Ich, die Quotenfrau

Niemand wolle eine Quotenfrau sein, sagt, wer sich gegen eine Geschlechterquote wehrt. Dabei gibt es Frauen wie Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss, die sich bewusst so nennen. Und sie werden mehr.

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Es gibt eine Erzählung von Erfolg, die geht so: Wer will, der kann. Und es gibt einen separaten Erzählstrang für Frauen, der geht so: Sie könnten ja, aber sie wollen zu wenig.

Vergangene Woche haben die Zuschauer der «Arena» wieder eine Version davon gehört, geäussert von SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni. Auf die Frauenquote angesprochen, die derzeit für börsenkotierte Unternehmen diskutiert wird, sagte sie: «Mit Leistung, Interesse und Willen kommt man heute auf die Position, die man will. Es ist einfach nicht jede Frau bereit, sich mit Haut und Haaren zu engagieren.»

Die Quote, meinte Flückiger-Bäni damit, brauche es nicht. Wenn es eine Frau nicht nach oben schafft, ist sie selbst schuld. Demnach ist die Quotenfrau eine Person, die lediglich vom günstigen Umstand profitieren würde, eine Frau zu sein. Geschlecht, ein Auswahlkriterium wie etwa Führungserfahrung? Ein Affront in einem Umfeld, wo scheinbar alles von der vergleichbaren und quantifizierbaren Grösse Leistung abhängt. Und während in Österreich seit diesem Jahr eine Frauenquote für Aufsichtsräte gilt, scheiterte die grüne Nationalrätin Maya Graf kürzlich mit dem Vorstoss, wonach die Geschlechter im Bundesrat angemessen vertreten sein müssten. «Eine Bundesrätin, die nur im Amt ist, weil sie eine Frau ist?», sagte SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann. Das sei nicht im Sinn der Frauen.

Tausend Frauen warten

Niemand will eine Quotenfrau sein –diese verbreitete Vorstellung ist es, die Frauen in eine Ecke drängt. «Die Zuschreibung funktioniert nach einem problematischen Mechanismus, aus dem man sich fast nicht herauswinden kann», sagt Fabienne Amlinger vom Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung in Bern. Zum einen werde jenen Frauen unterstellt, nicht gleich kompetent zu sein wie die Männer ohne solchen Sonderstatus. Der Begriff vermittelt Frauen den Eindruck, weniger wert zu sein. Zum anderen setze er die Hürden für sie höher an, sagt Amlinger: Wenn sie wirklich an die Spitze wollen, müssen sie noch mehr dafür tun. Die Beweislast liegt bei den Frauen. Und das schreckt viele ab.

Diese Erfahrung macht auch Esther-Mirjam de Boer. Sie ist geschäftsleitende Partnerin von Get Diversity, jenem Unternehmen, das bei Vakanzen im Verwaltungsrat Frauen vermittelt. 2017 lag der Anteil von Frauen gemäss Schilling-Report, der die hundert grössten Schweizer Unternehmen jährlich analysiert, bei 8 Prozent in der Geschäftsleitung und bei 17 Prozent im Verwaltungsrat. Nicht ausreichend: Das findet der Bundesrat und will eine Quote gesetzlich verankern. 30 Prozent Frauen sollen es in den Verwaltungsräten sein, 20 Prozent in den Geschäftsleitungen. Nicht ausreichend, das sagt auch die Wirtschaft, namentlich der Arbeitgeberverband. Aber Quoten, verordnet von der Politik, will er nicht. Er setzt auf freiwillige Massnahmen: Bis 2021 sollen die 150 grössten Schweizer Unternehmen mindestens eine Verwaltungsrätin ausweisen können. Der Anteil dürfte dieses Jahr steigen, ABB etwa hat zwei Frauen für den Verwaltungsrat nominiert.

Die Beweislast liegt bei den Frauen. Das schreckt viele ab.

De Boer ist fest in der Privatwirtschaft verankert. Sie sitzt in verschie­denen Verwaltungsräten, hat mehrere Firmen gegründet und präsidiert den Verband Frauenunternehmen. «Quotenfrau» sei ein Schimpfwort, sagt sie. Darum versucht sie, dagegenzuhalten, indem sie den Begriff in etwas Erstrebenswertes umdeutet. «Werdet Quotenfrauen!», empfiehlt sie den Frauen, die sich von ihr beraten lassen. Bestes Marketing für ihr Business.

Mit den Frauen führe sie rege Diskussionen rund um das Thema, sagt de Boer. Doch das Label Quotenfrau spiele nur kurz vor der Wahl in ein Gremium eine Rolle. Danach nicht mehr. Sind Frauen erst einmal im Verwaltungsrat, in der Geschäftsleitung angelangt, müssen sie genauso für gefällte Entscheidungen geradestehen wie ihre Kollegen – sie geniessen keinen besonderen Schutz.

2017 vermittelte Get Diversity Frauen für fünfzehn Mandate. Die Firma macht dabei einen klugen Schachzug: Sie sucht für die Kandidaturen, die sie für eine Besetzung zusammenstellt, «extrem gute» Frauen, also überdurchschnittlich qualifizierte. Damit wolle man den Wind aus den Segeln nehmen, sagt de Boer: Niemand wird mehr behaupten können, es gebe halt nicht so viele geeignete Top-Führungsfrauen. In der Datenbank führt Get Diversity über tausend Kandidatinnen, Tendenz steigend. Die Frauen sind da, und sie wollen nach oben.

Aber geeignete Politikerinnen? Gerade hört man dieses Seufzen wieder, dieses laut gewordene Händeringen bei der Suche nach einer fähigen Frau. Jetzt, da Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) ihren Rücktritt in Aussicht stellt, wird mit Simonetta Sommaruga (SP) nur noch eine Frau im Bundesrat verbleiben. Mögliche Nachfolgerinnen in der CVP seien rar, heisst es. Eigentlich gebe es nur eine mit Chancen: Viola Amherd. Obwohl auch die Namen von National­rätin Ruth Humbel, Ständerätin Brigitte Häberli oder der Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner kursieren.

Die aktuelle Nachfolgediskussion klingt wie ein abgeschwächtes Echo von 1993. Ein Frauenproblem gab es bereits damals bei der Bundesratswahl, wenn auch ein ungleich grösseres. Statt der offiziellen SP-Kandidatin Christiane Brunner hatte die bürgerliche Parlamentsmehrheit deren Parteikollegen Francis Matthey gewählt, obwohl er nicht einmal kandidierte. Tausende Männer und Frauen protestierten vor dem Bundeshaus. Unter dem Druck der SP verzichtete Matthey, für die erneute Wahl traten die «politischen Zwillingsschwestern» Brunner und Ruth Dreifuss an, wie sich die Sozialdemokratinnen bezeichneten.

Über die Schwelle kommen

Dreifuss gewann. Kurz darauf erklärte sie in einem Interview ihre Wahl so: «Ich beruhige die Leute, weil ich ein wenig bieder aussehe. Und weil ich genau dem entspreche, was man von einer Frau in der Politik erwartet: ledig, keine Familie, so etwas zwischen Mann und Frau, die alles geopfert hat und dadurch vielleicht Anspruch auf Anerkennung hat. Beides ist für mich sehr schockierend.»

Als Alt-Bundesrätin Dreifuss den Anruf in leisem Französisch entgegennimmt, sie wohnt in Genf, sagt sie sehr bald diesen Satz, den sie seit ihrer Wahl häufig geäussert hat: «Ich bin eine Quotenfrau, und zwar eine stolze.» Für die SP sei es damals absolut bestimmend gewesen, eine Frau für den Bundesrat zu stellen – es wurde Zeit. Nur deshalb sei sie gewählt worden, sagt Dreifuss. «Es war ein Sieg, aber nicht für mich, sondern für alle Frauen.»

Die Nichtwahl Brunners war laut Geschlechterforscherin Amlinger eine Zäsur, die wirkte wie ein Katalysator. Die SP gewann viele weibliche Neumitglieder, die FDP verabschiedete ein Frauenförderungsprogramm, die CVP stellte ihrer Frauenorganisation eine Beauftragte für Frauenförderung zur Seite.

Die aktuelle Diskussion über die Frauenvertretung an der Spitze zeige, dass Gleichstellung noch nicht erlangt sei, sagt Dreifuss. Sie findet die Quote eine nützliche Massnahme, Frauen zu fördern. «Es hilft, über die Schwelle zu kommen.» Danach müsse man genauso gute Arbeit leisten oder gar noch bessere, weil man als Frau unter besonderer Beobachtung stehe.

Es erstaunt nicht, dass auch die beiden Sozialdemokratinnen Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey und die jetzige Bundesrätin Sommaruga von sich behaupten, Quotenfrauen gewesen zu sein. Schon seit 1986 kennt die SP eine parteiinterne Quote: Jedes Geschlecht muss mit mindestens einem Drittel in den Parteigremien und auf den Wahllisten vertreten sein. Ähnlich handhaben es die Grünen. Das schlägt sich nieder: Für die Grünen sitzen 54 Prozent Frauen im eidgenössischen Parlament, für die SP 52, für die CVP 29, für die SVP 19 und für die FDP 17 Prozent.

Und es gibt sie auch in der jüngeren Generation, die Frauen, die sich als Quotenfrau bezeichnen. Claudine Esseiva etwa, die während neun Jahren als Generalsekretärin der FDP-Frauen arbeitete, sagt, sie sei als junge Frau immer gefördert worden. Politisch, beruflich, von Männern wie Frauen. «Die Quote braucht es so lange, bis auch unfähige Frauen in ein Gremium gewählt werden.» Erst dann sei die Gleichberechtigung erreicht, sagt Esseiva: Erst, wenn Frauen genauso fehleranfällig sein dürfen wie Männer.

Diese profitieren noch immer von einer unterschwelligen Quote, die schon lange besteht: Männer ziehen Männer nach.

Erstellt: 22.02.2018, 21:46 Uhr

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