«Ich kann nicht mehr»

Jeden Tag rufen zwei bis drei Teenager bei 147 an und sprechen davon, sich das Leben zu nehmen. Wie schaffen es die Beraterinnen, die Jugendlichen davon abzuhalten?

Selbsthass, Depressionen, Verzweiflung: Mit solchen Problemen wenden sich Jugendliche an die Beratungsnummer 147. Foto: Ryan Melaugh, Flickr.com

Selbsthass, Depressionen, Verzweiflung: Mit solchen Problemen wenden sich Jugendliche an die Beratungsnummer 147. Foto: Ryan Melaugh, Flickr.com

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Daniela Seyrlehner hat sich eben erst eingeloggt. Vor der langen Nachtschicht möchte sie noch kurz aufs WC, doch das Telefon klingelt schon. Ein junger Mann ist dran. Er wirkt betrunken, sitzt in einem lauten Tram irgendwo in der Schweiz. Einmal hört sie ihn durch den Lärm: «Ich kann nicht mehr.»

Haben Sie als Kind oder als Jugendliche auch mal bei 147 angerufen und den grössten Quatsch erzählt? «Mein Hamster ist gestorben und jetzt bin ich total depressiv.» Oder: «Ich glaub ich hab mich in meine beste Freundin verliebt» – nur sass die grad daneben und hielt sich den Bauch vor Lachen?

Der Vorteil von 147 ist ja: Man kann jederzeit auflegen. Und die Beraterinnen müssen einen ernst nehmen. Deshalb rufen dort nicht nur Teenies an, die Mut und Originalität testen wollen, sondern auch solche mit echten Problemen. Und sie rufen immer häufiger an, wenn Suizid ein möglicher Ausweg scheint. Jeden Tag wenden sich zwei bis drei Jugendliche mit Fragen oder konkreten Absichten zum Thema Selbsttötung an 147. Die meisten Anrufe kommen täglich ab 16 Uhr rein, wenn Schule oder Arbeit vorbei sind. Gegen Ende des Schuljahrs sind es jeweils ein bisschen mehr – Prüfungsstress. Seit 2011 haben die Fragen zum Thema Suizid um 50 Prozent zugenommen. Dementsprechend häufiger kommt es auch zu einer Krisenintervention. Wenn das 147-Team befürchtet, die Anruferin könnte sich etwas antun, werden Ambulanz, Polizei oder psychiatrischer Dienst aufgeboten. Doch die Zahl der tatsächlichen Jugendsuizide ist leicht rückläufig, sagt Thomas Brunner, Leiter des 147-Teams. Wie geht das zusammen?

Für alles gibt es auf Youtube eine Erklärung

Ein kleines, aufgeräumtes Büro in Bern. Das Fenster ist offen, Blick auf die Dächer der Stadt und dunkelgrüne Bäume. Verkehrsrauschen, Vogelgezwitscher. Hier verbringen Pro-Juventute-Mitarbeiterinnen die Nachtschicht. 22.45 bis 7.30 Uhr. Alleine nonstop da sein für Jugendliche aus der ganzen Deutschschweiz. Vor dem Fenster steht ein Bett. Auf dem Schreibtisch in der Mitte des Raumes: eine kleine Lampe, Headset, Computer und natürlich das Telefon. Schaut die Beraterin geradeaus zur Wand, sieht sie ein Mark-Rothko-Poster in beruhigendem Gelb und Orange. Daneben in der Ecke der Pro-Juventute-Gefühlskalender. Ein Strichmännchen, das sagt: «Ich bin interessiert.»

Daniela Seyrlehner weiss immer noch nicht, was der junge Mann will. «Ich kann dich bei dem Lärm nicht verstehen.» «Ruf mich doch nochmals an, wenn du aus dem Tram ausgestiegen bist, dann können wir reden.» «Nein nein, legen Sie nicht auf», sagt der Mann. «Sie müssen dranbleiben.»

Beratungsleiter Thomas Brunner hat täglich mit den Ängsten und Sorgen Schweizer Jugendlicher zu tun und wirkt trotzdem wie ein euphorischer Start-up-Gründer. «Das Jugendalter ist grundsätzlich eine Zeit grosser Veränderungen und Unsicherheiten. Ich habe nicht das Gefühl, dass es der heutigen Jugendgeneration schlechter geht als den vorangegangenen.» Sie sei allerdings geübter darin, sich Hilfe zu holen. «Für jede Frage gibt es Internet-Antworten oder ein Youtube-Video. Ähnlich pragmatisch können viele von ihnen deshalb auch mit psychischen Problemen oder persönlichen Fragen umgehen.»

«Okay, ich bleibe dran», sagt Daniela Seyrlehner. «Ich lege den Hörer neben mir auf den Tisch und gehe kurz aufs WC, okay? Dann warte ich, bis du bei deiner Station ausgestiegen bist und wir in Ruhe reden können, bist du einverstanden?» «Ja.»

«Im Nachhinein gesehen», sagt Daniela Seyrlehner, «habe ich den Ernst der Lage nicht gleich erkannt.» Erst als der junge Mann gesagt habe: «Hören Sie mir zu, ich mag nicht mehr», seien ihre Alarmglocken angegangen. Seyrlehner wirkt mit zierlicher Figur und grossen braunen Augen mädchenhaft, doch die 33-Jährige hat zuvor schon in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet. «Dorthin kamen die wenigsten freiwillig», sagt sie. «Wer bei 147 anruft, will erzählen.» Trotzdem hatte sie bei ihren ersten Nachtschichten Angst vor dem Telefon. «Du hast keine Ahnung, ob da jemand gerade auf einer Brücke steht oder ob es nur ein Scherzanruf ist.» Um möglichst für alles bereit zu sein, hat sie immer einen Stapel Fachliteratur neben sich auf dem Tisch.

In zwei Minuten verbunden

«Sind Sie noch da?», «Ja, ich bin hier», «In drei Stationen kann ich aussteigen», «Okay, sehr gut.» Als die beiden in Ruhe sprechen können, erfährt Daniela Seyrlehner mehr über den jungen Mann. Er bekomme Drohnachrichten auf seinem Handy, werde erpresst. Mit der Familie könne er nicht darüber reden, kein Kontakt, einen Job gibts auch nicht. «Wo schläfst du heute Nacht?» «Bei einer Tante, aber die ist nicht zu Hause. Ab morgen bin ich auf der Strasse. Ich will so nicht weitermachen.»

Selbstwertprobleme, Selbsthass, Angst, Mobbing, Depressionen, Erpressung mit Nacktbildern, Liebeskummer, sexueller Missbrauch, Traurigkeit, Einsamkeit, Verzweiflung. Die Gründe, weshalb Jugendliche über Suizid nachdenken, sind vielfältig. Oft handeln sie dann aber impulsiv, wenn es darum geht, das eigene Leben zu beenden. Schnelle Erreichbarkeit ist deshalb sehr wichtig. «Wer uns anruft und die Notfalltaste 1 drückt, wird innert der nächsten zwei Minuten verbunden», sagt Thomas Brunner. Mit einem Berater, der zuhört und nicht sagt: «Reiss dich zusammen.» «Steigere dich nicht so rein.» «Morgen siehts wieder anders aus.»

«Hast du etwas getrunken?» «Nur Energydrinks.» «Oh, also für mich ist Red Bull das einzig Wahre», sagt Daniela Seyrlehner, die Österreicherin. Der junge Mann geht auf das Gespräch ein, erzählt plötzlich, dass er Fussball spiele. Oh, und letztens habe ihn im Tram ein Mädchen angelächelt. Beinahe zwei Stunden telefoniert Seyrlehner mit ihm. Falls ein Notfall dazwischen gekommen wäre, hätte sie ihn in der Leitung behalten. Als er bei seiner Tante angekommen ist, kann Seyrlehner ihm das Versprechen abnehmen, dass er sich in dieser Nacht nichts antun wird.

Als Daniela Seyrlehner am nächsten Tag zur Arbeit kommt, erfährt sie, dass eine Arbeitskollegin den jungen Mann wieder am Apparat hatte. Die Nacht war zwar überstanden, die Krise jedoch noch nicht. Er stand an der Strasse, wieder nahe am endgültigen Schritt. Die diensthabende Beraterin hat dann eine Krisenintervention ausgelöst, direkt die Notfallpsychiatrie aufgeboten. Hätte Seyrlehner nicht gerne selbst wieder mit ihm gesprochen? «Ja klar», sagt sie. «Aber so funktioniert das bei uns nicht. Wir sind eine Erstberatung, keine Therapie.» Loslassen gehört dazu.

Und in den allermeisten Fällen gelinge es den Beraterinnen, das Schlimmste abzuwenden; dem Jugendlichen Perspektiven aufzuzeigen oder ihn dazu zu animieren, sich Hilfe zu holen. Wenn Seyrlehner nach ihrer Schicht Jugendliche beobachtet, sie auf der Strasse oder am Bahnhof sieht, laut und lachend – Teenies halt – denkt sie manchmal an all die Dinge, die sie ihr anvertraut haben.

Erstellt: 27.05.2016, 14:25 Uhr

Suizid bei Jugendlichen

Im Jahr 2013 haben sich laut Bundesamt für Statistik in der Schweiz 72 Kinder und Jugendliche unter 25 Jahren das Leben genommen, das entspricht einem Suizid etwa alle fünf Tage. Zum Vergleich: 1994 waren es noch fast 160 gewesen. Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen in der Schweiz. Der Kinderrechtsausschuss der UNO zeigt sich besorgt über die hohe Anzahl Suizide und Suizidversuche. (sly)

147

Kinder- und Jugendberatung von Pro Juventute

Circa 70 Mitarbeiter bieten an den Standorten Bern, Lausanne und im Tessin rund um die Uhr eine Betreuung für ratsuchende Kinder und Jugendliche an. Neben der Telefonnummer 147 sind sie auch via SMS, Chat und E-Mail erreichbar. 147 wird zu je einem Fünftel vom Bund und von den Kantonen finanziert, der Rest beruht auf Spenden. Zusätzlich zur Nummer 147 betreibt Pro Juventute auch einen Beratungskanal für Eltern: elternberatung.projuventute.ch / 058 261 61 61 und einen für Trainer und andere Bezugspersonen von Kindern: jugendleiter.projuventute.ch / 058 618 80 80
www.147.ch

(sly)

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