Huonder hat nichts zu befürchten

Noch nie wurde ein Bischof, der wegen homophober Äusserungen angeklagt wurde, verurteilt. Bischof Huonder dementierte, er habe die Todesstrafe für Homosexuelle gefordert.

Weiss das Gesetz auf seiner Seite: Bischof Vitus Huonder, hier auf einer Aufnahme von Februar 2012. Foto: Rene Ruis (Keystone)

Weiss das Gesetz auf seiner Seite: Bischof Vitus Huonder, hier auf einer Aufnahme von Februar 2012. Foto: Rene Ruis (Keystone)

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«Selbstverständlich trete ich nicht für die alttestamentliche Forderung nach der Todesstrafe für homosexuell empfindende Menschen ein», schreibt Huonder in einem Brief, den er am Mittwoch an seine 800 Mitarbeiter im Bistum Chur verschickte. Die von ihm zitierten Stellen aus dem Buch Levitikus entsprächen auf keinen Fall seiner Gesinnung.

Seine Aussage, mit diesen Bibelstellen der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende geben zu wollen, sei missverstanden worden: «Damit wollte ich nicht sagen, diese Bibelstellen seien für die Kirche eine Anweisung für ihr Handeln. Ich wollte zeigen, dass es in Levitikus eine drastische Ablehnung homosexueller Handlungen gibt und dass wir uns als Christen dessen bewusst sein müssen.» Er entschuldige sich bei allen Menschen, die sich durch seinen Vortrag in Fulda verletzt gefühlt haben, besonders bei «homosexuell empfindenden Menschen».

Im gestrigen Interview im «Blick» bestand er allerdings darauf, dass die katholische Kirche ihren Glauben weiterhin unverkürzt vertreten dürfe: «Heute gibt es auch in der Schweiz Leute, die für sich Toleranz fordern, aber die Meinungs- und Glaubensfreiheit von Andersdenkenden abschaffen wollen. Etwa mit neuen Gesetzen, die vor Diskriminierung schützen sollen, in Wahrheit aber nur Ausdruck einer Meinungsdiktatur sind».

Ein Gesetz fehlt

Pink Cross hingegen bedauert es, dass in der Schweiz bis heute kein Antidiskriminierungsgesetz bezüglich der sexuellen Orientierung existiert. Eine national­rätliche Kommission ist erst dabei, einen Vorschlag zur Erweiterung der Antirassismus-Strafnorm auszuarbeiten. Die Schwu­lenorganisation hat deshalb am Montag bei der Staatsanwaltschaft Graubünden Strafanzeige gegen Huonder aufgrund von Artikel 259 des Strafgesetzbuches deponiert: Er habe öffentlich zu Gewalttätigkeit und Verbrechen aufgerufen.

Laut Strafrechtler Christian Schwarzenegger von der Universität Zürich handelt es sich im Kontext des Vortrags jedoch kaum um eine Aufforderung zu Verbrechen oder Gewalttätigkeit. Artikel 259 verstehe eine solche Aufforderung als einen auf Beeinflussung anderer Menschen gerichteten kommunikativen Akt. Als einen Aufruf mithin, der andere Personen zum Handeln motivieren solle. Das kann auch der Gesetzgeber sein, der den Straftatbestand der Homosexualität einführen und mit der Todesstrafe sanktionieren soll. Wer jedoch einfach eine historische Tatsache feststelle oder seine Meinung sage, artikuliere noch keine Aufforderung.

«So homophob diese Bibelstelle und wohl auch der Vortrag Huonders sein mögen, ein eindeutiger Aufruf zur Gewalt­anwendung ist darin nicht enthalten», sagt auch Gerhard Fiolka, Strafrechtler an der Universität Freiburg. Im Kontext des Vortrages habe der Bischof der Bibel entnommen, dass homosexuelle Praktiken falsch seien. Daraus leite er ab, dass Gläubige von homosexuellen Praktiken Abstand nehmen und in der Seelsorge entsprechend angeleitet werden sollen. «Davon, dass irgendwer getötet oder irgendwem physische Gewalt angetan werden sollte, ist schlicht nicht die Rede.»

Aber selbst wo Antidiskriminierungs-strafnormen bestehen, gehen Bischöfe, die sich homophob äussern, straffrei aus. Das zeigen drei Beispiele aus dem Ausland, bei denen Anzeigen allesamt ins Leere liefen. Vom homophoben Churer Bischof haben sich inzwischen verschiedene Mitglieder der Schweizer Bischofskonferenz distanziert. In Stellungnahmen riefen Bischof Markus Büchel, St. Gallen, Charles Morerod, Freiburg, und der Einsiedler Abt Urban Federer zu Respekt gegenüber Homosexuellen auf. Büchel und Federer freuen sich gar über alle homosexuellen Beziehungen, in denen die Partner die Würde des andern achten. Das hat die Bischofskonferenz ­allerdings vor fünf Monaten nicht gehindert, mit Bischof Huonder die Segnung homosexueller Paare abzulehnen.

Erstellt: 14.08.2015, 07:13 Uhr

2010 provozierte André-Joseph Léonard, der Erzbischof von Brüssel, einen Skandal, weil er predigte, bei Aids gehe es um eine Art innewohnende Gerechtigkeit. Praktizierte Homosexualität sei ein Laster wie das Rauchen: «Wenn ein Raucher an Lungenkrebs erkrankt, ist das auch eine Art Gerechtigkeit.» Das Gericht erklärte später eine Klage gegen diese Aussage als gegenstandslos; der Kläger, ein Anwalt, sei selber nicht betroffen. Eine Aktionsgruppe warf Léonard später während der Messe eine Torte ins Gesicht.

Letztes Jahr wurde erstmals ein Kardinal wegen homophober Äusserungen vor Gericht gebracht, Fernando Sebastian Aguilar. Der 84-jährige frühere Erzbischof von Pamplona hatte Homosexualität als Defizit bezeichnet – das heilbar sei. Doch spanische Richter und später auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte monierten, er habe nur die offizielle Lehre der Kirche aus dem Weltkatechismus zitiert, ein Buch, das vom Gesetzgeber geschützt sei.

Auch Bischof Juan Antonio Reig von Alcala de Henares musste letztes Jahr vor Gericht. Er hatte öffentlich bedauert, in Spanien gebe es immer mehr Gesetze, welche die Schöpfungstheologie verdunkelten, wonach Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen habe. Auch dieses Verfahren endete mit einem Freispruch. In allen Fällen machten die Homosexuellen-Organisationen mit ihren Strafanzeigen jedoch bewusst, wie ­homophob Lehre und Kleriker sind.

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