Hurra, es war ein Eritreer!

Wie die SVP den Mordfall in Frankfurt politisch ausschlachtet, ist ziemlich daneben.

Nach dem Zwischenfall in Frankfurt waren vier Bahnsteige stundenlang gesperrt. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

Nach dem Zwischenfall in Frankfurt waren vier Bahnsteige stundenlang gesperrt. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist noch nicht so lange her, erst im März, da erstach eine offensichtlich verwirrte Schweizer Seniorin einen siebenjährigen Buben aus Kosovo. Der Bub war auf dem Weg aus der Schule nach Hause, Seniorin und Kind kannten sich nicht.

Tragisch war das, sehr traurig, aber interessanterweise nicht politisch. Keine Partei forderte, dass Seniorinnen und Senioren künftig konsequent in Altersheime abgeschoben würden. Niemand reklamierte strengere Gesetze für Alte, die nicht mehr bei Sinnen sind. Niemand unterstellte allen Seniorinnen und Senioren, dass sie potenzielle Kindsabstecher sind.

War halt eine Schweizerin. Und war halt ein Bub aus Kosovo.

Besser liegen die Fakten beim Fall in Frankfurt. Wie viel besser, das zeigt ein Blick in die sozialen Medien. «Wer nach der abscheulichen Tat in Frankfurt tatsächlich noch meint, dass das Thema Klima das grösste Problem Europas sei, verkennt die Lage vollends», twitterte ein Basler Parteifunktionär der SVP (und meinte das, so glaube ich, ernst).

Reicht dieser Mord nicht?

Die Partei und ihre Exponenten verbrachten den gestrigen Tag damit, aus der Tötung des achtjährigen Knaben in Frankfurt einen Wahlkampfschlager zu machen. Fast schon unverhohlen die Freude, dass es sich beim Täter um einen Eritreer handelt. Haben wir es nicht immer gesagt! «Die Zürcher SVP kritisiert seit jeher die lasche Asylpolitik gegenüber Eritreern. Diese abscheuliche Tat zeigt einmal mehr auf, dass es sich bei solchen Personen um nicht integrierbare Gewalttäter handelt, die in der Schweiz nichts verloren haben», hiess es in einer Medienmitteilung der Zürcher SVP.

Ist das nun die Wende? Hat die SVP nun endlich ihr Wahlkampfthema? Spielt es eine Rolle, dass man nur wenig über die Hintergründe weiss (offensichtlich nicht)? Reicht es, wenn im fernen Frankfurt ein Bub umgebracht wurde? Oder wäre es vielleicht nicht noch ein bisschen besser, wenn es etwas näher wäre? Wenn der schwarze Mann gleich hier vor der eigenen Tür sein Unwesen treiben und Angst und Schrecken verbreiten würde? «Die Zürcher SVP stellt fest», heisst es zum Schluss dieser absonderlichen Medienmitteilung, «dass ein solcher Mord jederzeit auch in der Schweiz passieren kann.»

Kann er durchaus. Oder ist er schon. Im März, in Basel. Als eine verwirrte Seniorin aus der Schweiz einen Schulbuben aus Kosovo abstach. Abscheulich.

Erstellt: 30.07.2019, 19:23 Uhr

Artikel zum Thema

Zürcher Musterflüchtling ist Frankfurter Mordverdächtiger

Der Eritreer, der einen Jungen vor einen Zug gestossen hat, galt bei den VBZ lange als vorbildlicher Mitarbeiter. Letzte Woche wurde er plötzlich gewalttätig. Mehr...

Täter von Frankfurt ging bereits in Zürich mit Messer auf Nachbarin los

Ein Mann hat in Frankfurt einen 8-Jährigen vor den Zug gestossen. Auch in der Schweiz suchte ihn die Polizei. Mehr...

Politiker fordern sichere Bahnhöfe nach asiatischem Vorbild

Nach der Tat in Frankfurt wollen deutsche Politiker Abschrankungen auf Perrons einführen. Wir haben nachgefragt, wie gefährlich Schweizer Bahnhöfe sind. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...