«Ich denke an Gespräche mit Regierungschefs oder dem Papst»

Sieben Tageszeitungen aus sechs Ländern, darunter der «Tages-Anzeiger», arbeiten künftig zusammen. Tamedia-Verleger Pietro Supino erklärt die Idee dahinter.

Pietro Supino (Mitte) und die sechs Lena- Partner. Foto: Pierre-Yves Thienpont («Le Soir»)

Pietro Supino (Mitte) und die sechs Lena- Partner. Foto: Pierre-Yves Thienpont («Le Soir»)

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Worum geht es bei Lena, der Zusammenarbeit von sieben europäischen Zeitungen, die Sie gerade in Brüssel begründet haben?
Es geht im Kern darum, dass die beteiligten Zeitungen Antworten auf zwei zentrale Herausforderungen finden wollen: die technologische Entwicklung und die Globalisierung. Beide betreffen uns im Mediengeschäft besonders, denn sie verändern die Mediennutzung. Sie verändern diese so schnell, so unvorhersehbar und so grundlegend, dass einzelne Medienunternehmen alleine meiner Meinung nach nicht in der Lage sind, angemessene Lösungen zu finden.

Warum nicht?
Auch wenn unter dem Dach von Lena sehr prestigiöse und international führende Zeitungen zusammenkommen, sind wir alles relativ kleine, mittelständische Unternehmen – im Vergleich zu globalen Akteuren in anderen Branchen, die vor denselben Herausforderungen stehen. Darum ist es sinnvoll, wenn wir uns verbünden, um gemeinsam weiterzukommen.

Was hat das Bündnis vor? Was werden die Leserinnen und Leser des «Tages-Anzeiger» davon spüren?
Die Zusammenarbeit ist als langfristiges Projekt zu verstehen. Die Leser werden nicht schon morgen oder übermorgen grosse Veränderungen feststellen. Der Tagi wird inhaltlich-journalistisch mit den sechs Partnerpublikationen zusammenarbeiten. Es geht dabei zunächst um den Austausch von Beiträgen. Jedes Mitglied wird täglich ausgewählte Artikel zur Übernahme zur Verfügung stellen. Das ist aber nur der kleinere Teil der redaktionellen Zusammenarbeit.

Und der grössere Teil?
Wichtiger aus meiner Sicht ist die geplante redaktionelle Zusammenarbeit, bei der alle Redaktionen gemeinsam Inhalte schaffen, die es bisher nicht gegeben hat und die es ohne diesen Verbund nicht geben würde.

Zum Beispiel?
Das kann heissen, dass die Partner gemeinsam Interviews initiieren mit Personen, an die ein Medium allein nicht herankommen würde. Ich denke an Gespräche mit Regierungschefs oder dem Papst, die wir gemeinsam leichter einfädeln können als ein einzelner Titel, oder an grosse gemeinsame Recherchen.

Sie sprechen von gemeinsamen Aktivitäten. Das bedingt, dass man sich kennen lernt.
Richtig. Zentral wird sein, dass einzelne Journalistinnen und Journalisten während einer gewissen Zeit in die Redaktionen der Partnerverlage wechseln. Redaktionsmitglieder des «Tages-Anzeigers» werden einige Zeit auf den Partnerredaktionen verbringen, und der «Tages-Anzeiger» wird Redaktorinnen und Redaktoren aus dem Ausland bei sich empfangen. Ich denke, dass damit auch das gegenseitige Verständnis für politische und gesellschaftliche Unterschiede und Zusammenhänge gefördert wird.

Der «Tages-Anzeiger» hat zusammen mit Partnern in der Schweiz und im Ausland bereits grosse Recherchen wie die Auswertung der Bankdokumente von HSBC durchgeführt. Ist so etwas auch im Rahmen der Allianz angepeilt?
Genau, aber systematischer. Wir haben Know-how aus gross angelegten Recherchen, und dieses bringt der Tagi in die Allianz mit ein. Wir haben die Erfahrung und technische Plattformen, die es ermöglichen, gemeinsame Recherchen zu organisieren und mit grossen Datenmengen umzugehen. Da gibt es zum Beispiel ein Projekt, die Handelsbeziehungen zwischen Russland und dem Westen zu analysieren, um die Auswirkungen der Sanktionen besser zu verstehen. Die journalistische Zusammenarbeit ist aber nur das eine Bein der Allianz. Das andere ist die technologische Entwicklung.

Davon werden die Leser wohl weniger zu spüren bekommen.
Da täuschen Sie sich. Im Übergang von der gedruckten Zeitung zum multimedialen Angebot auf Papier und digital stehen wir vor der Frage, welche Mehrwerte das Erlebnis unserer Medien für die Leserschaft verbessern können. Zum Beispiel, indem wir journalistische Inhalte personalisieren, also auf die Bedürfnisse der Leser zielgenauer ausrichten. Oder indem wir die Leserschaft vermehrt in unsere Arbeit einbeziehen. Statt dass da jeder allein das Rad neu erfindet, wollen wir voneinander profitieren und uns vernetzen.

Wie ist es überhaupt zu der Allianz gekommen?
Die Idee entstand im Dezember 2013 bei einem Treffen der Chefredaktionen, das Res Strehle angeregt hatte. Beim abschliessenden Abendessen begeisterten wir uns am Gedanken, über bestehende journalistische Kooperationen hinaus gemeinsam in Forschung und Entwicklung zu investieren.

Die Initiative kam aus der Schweiz?
Ja, und ich bin stolz darauf, dass ausgerechnet die Partner aus dem kleinsten der beteiligten Länder den Zusammenschluss vorangetrieben haben.

Beteiligt sind Medien, die weltanschaulich unterschiedlich ausgerichtet sind. Passt das zusammen?
Die Allianz wird von einer gemeinsamen Grundhaltung getragen: Alle Partner fühlen sich einer fortschrittlichen demokratischen Gesellschaft verpflichtet, wir alle stehen für einen offenen Geist, sowohl redaktionell als auch unternehmerisch. Wir glauben an den Qualitätsjournalismus. Und besonders wichtig: Wir alle sehen die technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen nicht allein als Problem, sondern auch als Chance, die wir nutzen wollen.

Das sagt sich so einfach.
Das stimmt. Zunächst eröffnen wir uns ein grosses Potenzial. Es liegt nun an allen Beteiligten, dieses auszuschöpfen. Da bin ich auch darum zuversichtlich, weil wir Partner uns in der Grundhaltung ähnlich sind, aber höchst unterschiedliche Kulturen, Kenntnisse und praktische Fähigkeiten in die Kooperation mit einbringen.

Der «Tages-Anzeiger» ist bereits in andere redaktionelle Kooperationen eingebunden: Mit dem «Bund» in Bern besteht eine Zusammenarbeit, mit «20 Minuten» entsteht eine Redaktion für schnelle Online-News, mit der «Süddeutschen Zeitung» teilt sich der Tagi einige Korrespondenten. Werden diese Kooperationen konkurrenziert?
Nein. Publizistisch ist Lena eine internationale Ergänzung zu den bestehenden Kooperationen. Technologisch eröffnet die Allianz neue Dimensionen.

In der Medienmitteilung heisst es, der Verbund wolle «eine Plattform für die europäische Meinungsbildung sein». Wie ist das gemeint? Ist Lena eine EU der Publizistik?
Losgelöst von der Frage, ob wir der EU beitreten oder nicht: Wir sind Europäer. Wir profitieren davon, dass wir in Europa zu Hause sind, und wir tragen zum Wohlergehen des Kontinents bei. Diese europäische Vernetzung ist ein Plus, sie trägt etwas zum besseren gegenseitigen Verständnis bei und führt zu einer Horizonterweiterung.

Solche Kooperationen stehen und fallen mit den Menschen, die im Alltag die Fäden in der Hand halten.
Das Baby ist ja erst gerade geboren. Was daraus wird, ist noch offen. Wie wir das Potenzial ausschöpfen können, hängt vor allem davon ab, wie viel Energie und Kreativität die Partner investieren. Es hängt aber auch davon ab, wie die Kräfte gelenkt werden. Ich bin glücklich, dass Javier Moreno die Allianz steuert. Als Direktor von Lena bringt er dafür nicht nur seine Erfahrung und sein Herzblut als Journalist und ehemaliger langjähriger Chefredaktor von «El País» ein, sondern auch die Denkweise eines Ingenieurs, des Berufs, den er gelernt hat. Damit verkörpert er in idealer Weise die Ambition, die Pflege unseres Handwerks und den Fortschritt zu verbinden.

Erstellt: 10.03.2015, 23:24 Uhr

Von Madrid nach Brüssel

Die beteiligten Zeitungen

«Die Welt». Berlin, Deutschland. Gegründet 1946. Leserschaft: 400'517. Besitzer: Axel Springer SE. Gegründet nach dem Krieg von den Briten, ist «Die Welt» heute eine bürgerlich ausgerichtete Tageszeitung.

«El País». Madrid, Spanien. Gegründet 1976. Leserschaft: 1'800'000. Besitzer: Prisa Group. Die linksliberale Zeitung wurde im Geist der «transición», dem Demokratisierungsprozess Spaniens nach dem Tod von Diktator Franco, gegründet.

«La Repubblica». Rom, Italien. Gegründet 1967. Leserschaft: 2'835'000. Besitzer: Gruppo Editoriale L’Espresso. «La Repubblica» ist die drittgrösste abonnierte Tageszeitung Italiens. Sie gilt als linksliberal.

«Le Figaro». Paris, Frankreich. Gegründet: 1826. Leserschaft: 1'445'000. Besitzer: Dassault Media. Als grösste Qualitätstageszeitung Frankreichs ist «Le Figaro» die bürgerliche Stimme des Landes.

«Le Soir». Brüssel, Belgien. Gründungsjahr: 1887. Leserschaft: 495'000. Besitzer: Rossel Company. «Le Soir» ist die grösste französischsprachige Zeitung in Belgien.

«Tribune de Genève». Gründungsjahr: 1879. Leserschaft: 114'000. Besitzer: Tamedia AG. Die «Tribune de Genève» ist die führende Zeitung Genfs und erscheint in enger Zusammenarbeit mit «24 Heures».

«Tages-Anzeiger». Gründungsjahr: 1893. Leserschaft: 473'000. Eigentümer: Tamedia AG. Als auflagenstärkste Schweizer Tageszeitung ist der Tagi das publizistische Flaggschiff von Tamedia in der Deutschschweiz. (TA)

«Eine Bereicherung für die europäische Öffentlichkeit»: Tamedia-Verleger Pietro Supino in Brüssel.

Weitere Stimmen von Beteiligten zur neuen Allianz. Videos: Lena

Weitreichendes Teamwork

Koordiniert von Javier Moreno

Sieben Tageszeitungen aus sechs Ländern haben sich in einer europäischen Zeitungsallianz zusammengetan (Leading European Newspaper Alliance, Lena). Sie wollen unter anderem Artikel tauschen oder gleichzeitig veröffentlichen. Weiter planen die Zeitungen, gemeinsame digitale Entwicklungsmassnahmen umzusetzen, einen Personalaustausch ins Leben zu rufen und gemeinsame Anlässe zu europäischen Themen durchzuführen.

Koordiniert wird Lena vom Spanier Javier Moreno Barber. Der 51-Jährige war von 2006 bis 2014 Chefredaktor von «El País» und leitete in dieser Zeit die Öffnung von «El País» Richtung Lateinamerika ein. Der studierte Chemiker hatte zuvor als Korrespondent in Berlin gearbeitet und für die mexikanische Ausgabe von «El País» verantwortlich gezeichnet. «El País» wurde unter Morenos Führung zur globalen Zeitung mit der wichtigsten News-Website in spanischer und portugiesischer Sprache. Gleichzeitig beteiligte sich «El País» in internationalen Enthüllungen, so im Fall Wikileaks (zusammen mit der «New York Times» und dem «Guardian») und recherchierte in verschiedenen nationalen Skandalen und Korruptionsfällen.

Javier Moreno wirkt seit Beginn als eine treibende Kraft der nun zustande gekommenen Kooperation zwischen den europäischen Partnertiteln. Mit seinem persönlichen Werdegang, seiner journalistischen Reputation und seiner Internationalität ist er ein idealer Vermittler und Brückenbauer zwischen den Kulturen. Folgerichtig und einstimmig wurde er für zwei Jahre zum ersten Koordinator von Lena ernannt. (rs)

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