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«Ich habe keine Präferenz – ich will nur den Erfolg»

Braucht es das C noch im Namen? Wie geht die CVP in die Zukunft? Parteichef Gerhard Pfister auf der Suche nach Antworten.

Mit C oder ohne? Gerhard Pfister will die bürgerliche Mitte neu definieren. Foto: Daniel Winkler (13 Photo)
Mit C oder ohne? Gerhard Pfister will die bürgerliche Mitte neu definieren. Foto: Daniel Winkler (13 Photo)

Glauben Sie an Gott?

Die Frage war nur schwer verständlich, walliserdeutsch halt, doch das spielte keine grosse Rolle. Wichtiger war der Ton. ­Getragen, feierlich, gross.

So wie die Antwort von Beat Rieder. Natürlich glaubt der ­Walliser Ständerat an Gott. Wäre er sonst bei der CVP? Ein Ja mit Ausrufezeichen. Andächtig, sakral fast, wirkte danach die Stimmung im Aufnahmestudio des «Walliser Boten». Beat Rieder gab dort vor einer Woche in einem Videointerview seine Meinung als «einfaches Mitglied der Partei» kund.

Es wurde eine Abrechnung. Das C aus der CVP zu streichen, wie es seit einigen Wochen ­diskutiert wird, sei ein «No-go», sagte Rieder. Inhaltlich und ­markentechnisch ein riesiger Fehler, so falsch wie die Ab­wendung von den konservativen Stammlanden. «Unser links-grüner Flügel besteht aus Nischenpolitikern aus Kantonen, wo die CVP 0,5 bis 4 Prozent der Wähleranteile hat», sagte Rieder. «Unsere effektive Substanz ist in den Stammlanden, und dort ist eine Mitte-rechts-Politik gefragt. Die CVP muss genau schauen, wem sie welches Gewicht gibt.»

Die Reaktionen auf seinen Auftritt seien heftig ausgefallen, ­erzählt Rieder. Ausschliesslich positiv. Die meisten Reaktionen seien dabei gar nicht mal aus dem Oberwallis gekommen, dort kenne man ja seine Haltung, ­sondern aus den Stammlanden der CVP nördlich der Alpen, aus der Innerschweiz etwa.

Der erste Misston

Beat Rieder ist der erste Mandats­träger aus dem konservativen Flügel der Partei, der sich in der Debatte so explizit in die Öffentlichkeit stellt. Es ist der erste Misston in einer Kampagne, die bisher ausschliesslich vom Mann an der Spitze bestritten wurde. Dieser Mann, Gerhard Pfister, hat in den vergangenen Wochen eindrücklich gezeigt, warum er einer der interessantesten Politiker in Bern ist. Und einer der unverfrorensten.

Am Abend des Wahlsonntags war er der Erste, der das Resultat zu begreifen schien. Niemand handelte schneller oder entschlossener. Pfister nahm das überraschende Ergebnis – die CVP verlor nur 0,2 Prozent­punkte – und machte sich damit so gross, wie die CVP noch nie war. Die Mitte – das sind wir. ­Lösungen gibt es nur noch mit uns. Die entscheidende Kraft in der Schweiz heisst ab sofort: CVP.

Pfister ist beliebt bei den Bundeshausjournalisten. Er redet gern und viel. Er ist gut erreichbar. Er ist meist unkompliziert im Umgang. Sein Lohn ist eine für die Grösse seiner Partei überproportionale Berichterstattung. In den Tagen nach den Wahlen wurde Pfisters Lesart in allen grossen Schweizer Medien verbreitet. «Ich begann am Abend des Wahlsonntags damit, einen Teppich zu legen», sagt Pfister. Dabei war rasch klar, in welche Richtung es gehen könnte: Um als faktische (einzige!) Kraft in der Mitte wahrgenommen zu werden, um ein attraktiver Fusionspartner für die BDP zu werden, braucht es auch marketingtechnische Anpassungen.

Als Erste berichtete die «NZZ am Sonntag» über die Pläne von Pfister, eventuell das C aus dem Parteinamen zu streichen. Da war bereits klar, dass die BDP mit der CVP in einer Fraktion mit dem Namen «Die Mitte-Fraktion» zusammenarbeiten wird. Offiziell bedauert Pfister, dass die Pläne für einen Namenswechsel so früh nach aussen ­gedrungen sind. Faktisch macht er nun mit dem weiter, womit er am Wahlsonntag begonnen hat. Einen Teppich legen.

«Ich will mit den Leuten über Politik reden. Und muss mit ­ihnen überReligion sprechen.»

Gerhard Pfister

«Unsere grösste Herausforderung ist es, von einer Milieupartei zu einer Partei der Ideen zu werden», sagt er. Überall. Besonders nah dran: die «Aargauer Zeitung». Dort erzählte er zum ersten Mal, dass er seine Partei als Bewegung ­ausrichten möchte. Dass die CVP in die grossen Kantone müsse, nach Zürich, Bern, Waadt, Aargau, wo die CVP nur mickrige 3 von insgesamt 94 möglichen Nationalratssitzen hält. Alles ­andere: der Weg ins Desaster.

Pfister predigt die Abkehr von den klassischen Stammlanden. Das Horrorszenario von Leuten wie Beat Rieder.

Wenn es nach Ihnen ginge, Herr Pfister: Braucht es das C noch im Namen der Partei?

Ich habe keine Präferenz. Ich will nur den Erfolg.

Sie begannen Ihre Präsidentschaft mit einer Wertedebatte. Jetzt geht es Ihnen nur noch um Mehrheiten.

Das eine schliesst das andere nicht aus. Was nützen mir Inhalte, wenn unsere Wahrnehmung immer noch von der Partei-­Geschichte bestimmt wird? Ich will mit den Leuten über Politik reden. Und muss mit ihnen über Religion sprechen.

Warum wollen alle Parteien heute eine Bewegung sein?

Weil klassische Parteien nicht mehr in unsere Zeit passen. Weil die Bindung der Menschen an klassische Parteien immer ge­ringer wird. Dabei haben wir noch die treusten Wähler.

Die verprellen Sie jetzt.

Das ist ein Risiko, ja. Ich will niemanden verprellen. Aber ich sage den Treuen: Entweder wir gehen dorthin, wo man wachsen kann. Oder wir sterben in Schönheit.

Das Gespräch findet am Donnerstag im Bundeshaus statt. Tags darauf will Pfister seine ­Pläne den kantonalen Partei­präsidenten präsentieren, heute spricht er an der Delegiertenversammlung darüber. Die DV im Thurgau ist Pfisters Auftakt zur Phase zwei seines Plans.

Als Gerhard Pfister vor vier Jahren Präsident der CVP wurde, riss er als Erstes eine Wertedebatte an, ein klassischer CVP-Move. Gegen den radikalen Islamismus, gegen die Burka, für christliche Werte. Damals hatte er auch noch eine andere Meinung zur C-­Frage im Namen: «Ich werde als Präsident alles unternehmen, damit der Name nicht geändert wird. Das C ist eine Chance für uns», sagte er der «Aargauer Zeitung».

Die Wertedebatte verfing nie und wurde gestoppt. Er sieht das etwas anders: Die Debatte sei die Grundlage für das, was jetzt komme. Der Inhalt sei da, jetzt müsse nur noch die Wahrnehmung stimmen. Marketing.

An der Delegiertenversammlung wird Pfister eine Basisbefragung vorstellen. 80'000 CVP-Mitglieder und Sympathisanten sollen in den kommenden Wochen zu grundsätzlichen Dingen befragt werden: Wie soll eine bürgerliche Mittepolitik aus­sehen? Wie geht die CVP in die Zukunft? Und auch: Braucht es das C noch im Namen?

Ein neuer Auftrag

Im Juni soll Pfister für vier weitere Jahre als Präsident gewählt werden, bis dahin will er erste Antworten aus der Befragung. «Das ist mein Zeitfenster. Es beginnt nun das Jahr der inneren Reform. Und ich will wissen, ob ich die Partei dabeihabe», sagt er. Dabei geht es auch um Strukturen. Die Mehrheit der Schweizer würde ihren Wahlentscheid davon abhängig machen, was national laufe – egal, ob sie in urbanen oder ländlichen Gebieten ­leben. «Eine gewisse Zentralisierung ist darum unumgänglich.»

Pfisters Plan ist der aktuellste Versuch, die CVP von ihrer ­Geschichte zu befreien. Es ist ein Problem so alt wie die Partei selbst. Als die Katholiken im ­jungen Bundesstaat integriert waren, hatte die CVP ihre Aufgabe erfüllt – und sucht seither eine neue.

Dieser Prozess ist jeweils mit Misstönen begleitet. So war es 1957, als die Konservative Volkspartei in «Konservativ-Christlichsoziale Volkspartei» umbenannt wurde, so war es 1970, als der Name in «Christlichdemokratische Volkspartei» geändert wurde, und so ist es ­heute, da eine erneute Neuausrichtung bevorsteht.

Dabei ist es nicht so, als ob die Konzentration auf die urbanen Gebiete noch nie ausprobiert worden wäre – vor zehn Jahre scheiterte eine «Agglomerationsstrategie» krachend.

Warum es dieses Mal anders sein wird? Ob es hilft, wenn man das C streicht? Ob es besser ist, es zu behalten, was Leute wie Beat Rieder fast schon hände­ringend fordern? Kann aus der CVP tatsächlich eine Bewegung werden, und was wäre der Vorteil einer Fusion mit der BDP?

Viele Fragen. Keine ­Antworten. Wie sagt es Gerhard Pfister? «Ich habe keine Präferenz. Ich will einfach den Erfolg.»

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