Ein Schweizer löst in Malaysia eine Staatskrise aus

Xavier Justo will mit heimlich kopierten Firmendaten Millionen machen. Seinetwegen gingen in Malaysia Zehntausende auf die Strasse. Heute sitzt er in einem Gefängnis in Thailand. Wir haben ihn besucht.

Xavier Justo kurz nach seiner Verhaftung auf Ko Samui. Foto: EPA, Keystone

Xavier Justo kurz nach seiner Verhaftung auf Ko Samui. Foto: EPA, Keystone

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Xavier Justo zeichnet ein Rechteck auf den Notizblock: der Grundriss seiner Zelle. Dann 15 kleine Rechtecke: die Betten. Auf denen 15 Männer lesen, essen, schlafen. Zwei Quadrate: die Toiletten. Zwei Striche: die Tür. Eine Linie in einer Ecke: der Fernseher. «In der ersten Zelle, nach meiner Verhaftung, waren wir 30 Leute», sagt er. «Wir schliefen Körper an Körper. Jetzt ist es viel besser. Alles ist einigermassen sauber, die Wachen stecken mir manchmal Biskuits zu.»

Seit zweieinhalb Monaten lebt der 48-jährige Genfer im Remand Prison, einem Gefängnis im Norden Bangkoks. Er wurde im Juni auf Ko Samui verhaftet. Danach ging sein Name um die Welt; selbst die «New York Times» schaltete einen Artikel – Justo engagierte einen teuren Genfer Anwalt samt PR-Berater.

Die Kurzversion der Geschichte geht so: Ein Schweizer stiehlt einer Ölfirma in London Daten, die dann publik werden – und in Malaysia die Regierung wegen Korruptionsvorwürfen in eine tiefe Krise stürzen. Letztes Wochenende gingen deswegen in Kuala Lumpur Zehntausende auf die Strasse. Premierminister Najib Razak wankt, man wirft ihm vor, Hunderte Millionen aus einem Staatsfonds abgezweigt zu haben.

Der Gefängniskomplex ist keine Festung mit hohen Mauern. Wohnhäuser und Streetfood-Stände säumen die Zufahrt, beim Besucherempfang geht es zu wie in einer Wartehalle eines Busbahnhofs, mindestens 60 Leute stehen Schlange, um einen Insassen zu sprechen. Shops verkaufen Snacks, die man an die Gefangenen weitergeben kann.

Xavier Justo wartet in einem Zimmer, das normalerweise den Wärtern als Pausenraum dient. Der Häftling sitzt an einem Tischchen, barfuss, blaue Shorts, leichtes blaues Hemd – er sieht aus wie ein Patient, der die letzte Nacht nicht geschlafen hat, weil eine Operation ansteht. «Schlafen ist das Schwierigste. Du dämmerst eine halbe Stunde weg, dann bist du wieder wach. Und grübelst.»

Justo sagt, er sei kein Whistleblower, «auch wenn das gut klingen würde». Als er nach einer Anzeige seines Ex-Arbeitgebers festgenommen wird, gibt er sofort alles zu. Sein Geständnis ist ausgedruckt elf Seiten lang. Ja, er habe seinem Ex-Arbeitgeber Petro-Saudi vertrauliche Daten gestohlen, 90 Gigabyte, 227 000 E-Mails. Ja, er habe seinem Ex-Chef damit gedroht, die Daten zu verkaufen, wenn der ihm nicht 3,5 Millionen Franken zahle. Und ja, er habe eine Aktivistin und einen Verleger aus Malaysia getroffen, als der Chef sich nicht auf die Erpressung einliess. Aber nicht für irgendeine gute Sache: «Ich wollte Geld. Es war Gier.»

Die Schwägerin des Premiers

Am 15. Februar 2015 betritt Xavier Justo die sechs Etagen hohe Lobby des Fullerton-Luxushotels in Singapur. Ein Herr namens Tong Kooi Ong begleitet ihn – ein Medien- und Immobilien-Tycoon, der in Malaysia und Kanada geschäftet. Seine Entourage besteht aus einem seiner Chefredaktoren, zwei Bodyguards und vier IT-Technikern.

Und dann ist da noch die Schwägerin des englischen Ex-Premiers Gordon Brown. Clare Rewcastle Brown, frühere BBC-Journalistin, ist in Sarawak geboren, einem malaysischen Bundesstaat auf Borneo. Heute kämpft sie mit ihrem Blog «The Sarawak Report» gegen die Zerstörung des Regenwalds und korrupte Machthaber. Die Idee für das Treffen im Fullerton kam von ihr. Sie hatte über zwei Ecken erfahren, dass der Schweizer Daten verkaufen will.

«Ich brauche das Geld bald! Ich habe meine Pflicht getan – und mehr!»Xavier Justo

Justo kommt schnell auf den Punkt: Er will 3 Millionen Dollar. Die Informationen, die er auf einem Laptop und zwei Festplatten mitgebracht hat, sind politisches Dynamit: Justos Ex-Arbeit­geber Petro-Saudi hatte eine 2,5-Milliarden-Dollar-Partnerschaft mit einem Staatsfonds aus Malaysia abgeschlossen, genannt 1 Malaysia Development Berhad (1MDB). Der Fonds, initiiert und geleitet von Premierminister Najib Razak persönlich, ist in Malaysia umstritten. Die Opposition kritisiert dessen hohe Verschuldung und fehlende Transparenz.

Justo sagt heute, er habe die politische Dimension des 1MDB-Deals unterschätzt und nicht gewusst, dass sich in den Daten Hinweise auf Illegales finden könnten. Dem widerspricht Clare Rewcastle: «Xavier wusste genau, was das Material bedeutete. Wir haben ausführlich darüber gesprochen. Er hat mir einmal sogar die 100 wichtigsten E-Mails zum Deal geschickt», sagt sie dem TA am Telefon. Justo habe sich über die Korruption in Malaysia «entsetzt» gezeigt.

Die Basketball-Connection

Dass der Genfer überhaupt Zugang zu den Daten erhalten hatte, hat mit Tarek Obaid zu tun. Die beiden lernen sich in den 90er-Jahren beim Basketballspielen kennen: hier der Sohn spanischer Einwanderer, der als Banker arbeitet. Dort der junge Araber, der aus einer einflussreichen saudischen Familie stammt und bald eine eigene Ölfirma gründen wird – Petro-Saudi International. Sein Partner: Prinz Turki bin Abdullah Al Saud, ein Sohn des saudischen Königs.

Justo und Obaid werden Freunde. Nach der Jahrtausendwende arbeitet der Genfer für den Saudi, der auch einen Schweizer Pass hat. Im Jahr 2010 – Justo ist frisch geschieden und reist mit seiner neuen Freundin durch Thailand – ruft Obaid an: Ob Xavier nach London kommen wolle, um Informatikchef bei ­Petro-Saudi zu werden? Jahreslohn: über 300'000 Franken. Justo nimmt an. Im Gefängnis sagt er: «Es war eine Geste der Freundschaft, dass Tarek mich nach London geholt hat.»

Nach nur 14 Monaten verlässt er die Firma wieder, um nach Ko Samui auszuwandern. Petro-Saudi schreibt in einer E-Mail an den TA, beide Seiten hätten sich auf eine Trennung geeinigt. Laut informierten Quellen haben sich die beiden am Ende oft gestritten – und Justo soll nicht gerade der wichtigste Leistungsträger der Firma gewesen sein.

Man handelt eine grosszügige Abfindung aus: Der Schweizer erhält 4 Millionen Franken. Petro-Saudi bestätigt den Betrag nicht, schreibt aber, dass man berücksichtigt habe, dass Justo während mehr als fünf Jahren «in verschiedenen Formen» für Tarek Obaid und Petro-Saudi gearbeitet habe.

Trotz dieses goldenen Fallschirms tut Justo etwas, was er heute «tief und aufrichtig» bereut. Er bricht in die Computer seiner Arbeitskollegen ein und lädt Hunderttausende E-Mails herunter. «Ich war der Administrator. Ich hatte sogar den Schlüssel zum Firmensafe», sagt er. «Ich dachte, dass die Informationen vielleicht mal nützlich sein könnten.»

Zwei Jahre lang passiert nichts. Justo baut sich auf Ko Samui ein neues Leben auf, kauft sich eine Villa, lanciert ein Bräunungsstudio namens «Always The Sun». Dann sendet ihm Obaid 2013 eine E-Mail: Ein Freund sei krank. Xavier solle sich doch bei dem Mann melden.

Aber Justo bringt die Nachricht von seinem Ex-Chef, mit dem er zwei Jahre kein Wort gesprochen hat, auf eine ganz andere Idee: Er schickt Petro-Saudi eine Mail und fordert 3,5 Millionen Franken. Ansonsten werde er die Daten öffentlich machen. Heute sagt er, es sei ihm selbst rätselhaft, wie er auf diese Idee kommen konnte: «Langjährige Freunde so zu verraten, ist widerlich.» Petro-Saudi macht keine Anstalten, auf den Erpressungsversuch einzugehen. «Ihre Reaktion war: ‹Xavier, hör auf damit. Du läufst gegen eine Mauer.›»

Die Übergabe

Als Justo merkt, dass bei Petro-Saudi nichts zu holen ist, orientiert er sich um. Ein Freund in Genf soll sich nach einem Käufer in Malaysia umsehen. Über zwei Intermediäre kommt so ein Kontakt zu Clare Rewcastle zustande.

In einem Konferenzraum des Fullerton Hotel in Singapur kümmern sich die IT-Spezialisten um die Festplatten. Sie sollen herausfinden, ob dieser Schweizer liefert, was er behauptet. Oder ob er ein Schwindler ist. Nein, ist er nicht, die Informationen sind echt, befinden sie.

Justo lässt sich von 3 auf 2 Millionen herunterhandeln. Und dann begeht er einen Fehler: Er übergibt den ­Datensatz an Tong und Rewcastle, bevor er die Bezahlung erhalten hat.

Danach geht es schnell. Ende Februar publiziert Rewcastle auf ihrer Website eine Reihe von Artikeln, die Fragen zur Partnerschaft zwischen 1MDB und Petro-Saudi aufwerfen. Seither ist der Staatsfonds in Malaysia Thema Nummer eins. Laut dem «Sarawak Report» sind Hunderte Millionen Dollar via Offshorefirmen auf verschlungenen Wegen aus dem Joint Venture abgeflossen. Als Drahtzieher gerät Premier Najib Razak unter ­Verdacht. Petro-Saudi schreibt dem TA, während der 1MDB-Transaktion sei nichts Illegales geschehen. Dieselbe Position vertritt auch der Premier.

Verleger Tong lässt in seinen Zeitungen ebenfalls lange 1MDB-Geschichten platzieren, die sich auf den Justo-Fundus stützen. Im Juli legt das renommierte «Wall Street Journal» nach und publiziert Dokumente, die zeigen, dass im Jahr 2013 681 Millionen Dollar auf ein persönliches Konto des Premiers in Singapur geflossen sind. Der hält dagegen: Das seien keine 1MDB-Gelder, sondern eine Spende aus dem arabischen Raum.

Diese Antwort befriedigt niemanden. Seine eigene Partei spaltet sich in Razak-Gegner und Razak-Freunde, die Opposition tobt. Gleich vier Staatsgremien nehmen Untersuchungen auf. Der Regierungschef kämpft gegen seinen Untergang. Noch im selben Monat entlässt er seinen Vize, der ihn kritisiert hatte. Und vier Minister. Und den obersten Staatsanwalt. Weiter weist er jegliches Fehlverhalten zurück. 1MDB sei stabil, die hohen Schulden des Fonds seien durch höhere Vermögenswerte gedeckt.

Inzwischen sind auch Fahnder ausserhalb Malaysias aktiv. Singapur hat zwei Konten Razaks gesperrt. In der Schweiz ermittelt die Bundesanwaltschaft. Zwei Banken hatten Geldwäschereimeldungen eingereicht.

«Wir alle schulden dir etwas»

Und der Datendieb? Der versucht im Frühling, Tong die versprochenen 2 Millionen doch noch zu entlocken. Der Verleger sagt heute, er habe nie die Absicht gehabt, Justo zu bezahlen. Whatsapp-Chats zeigen aber, dass die beiden Seiten nach dem Treffen im Fullerton monatelang verhandelten. Clare Rewcastle half Justo mit ihren Kontakten zu Oppositionspolitikern, Druck auf Tong aufzubauen. Die beiden schicken sich fast täglich Whatsapp-Nachrichten:

Xavier Justo, 17. März: «Ich brauche das Geld bald! Ich habe meine Pflicht getan – und mehr!!! Was soll das?» (...)

Clare Rewcastle, 22. April: «Wir alle schulden dir etwas. Malaysia und ich wollen dich nicht enttäuschen.»

Zwischendurch verliert Justo mehrmals die Nerven. Am 18. Mai bedroht er Tong: «Du hältst dein Wort nicht, damit zerstörst du mein Leben! Sei versichert: Ich werde dir dasselbe antun!»

Es gibt eine Handvoll Anläufe, das Geld zu transferieren. Versuche mit Konten in Singapur, Abu Dhabi und Hongkong scheitern. Selbst der Schweizer Bruno Manser Fonds, der für die Erhaltung des Regenwalds kämpft, wird gefragt, ob er das Geld durchschleusen könnte – Clare Rewcastle und die Leitung des Fonds kennen sich. Aber die Schweizer sagen sofort ab. Tong schlägt daraufhin vor, das Geld cash nach Singapur zu bringen, Xavier könne es dann nach Thailand transportieren. Dessen Antwort via Whatsapp: «Machst du Witze, oder bist du verrückt?»

Im Mai einigt man sich darauf, dass Clare Rewcastle die Intermediärin spielen wird. Die Aktivistin sieht zwar ihren Ruf in Gefahr («schrecklich, das wird auf meinen Konten auftauchen»), sagt aber dennoch zu. Beide Seiten setzen ihre Anwälte auf diese Lösung an.

Aber das Geld kommt nie an. Am 22. Juni 2015 hat Xavier Justo ein schönes Hemd angezogen, er erwartet in seiner Villa auf Ko Samui Besuch vom Migra-tionsamt. Es geht um die Verlängerung seiner Aufenthaltsbewilligung. «Ich habe etwa um 15 Uhr die Tür geöffnet. Da standen 15, vielleicht 20 Polizisten – in Uniform und zivil. Ich habe meine Hand ausgestreckt, wollte den Beamten begrüssen, der geklingelt hat. Aber dann machte es ‹tschk-tschk›, und ich war in Handschellen.» Am nächsten Tag steht die Verhaftung in allen Zeitungen. Die Anzeige von Petro-Saudi in Thailand hat Wirkung gezeigt.

Das Urteil

Nur zwei Monate später spricht das Gericht bereits das Urteil: drei Jahre Gefängnis. Das Verdikt ist niederschmetternd, Justo hatte mit höchstens 18 Monaten gerechnet – «ich habe ja voll kooperiert». Er ficht das Urteil an. Nicht den Schuldspruch, aber die Dauer der Strafe.

Dazu kommt, dass Petro-Saudi auch in der Schweiz eine Attacke gegen ihn gestartet hat; dort geht es um die Abgangsentschädigung. Dieses Verfahren wurde aber kürzlich eingefroren; Tarek Obaid scheint das Urteil in Thailand Strafe genug zu sein. Ein Kadermann hat den gefallenen Ex-Mitarbeiter sogar im Gefängnis besucht. Justo: «Ich habe mich entschuldigt. Und ich habe geweint.»

Nach rund 75 Minuten ist die Zeit im Pausenraum abgelaufen. Xavier Justo muss zurück in die Zelle. Dort wird er sich wie die anderen 14 Männer auf sein kleines Rechteck legen. Und warten.



Die Schlacht um Marignano: Der Streit, die Fakten, das Game.
Das grosse Multimedia-Spezial.

Erstellt: 05.09.2015, 08:03 Uhr

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