«Huonder stellt sich in eine Ecke mit afrikanischen Diktatoren»

Mit seinen Aussagen zu Homosexuellen bringt der Bischof von Chur auch Katholiken gegen sich auf. Der Kapuziner Willi Anderau hält Huonder für nicht mehr tragbar.

Umstrittener Bischof: Vitus Huonder (links) verlässt nach einer Messe die Kathedrale in Chur. (9. März 2011)

Umstrittener Bischof: Vitus Huonder (links) verlässt nach einer Messe die Kathedrale in Chur. (9. März 2011) Bild: Arno Balzarini/Keystone

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Herr Anderau, was sagen Sie zu Bischof Huonders Aussagen?
Nun, wenn ein Laie in dieser fundamentalistischen Art aus der Bibel zitiert hätte, wäre dies für mich erklär- oder sogar begreifbar gewesen. Dass aber ein Profi, der Theologie studiert und habilitiert hat, die Bibel auf diese plumpe und populistische Weise braucht, ist skandalös. Bischof Huonder stellt sich in eine Ecke, in der heute afrikanische Diktatoren stehen, die für homosexuelle Menschen die Todessstrafe fordern. Es tut mir leid, aber ich fühle mich unangenehm an eine Diktatur erinnert, die 75 Jahre zurückliegt und damals homosexuelle Menschen mit Rosadreiecken markierte und im Konzentrationslager tötete. In einer demokratischen Regierung würde vermutlich abgesetzt, wer sich so äusserte. In einer Kirche, die unter dem Leitgedanken der Barmherzigkeit und dem von Jesus Christus verkündeten Evangelium steht, sind solche Aussagen skandalös. Sie sind das pure Gegenteil der christlichen Werte, ja vielleicht gar häretisch. Für mich ist Huonder als Bischof nicht mehr tragbar.

Wird Huonders Absetzung nun ein Thema für den Vatikan?
Ein Bischof muss mit 75 Jahren seinen Rücktritt einreichen; Huonder ist nun 73. Ich vermute, dass Rom die Angelegenheit aussitzen will. Einen Bischof zum Rücktritt aufzufordern, ist innerhalb der Kirche immer auch ein Skandal. Ich glaube aber, dass man da ein Zeichen setzen müsste.

Welche Absicht vermuten Sie hinter Huonders Aussagen?
Huonder betreibt eine explizit konservative Kirchenpolitik, unterstützt die Piusbruderschaft und feiert Gottesdienste im tridentischen Stil, was heute nicht mehr üblich ist. Die Aussagen zur Homosexualität machte er in Deutschland vor einem fundamentalistischen, fast schon faschistoiden Kreis. Dieser stellt sich eine rein theokratische Kirche vor, also eine Kirche, die von Gott über die Hierarchie gesteuert wird. Es ist das Zerrbild eines Kirchenbildes. Das 2. Vatikanische Konzil sprach vom ganzen Volk Gottes, welches von Gott durch die Geschichte geleitet wird. Es sind also immer Menschen, welche die Kirche lenken, und diese können auch demokratisch gewählt werden. Ich kann mir vorstellen, dass Huonder das duale Kirchensystem, wie es sich in der Schweiz bewährt hat, also eine Verbindung der hierarchischen und der staatsrechtlichen Kirchenverfassung, aufsprengen möchte und eine Allianz sucht, um auf eine Zerstörung dieses Systems hinzuarbeiten.

Geht es Huonder nicht auch darum, Stimmung gegen eine Öffnung der Ehe für Homosexuelle zu machen?
An der Tagung in Deutschland ging es tatsächlich um Ehe und Partnerschaft. Ich glaube, Huonders Äusserungen sind auch als Reaktion auf die Bischofssynode in Rom zu sehen, die im Herbst stattfinden wird. Dass über die bisherigen Positionen der Kirche zu Ehe und Sexualität diskutiert wird, stösst in Chur bitter auf. Ich weiss aus sicheren Quellen, wie verächtlich man im Bischofshaus über Papst Franziskus spricht. Wenn ein Papst eine Synode ausruft, heisst dies, dass man über solche Themen offen reden darf. Viele haben deshalb wieder Hoffnung geschöpft. Chur hingegen wartet bereits auf die Zeit nach Franziskus.

Huonder sagte, ihm scheine, das authentische Wort komme zu kurz. Ist die Idee, das Alte Testament wörtlich zu predigen, in der katholischen Kirche noch verbreitet?
Nein, gar nicht. Im Alten Testament stehen noch ganz andere Sätze. Man könne eine Frau als Sklavin halten, zum Beispiel. Kein Mensch käme jedoch bei uns auf die Idee zu sagen, dies sei das Gesetz Gottes. Man muss solche Aussagen unter Berücksichtigung des kulturellen Kontexts interpretieren. Auch einem Huonder käme es nicht in den Sinn, die Beschreibung der Schöpfung als Siebentagewerk als wissenschaftliche Aussage zu verstehen. Er ist also sehr willkürlich in seiner Auswahl von Bibelstellen. Er behauptet jetzt, er sei missverstanden worden. Ich frage: Ist dieses Missverständnis gar beabsichtigt?

Huonder ist einer der wenigen Würdenträger in der katholischen Kirche in der Schweiz, die sich so drastisch gegen Homosexuelle äussern. Doch muss man nicht annehmen, dass es etliche andere gibt, die seine Meinung stillschweigend teilen?
Davon kann man wohl ausgehen. Ein Umdenken findet in der katholischen Kirche im Vergleich zur Profanwissenschaft immer mit einer Verzögerung statt. Das war schon bei Galileo so. Die Wissenschaft wusste schon lange, dass die Welt sich dreht, während die Kirche noch an ihrer Lehre festhielt. Bei den Themen Sexualität, Partnerschaft und Ehe ist im Moment ein Umdenken auf breiter Ebene in Gang. Die Erkenntnis, dass Homosexualität nicht wie früher gesagt eine Krankheit ist, ist inzwischen auch über wissenschaftliche Kreise hinausgedrungen; aber in kirchlichen Kreisen spricht man immer noch von Heilung oder von Barmherzigkeit und Mitleid gegenüber solchen Menschen. Dabei kommt Homosexualität in der Natur vor, ist also Teil der Schöpfung. Dass einige bei dem Thema immer noch ein Unbehagen verspüren, lässt sich aber nicht bestreiten.

Huonder verlangt von homosexuellen Menschen Keuschheit. Das ist aber nicht nur seine Position, sondern laut Katechismus die offizielle Lehre der katholischen Kirche. Wann rückt die Kirche von dieser Position ab?
Der Katechismus ist ja nichts anderes als eine Momentaufnahme des Stands der Lehre. Die Position zur Homosexualität ist zur Zeit von Johannes Paul II. verfasst worden. Heute sind die Profanwissenschaft und die Theologie aber längst weiter. Ich glaube, hinter diese Diskussionen kann man nicht zurückgehen. Irgendwann wird der römische Katechismus nachgeführt werden. Was darin steht, wurde ja nicht von Gott geschrieben. Es ist nur die zur Zeit geltende Lehre der Kirche, welche die Bibel immer wieder neu auslegen muss.

Welche Position sollte die katholische Kirche Ihrer Meinung nach zur Homosexualität vertreten?
Die Kirche sollte auf glaubwürdige Partnerschaften hinwirken. Wir müssen uns nicht in die Naturwissenschaften einmischen; da haben wir nichts zu sagen. Die Kirche sollte den Leuten helfen, in Partnerschaften Liebe und Treue zu pflegen und Beziehungen nicht auszunützen. Sexualität ist ein Geschenk der Schöpfung, das aber auch missbraucht werden kann.

Der Rapper Gimma spricht von Kirchenvertretern aus Huonders Bistum, die sich sexueller Übergriffe schuldig gemacht hätten. Tut Huonder genug, um zurückliegende Missbrauchsfälle aufzuklären?
Da muss ich passen. Nicht aus diplomatischen Gründen – ob Sachen unter den Teppich gekehrt wurden, weiss ich schlicht nicht. Ich habe den Eindruck, dass in der katholischen Kirche in dieser Hinsicht einiges ging. Wenn ich den Text richtig verstanden habe, hat der Rapper ja auch nicht gesagt, dass diese Fälle vertuscht worden seien. Recht hat er sicher damit, dass wer im Glashaus sitzt, nicht mit Steinen werfen sollte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.08.2015, 16:43 Uhr

Der Kapuziner Willi Anderau ist Sprecher der Pfarrei-Initiative, die sich für eine Erneuerung der katholischen Kirche einsetzt. (Bild: zvg)

Huonders Vortragstext

Die Passage zur Homosexualität in Huonders
Manuskript zu seinem Vortrag am Kongress «Freude am Glauben» in Fulda:

«Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel.

Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen.


Die beiden Texte legen mit weiteren anderen Stellen der Heiligen Schrift, insbesondere im Buch Levitikus, die göttliche Ordnung vor, welche für den Umgang mit der Sexualität gilt. In unserem Fall geht es um die gleichgeschlechtliche Praxis. Die beiden zitierten Stellen allein würden genügen, um der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben. Die Aussage hat daher auch Bedeutung für die Definition der Ehe und der Familie. Da gibt es keine Vielfalt der Ehe- und Familienmodelle. Davon nur schon zu sprechen, ist ein Angriff auf den Schöpfer, aber auch auf den Erlöser und Heiligmacher, also auf den dreifaltigen Gott.»

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