«Wir verzichten künftig ganz auf diese Sendungen»

SRF muss 16 Millionen Franken sparen. Direktorin Nathalie Wappler sagt, was das für Zuschauer und Mitarbeiter bedeutet.

Seit Frühling 2019 Direktorin des SRF: Nathalie Wappler. Foto: SRF

Seit Frühling 2019 Direktorin des SRF: Nathalie Wappler. Foto: SRF Bild: Keystone

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SRF muss 16 Millionen Franken sparen. Wird das Publikum dies spüren?
Ja, darum kommen wir nicht herum. Eine Folge des Schweizer «Tatorts» wird in der ersten Jahreshälfte 2021 ausgestrahlt statt schon 2020. Für die Zuschauer ist das verkraftbar, da wir jährlich 40 eingekaufte «Tatort»-Folgen senden. «Arena/Reporter» ist derzeit wegen des Wahljahrs ausgesetzt, danach verzichten wir ganz auf die Sendung. Und ebenso auf «Sternstunde Musik» am späten Sonntagabend.

Sie sparen also auch bei der Information und politischen Berichterstattung? Werden noch weitere Formate geopfert?
Erste grosse Brocken sind jetzt definiert. Weiteres Sparpotenzial suchen wir in allen Abteilungen und bei den Strukturen. Mit den bereits kommunizierten Massnahmen sparen wir 9 Millionen Franken. Weitere 7 Millionen fehlen noch. Wir werden Potenzial und Synergien ausfindig machen müssen, um bei gleichbleibender Qualität die Konzession zu erfüllen. Bei SRF 2 beispielsweise werden wir die Eigenproduktionen und Einkäufe reduzieren.

Wird es Entlassungen geben?
Für die noch fehlenden sieben Millionen Franken kann ich das nicht ausschliessen. Die bereits beschlossenen Massnahmen können wohl über natürliche Fluktuation umgesetzt werden. Wenn eine Stelle vakant wird, warten wir drei Monate mit der Neubesetzung. Wenn Mitarbeiter pensioniert werden, ersetzen wir sie nicht. Kleine Teams kann das hart treffen, dann braucht es allenfalls Härtefallentscheide.

«Wir brauchen einen starken Journalismus. Es ist so viel abgebaut worden auf Redaktionen in den letzten Jahren.»

Wird das Radiostudio nun doch nach Zürich verlegt? Diese Sparmassnahme haben Sie teilweise korrigiert.
Meine Kolleginnen und Kollegen sind daran, die Strategie für das gesamte Audioangebot von SRF zu entwickeln. Sie prüfen unter anderem, welche Bereiche allenfalls nach Zürich verlagert werden und welche in Bern bleiben könnten. Noch in diesem Jahr werden wir der Geschäftsleitung der SRG einen Vorschlag machen. Angesichts der finanziellen Situation müssen wir am Sparauftrag festhalten. Doch unsere Massnahmen müssen auch publizistisch Sinn machen und der Entwicklung dienen. Es braucht den anderen Blick. Verschiedene Standorte sind wichtig für die Vielfalt.

Der politische Druck ist jetzt weg, die SRG kann bezüglich Radiostudio wieder machen, was sie will.
Ich hätte es nicht gut gefunden, wenn das Parlament Medienstandorte ins Gesetz geschrieben hätte. Das hemmt die Entwicklung. Gleichzeitig ist mir die regionale Verankerung sehr wichtig. Wir brauchen den anderen Blick.

Im November 2018 haben Sie in einem Interview gesagt: «Wir müssen keinen Meinungsjournalismus machen.» Haben Sie das umgesetzt?
Das habe ich nie auf SRF-Kolleginnen und -Kollegen bezogen. Sondern auf die generelle journalistische Grundhaltung. Sie muss offen und neugierig sein, frei von Ideologie. Das wurde beim SRF schon vorher praktiziert und wird es auch heute noch.

Auf SRF News hat es eine Rubrik Analysen, wo SRF-Redaktoren Kommentare publizieren. Sie setzen doch ziemlich stark auf Meinung?
Das ist genau, was ich meine: Hier geht es um Analysen, nicht um Meinungen. Wenn das Publikum spürt, dass jemand wirklich hinschaut, sich kundig macht und bei der Einordnung hilft, dann hat das einen ganz anderen Stellenwert. Das ist die Stärke der Fachredaktionen. Die Redaktoren erwerben sich Fachwissen und geben dieses weiter, geben eine Einschätzung ab, die auch als solche deklariert ist. Ich finde, das ist eine zentrale Aufgabe von uns Journalisten. Ein solcher Journalismus, der frei ist von Ideologie und Vorurteilen, hat eine ganz andere Kraft. Und diese Kraft brauchen wir dringend, wir brauchen einen starken Journalismus. Es ist so viel abgebaut worden auf Redaktionen in den letzten Jahren. Die Meinungsvielfalt sollte nicht leiden.

«In der Schweiz schätze ich den unkomplizierten Umgang unter Arbeitskollegen.»

Manche SRF-Journalisten sind zu politischen Stimmen geworden, sie schreiben Kolumnen oder beteiligen sich in Formaten wie «Perfekte Eltern». Sollen Journalisten Akteure sein?
Da muss man im Einzelfall unterscheiden. Wichtig ist, dass die Glaubwürdigkeit gewährleistet bleibt. Was das neue Format «Perfekte Eltern» betrifft: Journalistische Persönlichkeiten sind wichtig, das Interesse an ihnen steigt, und wir reagieren darauf.

Die Werbeeinnahmen beim Fernsehen sinken offenbar drastisch. Was ist die Lösung? Hoffen Sie, dass die Politik zu Hilfe eilt?
Nicht wir entscheiden über die Gebührenhöhe oder die Plafonierung, das ist Sache des Bundesrates. Meine Aufgabe ist es, das Unternehmen unter den gegebenen Rahmenbedingungen in die Zukunft zu führen. Da sind wir mit einer bisher einmaligen Situation konfrontiert. Nach den ersten 100 Tagen im Amt habe ich meine Vorstellungen skizziert. Wir überprüfen jetzt nochmals unsere gesamten Strukturen, Doppelspurigkeiten werden eliminiert. In der nächsten Zeit will ich einen realistischen Finanzrahmen für unsere Organisation aufstellen.

Die SRG ist ein riesiges, komplexes Gebilde. Haben Sie da noch den Durchblick?
Ich kenne den Betrieb schon lange. Und ich habe gute Leute um mich herum. Ein Beispiel: Nachdem wir beschlossen haben, die ehemalige Tochterfirma TPC ins SRF zu integrieren, sind Kollegen von der Technik gekommen mit Ideen, wie man noch günstiger produzieren könnte. Vorher war TPC auf demselben Gelände, aber organisatorisch weiter weg. Diese Integration wird unsere Unternehmenskultur nochmals verändern, da werden rund 1000 Leute mit 2000 SRF-Mitarbeitenden zusammengeführt. Das hat grosses Potenzial.

Nach zwei Jahren in Deutschland – wie gefällt es Ihnen in Zürich?
Sehr gut, es ist ein toller Job. Eine Herausforderung und ein Privileg, ein Unternehmen mit 3000 Leuten zu führen. Die Vielfalt ist extrem schön, ich lerne jeden Tag etwas dazu. Die zwei Jahre in Halle waren bereichernd. Jede Kultur hat ihre Vor- und Nachteile. In der Schweiz schätze ich den unkomplizierten Umgang unter Arbeitskollegen.

Erstellt: 24.09.2019, 21:01 Uhr

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