«Ich bin auch so einer»

Wie outet man sich bei den Eltern? Sind Bisexuelle immer in zwei Menschen verliebt? Ein Schulbesuch zeigt, welche Fragen Jugendliche zur gleichgeschlechtlichen Liebe beschäftigen.

Konkrete Beispiele helfen gegen Vorurteile: Sam Mosimann erzählt vor der Klasse in Aarau auch seine eigene Geschichte. Foto: Thomas Egli

Konkrete Beispiele helfen gegen Vorurteile: Sam Mosimann erzählt vor der Klasse in Aarau auch seine eigene Geschichte. Foto: Thomas Egli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Petar*, dunkelbraune Augen und hellrosa Pulli, sitzt im Schulzimmer und wartet. Er wirkt aufmerksamer als die anderen 25 Jugendlichen, die mit ihm im Kreis sitzen. Als wäre er angewiesen auf das, was kommt. Gleich beginnen drei Stunden Spezialunterricht.

Die Organisation Gleichgeschlechtliche Liebe leben (GLL) ist zu Besuch bei der Kantonalen Schule für Berufsbildung Aarau. Die Schülerinnen und Schüler zwischen 16 und 18 sind im 10. Schuljahr. Bald werden sie als medizinische Praxisassistentin, Detailhandelsfachmann, Koch oder Autolackiererin zum ersten Mal einem Beruf nachgehen. Sie werden ihr erstes eigenes Geld verdienen und erste Schritte in der Welt der Erwachsenen machen. Für manche von ihnen gibt es auch heute ein erstes Mal: über Homo- und Bisexualität reden.

Sam Mosimann und zwei Frauen wollen die Jugendlichen aufklären. GLL wurde unter anderen von Pink Cross, dem Verband der schwulen und bisexuellen Männer, und der Lesbenorganisation Schweiz gegründet. In den Dreierteams auf Schulbesuch sind immer ein Mann und eine Frau, die homo- oder bisexuell sind, und ein Elternteil eines homo- oder bisexuellen Kindes. Mosimann sagt: «Wenn wir vor einer Klasse stehen, sind wir drei Menschen aus Fleisch und Blut mit einer eigenen Geschichte.» Konkrete Beispiele helfen gegen Vorurteile, wie es sie in jeder Gesellschaft gibt.

Junge Männer tun sich mit dem Thema Homosexualität schwerer als junge Frauen.

In der ersten Übung bilden die ­Jugendlichen Gruppen und überlegen sich eine Theaterszene zu Homo- und Bisexualität. Drei wählen eine Situation, in der sich das Kind bei den Eltern ­outet. «Oh my God, du bisch ja megaheiss!», sagt etwa der Sohn zu einem fremden Mann, während er mit seinen Eltern durch einen Park spaziert. Er streichelt dem Fremden über den Arm, dieser schubst ihn weg. «Erklärst du mir das?», fragt die Mutter den Sohn. Er antwortet: «Ich stehe auf Männer. Aber ich hatte Angst, es euch zu sagen.» Der Vater reagiert noch abweisender als die Mutter. Nach der Darbietung fragt das GLL-Team in die Runde: «Ist es realistisch, was wir eben gesehen haben? Sind Schwule aufdringlich?» Einige Jungs lehnen sich breitbeinig zurück, verschränken die Arme. Nur Petar streckt auf. «In der Realität wäre man schüchterner», sagt er. Dann fügt er schüchtern an: «Ich bin auch so einer.»

Statistisch gesehen sitzt in jeder Klasse mindestens eine Person, die sich vom gleichen Geschlecht angezogen fühlt. Es gibt allerdings nur Schätzungen, wie viele Bisexuelle, Lesben und Schwule in der Schweiz leben: zwischen drei und zehn Prozent der Bevölkerung. Eine Minderheit, die von der Mehrheit als «anders» wahrgenommen wird.

«Bisch du au verliebt i ihn?»

«Wenn sich jemand outet, gliedert er sich in eine der schwächsten Gruppen der Gesellschaft ein», sagt Mosimann. Einer Jugendbefragung von 2017 zufolge fanden 14,3 Prozent der Befragten, Homosexualität sei unmoralisch. Gemäss einer ZHAW-Erhebung von 2019 empfinden es 23,3 Prozent der Jugendlichen als «ekelhaft», wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen.

Eine andere Theaterszene: Zwei Mädchen halten Händchen. Sie verabschieden sich voneinander, dann trifft das eine Mädchen auf einen Jungen, den sie küsst. Sie ist bisexuell, führt zwei Beziehungen gleichzeitig, ohne dass die anderen beiden voneinander wissen. Am Ende der Szene wird sie überführt. Das GLL-Team fragt erneut: «Was denkt ihr: Ist das so? Lieben Bisexuelle immer zwei Menschen gleichzeitig? Und müssen sie die eine Beziehung mit einer anderen tarnen?»

GLL will den Jugendlichen mit solchen Fragen aufzeigen, dass man manchmal unbewusst Vorstellungen ­davon hat, wie andere leben. Und dass anders lieben trotzdem bedeuten kann, die gleichen Bedürfnisse zu haben. Zwei Mädchen, offenbar gute Freundinnen, sitzen eng nebeneinander, die eine hat ihren Arm um die andere gelegt. Sie ­hören interessiert zu. Ein paar Jungs ist das zu ernst, sie machen sich über einen anderen lustig: «Hey, bisch du au verliebt i ihn?» – «He, nei, nei, nei!»

Mosimann beobachtet auf den Schulbesuchen, dass sich die jungen Männer mit Homosexualität schwerer tun als die Frauen. «Wenn sie erfahren, dass einer schwul ist, denken sie sofort, sie würden jetzt ständig angemacht.» Als wäre Homosexualität eine Gefahr, vor der sie sich schützen müssten. Solche Ablehnung haben Petar und Sabrina*, die sich zu ihm setzt, beide schon erlebt.

Erst vor dreissig Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus der Liste von physischen und psychischen Krankheiten gestrichen. 

Sabrina, die sich selbst als lesbisch, asexuell und genderfluid bezeichnet, sagt, dass man sie früher als Kind Satans beschimpft habe. Als sie ins 10. Schuljahr wechselte, erzählte sie den anderen aus der Klasse schon am dritten Tag von ihrer sexuellen Orientierung. Sie sassen in der Pause auf einem Bänkli, es ging darum, wer gerade verliebt sei. «Wir haben hier so viele verschiedene Religionen und kommen aus verschiedenen Ländern, da dachte ich, ich kläre das am besten gleich», sagt Sabrina. Alle hätten das akzeptiert. «Ein Mensch bleibt ein Mensch», finden ein paar Mädchen.

Von Petar wissen hier die meisten, dass er schwul ist. «Ich wurde schon ­wegen meines pinken Pullis beleidigt», sagt er. Er trägt ihn trotzdem. Schlimmer war, was er sich an der alten Schule anhören musste: Mitschüler, die sagten, er sei psychisch krank.

Was abstrus klingt, war bis 1990 offiziell anerkannt. Erst vor dreissig Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus der Liste von physischen und psychischen Krankheiten gestrichen. Es liessen sich keine wissenschaftlichen Daten finden, die den Krankheitsbefund bestätigten. Dass homo- und bisexuelle Personen auch heute noch ein fünfmal höheres Risiko tragen, Suizid zu begehen, und dass sie häufiger Opfer von Angriffen werden, hat mit ihrer Stigmatisierung zu tun und nicht mit medizinischen Ursachen.

«Nicht bei uns in Somalia»

In der Schweiz wurden gleichgeschlechtliche Handlungen erst 1942 legal. Und noch immer wird rechtlich zwischen ­hetero- und homosexuellen Menschen unterschieden. Homosexuelle Paare dürfen nicht heiraten, haben keinen Zugang zur künstlichen Befruchtung und können lediglich Stiefkinder adoptieren. Am 9. Februar stimmen die Schweizerinnen und Schweizer darüber ab, ob der Schutz vor Diskriminierung wegen der Rasse, Religion oder Ethnie auf die sexuelle Orientierung ausgeweitet werden soll.

Das GLL-Team blendet Folien mit Fakten über die ungleiche Behandlung ein. Auf einer Weltkarte sind die Länder verschieden eingefärbt – je nachdem, ob Homosexuelle verfolgt werden oder vom Gesetz geschützt sind. Ein Junge in der Klasse, immer noch breitbeinig und mit verschränkten Armen, sagt: «Bei uns in Somalia gibt es keine Schwulen.» Auf der Karte erkennt man, dass in seiner Heimat für gleichgeschlechtlichen Sex teilweise die Todesstrafe gilt. Einer mit thailändischen Wurzeln streckt auf: «Es heisst, dass Homosexuelle in Thailand frei leben können. Aber es stimmt eigentlich nicht.»

«Bei uns in Somalia gibt es keine Schwulen», sagt ein Junge in der Klasse.

«Eine Klasse repräsentiert oft das gesamte gesellschaftliche Spektrum», sagt Mosimann. Manche wissen viel, andere nichts. Manche sind aufgeschlossen, ­andere bringt man auch während drei Stunden nicht von ihren Vorbehalten ab. Immer wieder sind solche darunter, denen das alles egal scheint. Es sei aber selten so, dass er gegen eine Wand rede, sagt Mosimann. Und für die persönlichen Geschichten, die das GLL-Team ­erzählt, interessieren sich alle. Zu diesen stellen die Jugendlichen gegen Ende auch die meisten Fragen. «Sind Sie mit Ihrem ersten Freund noch zusammen? Ist es Zufall, dass Ihr Onkel auch homosexuell ist, oder ist das erblich?»

Petar hat auch eine Frage, er formuliert sie möglichst abstrakt: «Angenommen, Sie wären eine strenge Familie und würden durch jemand anderes ­erfahren, dass Ihr Sohn schwul ist. Wie ­würden Sie reagieren?» Seine Kollegin fragt etwas Ähnliches. Dann streckt Petar wieder auf: «Wie outet man sich bei einer strengen Familie?» Er hört, dass es helfen kann, sich Verstärkung zu holen. Jemanden, auf den man sich verlassen könne. Dem vielleicht sogar die Familie vertraue. Petar ist unsicher. Seine Eltern wissen nicht, dass er schwul ist. Er glaubt, dass sie auf sein Outing «eher negativ» reagieren.

* Name geändert

Erstellt: 26.01.2020, 22:19 Uhr

Die Abstimmung vom 9. Februar

In zwei Wochen stimmen wir darüber ab, ob die Antirassismusstrafnorm erweitert werden soll. Heute umfasst die Strafnorm Rasse, Ethnie und Religion. Nun soll auch die sexuelle Orientierung darin enthalten sein. Bestraft wird etwa, wer zu Hass oder Diskriminierung aufruft, entsprechende Ideologien verbreitet oder Propagandaaktionen organisiert. Gegen die Gesetzesänderung wurde von Vertretern der EDU und der Jungen SVP das Referendum ergriffen. Mit Ausnahme der SVP unterstützen alle grossen Parteien die Vorlage. (red)

Artikel zum Thema

«Mancher ging ins Gefängnis wegen der Anti-Rassismus-Strafnorm»

Martine Brunschwig Graf, Präsidentin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, sagt, warum die Anti-Rassismus-Strafnorm erweitert werden soll. Mehr...

Wer macht Angst vor sozialer Gerechtigkeit?

Kommentar Demagogie bestimmt den Kampf gegen den angeblichen «Minderheitenterror». Das geht nicht. Mehr...

Hass ist keine Meinung

Kolumne Warum die Erweiterung der Antirassismusstrafnorm die Meinungsfreiheit stärkt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Kunst-Blumen: Zum Valentinstag schenkt Banksy der Stadt Bristol eine neues Werk. Das Blumen werfende Mädchen schmückt eine Wand im Stadtteil Barton Hill. (14. Februar 2020)
(Bild: Finnbarr Webster) Mehr...