«Beim Fall Flaach kam ich an meine Grenzen»

Karin Fischer, die Präsidentin der Kesb Winterthur-Andelfingen, äussert sich zur Kritik an ihrer Behörde und sagt, wie sie den Fall Flaach verarbeitete.

«Im Erwachsenenschutzrecht erleben wir fast nur Erfolgsstorys»: Karin Fischer. Foto: Samuel Schalch

«Im Erwachsenenschutzrecht erleben wir fast nur Erfolgsstorys»: Karin Fischer. Foto: Samuel Schalch

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Viele Leute haben Angst vor der Kesb. Warum?
Die Angst bezieht sich auf Themen, die uns beschäftigen. Es sind Ängste, die ich selber auch habe: Was passiert mit mir, wenn ich älter bin und vielleicht dement werde? Wer schaut dann zu mir? Vieles ist ungewiss. Man hat Angst, die Kontrolle über sich zu verlieren.

Spüren Sie dieses Unbehagen bei den Leuten?
Ja, in persönlichen Kontakten, auch im Privaten. Wenn ich jemanden kennen lerne und sage, wo ich arbeite, reagiert das Gegenüber häufig emotional. Manche sind mitfühlend: Oje, ihr habt es nicht einfach. Andere erzählen von ihren Erfahrungen mit der Kesb.

FDP-Nationalrat Marcel Dobler tourt mit einem ­E-Vorsorgeauftrag durch das Land und wird dabei überrannt. Was schliessen Sie daraus?
Es gibt viele Fragen, das erlebe ich selber auch. Ende Jahr habe ich zwei Referate gehalten zum Thema «Selbstbestimmung im Alter». Da wurde ich vom Publikum bestürmt. Viele Leute wissen nicht, was im Gesetz steht und warum es teilweise gar keinen Vorsorgeauftrag braucht.

Haben Sie einen ­Vorsorgeauftrag?
Nein. Ich bin verheiratet, damit haben mein Mann und ich das gegenseitige gesetzliche Vertretungsrecht. Zudem sind wir in einem Alter, in dem sich ein Vorsorgeauftrag noch nicht aufdrängt. Stand jetzt, wäre mein Mann in der Lage, mich zu vertreten, mein Vermögen zu verwalten und über medizinische Massnahmen zu entscheiden.

Derzeit werden Unterschriften gesammelt für eine Initiative, welche die Kesb entmachten will. Glauben Sie, dass die Initiative Chancen hat?
Wenn jetzt nicht klar kommuniziert wird, dann schon. Wir müssen den Leuten sagen, worum es geht: Das geltende Recht stärkt das Individuum, die Selbstbestimmung des Einzelnen und die Solidarität in der Familie. Es gibt dabei eine Grenze: Wo die Interessen des Betroffenen nicht gewahrt werden, schreitet die Kesb ein. Die Initiative will ein anderes Modell: Allein die Familie soll entscheiden – ohne Aufsicht. Dieses Modell kennt man in China und Japan.

Das Individuum ist heute besser geschützt, als es mit der Volksinitiative wäre?
Ja. Die Initiative macht die Familie zu einem geschlossenen System. Ich würde das nicht wollen. Das sage ich als Bürgerin, nicht als Kesb-Präsidentin.

Wollen Ihre Klienten, dass die Kesb ihnen hilft?
Es gibt alles. Manche brauchen Hilfe, die haben gar keine Familie. Wir schauen, ob sich jemand findet in ihrem Umfeld, den sie als Beistand wollen. Im Erwachsenenschutzrecht erleben wir fast nur Erfolgsstorys. Die Leute sind dankbar, soweit sie es noch mitbekommen. Widerstand kommt allenfalls aus der Familie. Wenn der Betroffene selbst die Hilfe ablehnt, im Wissen, was ihm passieren kann, dann müssen wir das akzeptieren.

Und im Kindesschutz, gibt es da auch Erfolgsstorys?
Natürlich. Aber dort müssen wir häufig zuerst Ängste abbauen und erklären, dass wir den Leuten nicht einfach die Kinder wegnehmen. Oft heisst es dann: Jetzt, wo wir Sie erlebt haben, sehen wir das ganz anders. Warum liest man so viel Schreckliches?

Kritisiert wird auch, dass die Kesb Berufsbeistände einsetzt anstelle von Beiständen aus der Familie. Warum?
Das Gesetz ist klar: Beistände aus der Familie oder Wunschbeistände gehen vor, wenn nichts dagegen spricht.

Was heisst, «wenn nichts dagegen spricht»? Und wie oft kommt das vor?
Eine Angehörige kann persönlich ungeeignet sein, weil sie zum Beispiel an der gleichen Erbschaft beteiligt ist. Oder einem Angehörigen fehlt die fachliche Eignung, weil er schon mit der Verwaltung der eigenen Finanzen Schwierigkeiten hat. Wir unterstützen jedoch Angehörige und Wunschbeistände so weit, dass eine Beistandschaft beispielsweise auch mit wenig Computerkenntnissen möglich ist. Auf Berufsbeistände setzen wir, wenn keine Angehörigen da sind und es auch keinen Wunsch des Betroffenen gibt. Manchmal geht es um schwierige Krankheitsbilder. Da ist ein Profi von Vorteil.

Ist nicht das grösste Problem der Kesb, dass Familienarbeit eben keine exakte Wissenschaft ist? Woher wissen Sie, dass Sie die richtigen Fälle priorisieren?
Es braucht viel Erfahrung. Auch die Erfahrung, dass man dazu neigt, den falschen Fällen Priorität zu geben, weil Dritte unnötig Druck machen. Im Kindesschutz beispielsweise gibt es in strittigen Fällen das Problem, dass die Eltern viel Aufmerksamkeit auf sich lenken. Den Blick auf das Kind zu behalten, ist da nicht immer einfach. Es braucht Professionalität, Supervision und Austausch.

Ihre Behörde war in den Fall Flaach verwickelt, in dem eine Mutter ihre Kinder getötet hat. Dieser Fall hat der Kesb sehr ­geschadet. Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?
Der Fall Flaach hat mich als Menschen und mich in meiner Arbeit enorm geprägt. Als ich davon erfuhr, am 2. Januar 2015, einen Tag nachdem es passiert war, ging mir durch den Kopf: Jetzt ist geschehen, wovor ich mich gefürchtet habe und was wir doch nie ausschliessen konnten. Dann kam die Information, der Kesb werde die Schuld am Tod der Kinder zugeschrieben, weil diese nicht bei den Grosseltern platziert wurden. Gefolgt von einer unglaublichen medialen Aufmerksamkeit und von Drohungen. Unsere Behörde wurde wochenlang von einem Sicherheitsdienst bewacht, Mitarbeitende hatten Polizeischutz. Ich kam an meine Grenzen.

Welche Schlüsse haben Sie für die Arbeit der Kesb gezogen?
Wir müssen unsere Arbeit besser erklären und vermeiden, dass die Leute ein falsches Bild von der Kesb bekommen. Ein Nebeneffekt des Falls Flaach ist zudem: Wir haben damals für die Mitarbeitenden die Krisenintervention beigezogen. Diese unterstützt heute Eltern, wenn es um die ausserfamiliäre Unterbringung eines Kindes geht.

Ist die Kesb seit dem Fall Flaach zurückhaltender bei Fremdplatzierungen?
Wir sind alles Menschen, die Erfahrungen prägen uns. Es ist daher wichtig, das eigene Handeln immer wieder zu reflektieren. Zudem entscheiden bei der Kesb immer drei Personen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Fachhintergründen.

Was könnte die Kesb bei sich selber verbessern?
Unseren Umgang mit strittigen Fällen im Kindesschutz. Wir müssen unterscheiden: Wo geht es nur um streitende Eltern und wo ist das Kindeswohl ernsthaft gefährdet? Wenn es um einen Elternstreit geht, sollten wir es machen wie die Gerichte: versuchen, in Verhandlungen eine Einigung zwischen Vater und Mutter herbeizuführen. Wir müssen den Eltern ihre Verantwortung für das Kind aufzeigen, statt deren Streit zu bewirtschaften.

Bräuchte es einen Gegenvorschlag, falls die ­Initiative zustande kommt?
Das muss die Politik entscheiden. Wir wenden das Gesetz an, und es ist ein hervorragendes Gesetz mit einem guten Rechtsschutz für die Betroffenen. Ich frage mich, ob die Initianten das Gesetz gelesen und verstanden haben. Politiker sollen jetzt hinstehen und sagen, warum das Parlament damals mit nur zwei Gegenstimmen das Gesetz verabschiedet hat. Weil es eben gut und durchdacht ist, weil es die Selbstbestimmung fördert und die Familiensolidarität stärkt.

Erstellt: 28.03.2019, 10:46 Uhr

Karin Fischer

Karin Fischer ist Präsidentin der Kesb Winterthur-Andelfingen, an deren Aufbau sie ab 2011 mitgewirkt hat. Die Kesb ist die zweitgrösste im Kanton Zürich und eine der grössten der Schweiz. Bis Ende 2012 leitete die 51-jährige promovierte Juristin das Vormundschaftsamt Winterthur. (bl)

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