«Ich bin doch Idioten nicht Rechenschaft schuldig»

Andreas Glarner löscht seinen Twitter-Account. Der Grund: Er verbreitete eine Falschinformation – und wurde dann hart angefasst.

Twittert nicht mehr: Andreas Glarner am «Abstimmungshöck» der SVP im Gasthof Schützen in Aarau (5.Juni 2016)

Twittert nicht mehr: Andreas Glarner am «Abstimmungshöck» der SVP im Gasthof Schützen in Aarau (5.Juni 2016) Bild: Walter Bieri/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Andreas Glarner löscht seinen Twitter-Account. Auf Facebook, dort, wo er selektieren kann, wer ihm schreiben und folgen darf, lamentiert er über Twitter: «Was dort an Gehässigkeiten von der linken Seite gepostet wird, geht auf keine Kuhhaut.» Doch Andreas Glarner, selber auch um keine saloppe Provokation (wir erinnern uns: «Kopf hoch statt Kopf ab!»-Plakate) verlegen, ist keineswegs nur Opfer linker Twitter-Trolle geworden.

Umfrage

Andreas Glarner sagt: «Ich bin doch irgendwelchen Twitter-Idioten nicht Rechenschaft schuldig». Geben Sie dem Nationalrat Recht?





Glarners Leidensgeschichte beginnt zwei Tage vor der Abstimmung über die Revision des Asylgesetzes, oder, wie es die SVP im Abstimmungskampf genannt hat, der Enteignungsvorlage: «Schweizer erwacht endlich: «Der Bund kündigt in Chiasso langjährigen Mietern im AHV-Alter, weil er Platz für 500 Asylbewerber braucht». Die Geschichte erinnert arg an den Vorwurf Mörgelis, ein Altersheim würde zu einem Asylhotel umgebaut (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

Glarners 500 Asylbewerber gibt es nicht

Wahr ist die Story allerdings nicht. Zum Zeitpunkt des Anstosses der Kontroverse ist die Nutzung des geräumten Gebäudes noch nicht geklärt – allerdings kam der Befehl aus dem Bundesamt für Bauten und Logistik, das ausgerechnet Ueli Maurers Finanzdepartement unterstellt ist. Roberta Pantani, Lega-Nationalrätin und Vize-Gemeindepräsidentin von Chiasso, erklärte gegenüber lokalen Medien, sie habe sich deshalb mit Ueli Maurer in Verbindung gesetzt.

Glarners «500 Asylbewerber» in Tweets – mittlerweile gelöscht. (Quelle: Screenshot von @moninielsen / Twitter)

Das BBL bestätigt Tagesanzeiger.ch/Newsnetz jedoch, es sei nicht einmal eine Räumung geplant. Der Eigentümer der Liegenschaft habe dem Mieterehepaar auf Ende August ordnungsgemäss gekündigt, dies, weil dringlicher Bedarf für Büroräumlichkeiten für das Staatssekretariat für Migration besteht. «Eine angebliche Unterbringung von 500 Asylbewerbern ist nicht geplant und nicht möglich, da das Haus deutlich zu klein ist und ein Abriss mit allfälligem Neubau eines Zentrums aufgrund der Zonenplanung dort rechtlich nicht möglich ist», schreibt das BBL. Weiterhin, lässt das BBL verlauten, suche man nach einer Lösung, die «für alle Seiten möglichst akzeptabel sein wird».

«Herr Andreas Glarner, sind Sie ein Lügner?»

Glarners Falschinformation stiess daraufhin auf Twitter auf Kritik – besonders das Twitter-Duo Moni Nielsen und Susanne Oberli verlangen von Glarner Rechenschaft: «Wir sind mit einer gewissen Hartnäckigkeit drangeblieben», erklärt Nielsen. So eine vitale Falschinformation kurz vor einer Abstimmung in die Runde zu bringen, fände sie nicht in Ordnung. Glarner gibt schliesslich Antwort auf die Frage nach seiner Quelle: Lega-Nationalrätin Roberta Pantani. «Reicht das?», schreibt Glarner.

«Dann sollen sie doch ihre linken Brüdern und Schwestern fragen»Andreas Glarner, SVP-Nationalrat

Auf die zahlreichen Hinweise, eben diese Frau Pantani liege auch falsch, folgt von Glarner keineswegs ein «Mea Culpa». Und dann die Frage von Oberli: «Herr Andreas Glarner, sind Sie ein Lügner?» mit Verweis auf die tatsächlich vorhandene Informationslage. Die Frage bleibt unbeantwortet.

Der Tweet des Anstosses:

Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet verteidigt Glarner später sein Schweigen. «Ich bin doch irgendwelchen Twitter-Idioten nicht Rechenschaft schuldig». Hat das Stimmvolk nicht das Recht, von Politikern zu verlangen, sich zu rechtfertigen? Glarner: «Dann sollen sie doch ihre linken Brüdern und Schwestern fragen».

Glarners Beleidigung

Das Twitter-Duo – nun unterstützt von zahlreichen anderen Schreibern - bleibt hartnäckig und fragt ununterbrochen nach: «Andreas Glarner konnte nichts mehr auf Twitter äussern, ohne die Frage zu lesen». Irgendwann schreibt Susanna Oberli: «Möchte immer noch wissen, ob Andreas Glarner gelogen hat. Der Beeinflussungsversuch einer Abstimmung durch Lügen eines Nationalrats ist keine Bagatelle!», worauf Glarner endlich antwortete.

Glarner: «Oh Gott, Sie scheinen im echten Leben echt zu kurz gekommen zu sein»

Oberli: «Warum? Weil wir wissen möchten, ob Ihnen ihr «Irrtum» jetzt bewusst ist?»

Nielsen: «Ist jemand, der diese Fragen stellt, im echten Leben zu kurz gekommen? Ich dachte eher eine souveräne Bürgerin».

Dann lässt sich Glarner zu einer Beleidigung hinzureissen: «Nein, nicht der Frage wegen, eher des Profilbildes». Als diese ironisch erwidert, Physiognomik, also das Analysieren der Gesichtszüge, sei unwissenschaftlich, schreibt Glarner: «Dazu braucht es keine Kenntnisse der Physiognomie, sondern ein ganz normales Bewusstsein für Ästhetik».

Glarners Redefreiheit

Andreas Glarner selber will darin keine Beleidigung sehen. «Das ist meine Freiheit», erklärt er. «Und wenn ich mir diese beiden Gesichter so anschaue, sind beide im Leben zu kurz gekommen». Staatsmännisch sei das «natürlich» nicht, aber auf ständige Provokationen würde man manchmal auch nicht ganz so nett reagieren.

Nielsen schreibt Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Durch eine Nichtreaktion hätte er uns vielleicht ausgehungert. Wegen der Beleidigungen war er dann chancenlos». Tatsächlich schalteten sich nach Glarners kontroverser Äusserung mehr und mehr Leute ein. Einige davon auch mit Kommentaren unter der Gürtellinie, das gesteht auch Moni Nielsen ein.

«Alles muss ich meinem Kopf nicht zuleide tun»

Von den vielen Reaktionen fühlte sich Glarner belästigt. Alle seine Tätigkeiten – vor allem jene als Asylchef der SVP – seien konstant hinterfragt worden. «Ich weiss, dass da eine gewisse Systematik dahintersteckt». Das habe er von einer Person erfahren, die sich gut mit Twitter und Facebook auskennt. «Das muss eine Gruppierung sein, die sich auf die Fahne geschrieben hat, sie wolle sämtliche Personen, welche die SVP gut finden, diskreditieren». Er sei zum Beispiel als «brauner Bergler» bezeichnet worden. Besonders zu Schaffen hätten Glarner Tweets gemacht, die an seine Kinder gerichtet worden seien, auch von Drohungen berichtet er – und habe deshalb Anzeige erstattet.

Glarner habe schliesslich sein Profil gelöscht, weil das Twittern für ihn mit einer Schmälerung der Lebensqualität einher gegangen sei. «Alles muss ich meinem Kopf nicht zuleide tun, was von dieser Seite kommt», sagt Glarner.

Erstellt: 18.06.2016, 17:14 Uhr

Artikel zum Thema

«Wer hat denn Andreas Glarner gecoacht?»

Stacheldraht ja oder nein? SVP-Exponenten sind sich uneinig. Auch die Parteichefs werden kritisiert. Mehr...

«Andy, spiel jetzt nicht die Mimose»

Nach der Asyl-Abstimmung in Oberwil-Lieli greift die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli Gemeindeamman Andreas Glarner frontal an. Mehr...

«Man hätte das Interview mit Glarner gleich abbrechen können»

Interview FDP-Ständerat Philipp Müller unterstellt SVP-Asylchef Andreas Glarner «fehlende Sachkenntnis». Und sagt, die Partei wolle das Asylproblem gar nicht lösen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Wie zahlen sich Investitionen in Analytics und KI aus?

Analytics und künstliche Intelligenz (KI) stehen bei vielen Unternehmen oben auf der Agenda. Das bedeutet aber nicht, dass die Investitionen auch zu einem geschäftlichen Mehrwert führen.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...