassen, es kam zum Showdown. Lichtschwerter kamen nicht zum Einsatz, aber sonst war es dramatisch. Walder habe Rö nur beiläufig kurz zitiert und habe nicht verstehen können, warum Rö den Personalentscheid nicht goutierte, berichten Insider. Die beiden hätten sich angebrüllt, schliesslich kündigten Rö und Mayer. Walder hat nun seinen Ziehsohn verloren und der BlaA seinen Vater.

«Suche Mann mit Hundeblick»

Die Frage bleibt, warum der BlaA so gut ankommt. Zwar wirkte er oft unbeholfen und manchmal unfreiwillig komisch, aber nie elitär. Vor allem aber schafft es der BlaA, volksnah zu sein auf eine Weise, wie es seinem grossen Bruder längst nicht mehr gelingen will. Der peitscht sein Publikum mit immer grösseren Schlagzeilen, grösserer Empörung und grösserem Mitgefühl — und sagt ihm, was es zu empfinden hat. Dagegen hielt sich der BlaA zurück. Er hatte nie den Anspruch, das deprimierende Weltgeschehen vollständig abzubilden, sondern simuliert seine eigene Wirklichkeit.

Nicht alle bei Ringier fanden das gut. Frank A. Meier tobte regelmässig, sagt ein Insider, wenn der BlaA allzu unbeschwert über Ghadhafis Uniformen oder die Bankenkrise berichtete – auf eine Weise, die Seiner Heiligkeit unangemessen schien. Andere störten sich daran, dass der BlaA im Sportteil immer wieder unverhohlen sexistisch daherkam oder dass er sich nur auf die Recherchen anderer verliess und kaum je etwas Bedeutungsvolles schrieb. Aber das war nie seine Aufgabe, besonders als Rö nach 2013 nicht einmal mehr eine eigene Redaktion hatte, sondern seine Inhalte vom «Blick»-Verbund bezog. Das Wichtigste beim BlaA war ohnehin immer etwas anderes. Nämlich dass er seinem Publikum Platz einräumt, sich selbst darzustellen.

Suche Mann ohne Mundgeruch

Insbesondere der der Community gewidmete Teil mit Leserrubriken und Datingseite liefert einen schönen Einblick in die Schweizer Durchschnittsseele. Im Schatzchäschtli, eine Art Plattform für öffentliche SMS, tönt es etwa so: «Hoi Rössli mis Chnusperli, ha di mega fest gern! Ech lieb di.» Manchmal schlägt dann das Bildungsbürgertum zurück, etwa bei folgendem Post: «Shads = Schatz! Ish = isch! Shönst = S Schönscht! Miternand = Mitenand! Hät di hütig Jugend eigentlich au mal Schuel bildig gnossä? Würd mi schäme, echt isch ja truurig!! Lernäd dütsch!»

Die Königsdisziplin bleibt aber die Rubrik «Single des Tages». Hier suchen Studentinnen, Sachbearbeiterinnen und Detailhandelskauffrauen nach «grossen, muskulösen Männern mit blauen Augen», in die man sich verliebt, wenn sie «einen guten Charakter haben». Wahlweise gehen auch helle, strahlende oder dunklen Augen oder gleich «mit Hundeblick». Was die Frauen abturnt, sind ungepflegte und betrunkene Männer, Achselschweiss, Mundgeruch, Bierbauch, fettige Haare und billige Anmachsprüche.

Wenn Heizungsmonteure, Kaufmänner und Hochbauzeichner nach ihrer Traumfrau suchen, tönt es genau so klischiert. Robin etwa sagt: «Meine Frau muss gross sein und tolle, lange Haare haben.» Lars sucht «eine blonde Frau oder eine Asiatin», Christian will «eine Blondine, nicht zu dick und nicht zu dünn». Ihre Hobbys oszillieren zwischen «Krafttraining», «Fitness» oder «Fussball». Alternativ geht auch: «Party» oder «Ausgang». Vielsagend sind auch die Vorlieben von Lars, 18. Sein Hobby: Shoppen. So verführt er: «Mit meinem Parfum.» Was ihn abtörnt: «Wenn eine Frau stinkt.» Was ihn hingegen antörnt: «Gucci und Louis Vuitton.» Trotz allem fanden sich zuweilen auch Singles, wurden zu Paaren und schliesslich Familien. Und auch darüber schrieb dann der BlaA.

Das Schweinemagen-Problem

In der Blick-Gruppe selber geniesst das Pendlerblatt nicht uneingeschränkten Support. Denn trotz Erfolg auf dem Lesermarkt hat Ringier damit bis heute kein Geld verdient. Und wie überall gibt es auch bei der Blick-Gruppe einen Verteilkampf um die Ressourcen. Die Entscheidungsträger betonen, man müsse die Blick-Gruppe als gesamtwirtschaftliches Konzept betrachten, die Rolle des BlaA sei, eine jüngere Zielgruppe an die Marke zu binden. Tatsächlich kann niemand genau sagen, warum der BlaA nie aus den roten Zahlen kam, vermutlich sind es strukturelle Gründe. Zum Beispiel das Schweinemagen-Problem: Detailhändler gehen davon aus, dass der gemeine Pendler schon morgens entscheidet, was er abends kochen will, inserieren sie die Schweinemagen-Aktion lieber am Morgen.

Weil der BlaA erst um 4 Uhr nachmittags erscheint, kann er keine acht Stunden Nutzerzeit für sich beanspruchen, sondern nur vier. Im Gegensatz zu «20 Minuten» wird BlaA zudem nur in der urbanen Deutschschweiz vertrieben, ein Wettbewerbsnachteil. Und obschon der BlaA gegen aussen keinerlei Berührungsängste mit aggressiven Werbeformen zu haben schien, wären die Werber gern noch viel weiter gegangen. Doch Rö habe gegen den totalen Ausverkauf des Blattes an die Werbung opponiert und sich gegen eine weitere Vermischung zwischen redaktionellen und bezahlten Inhalten gestellt.

Wie es jetzt mit dem Blatt weitergeht, ist offen. Es gebe keine Pläne, den Laden dichtzumachen, heisst es bei Ringier. Hingegen dürfte das Blatt an Kontur verlieren, da sein Vater und langjähriger Chef weg ist – und damit auch bald seine Fans. Bis dann dürfen wir jeden Abend auf Beiträge wie den folgenden gespannt sein: «Han dich (w) am Samschtig z’Nacht im Lambada gseh. Du bisch (Asiatin) und hesch mi mega fasziniert.:-) Bin dä wo Tequila trunke het. Bitte meld dich da.»

Erstellt: 15.12.2016, 20:28 Uhr

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