Interview

«Ich machte den Film auch wegen Thomas Minder»

Noch hat ihn fast niemand gesehen. Dennoch ist Michael Steiners Film gegen die Abzockerinitiative bereits ein grosses Thema. Der Regisseur über die Hintergründe des dreiminütigen Werbespots.

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Gratulation, Herr Steiner!
Weshalb?

Sie sind der Regisseur, der es regelmässig schafft, mit seinen Filmen in die Medien zu gelangen, obwohl diese noch gar nicht erschienen sind.
Das ist echt reiner Zufall und war im Falle des Films, den ich für Economiesuisse realisierte, nie so vorgesehen.

Weshalb ist es dennoch geschehen?
Ein TeleZüri-Journalist machte die Sache publik, und seither verbreitet sich die Nachricht in diversen Medien. Was besonders ärgerlich ist: Die Fakten sind teilweise falsch. Ich habe gegenüber mehreren Journalisten betont, dass die genannten Produktionskosten nicht der Realität entsprechen. Doch als die 300'000 Franken einmal geschrieben waren, wurde dies von vielen Medien blind übernommen.

Wie viel hat der Film gekostet, und wofür wurde das Geld verwendet?
Ich kann nur sagen, dass die Kosten klar unter 300'000 Franken liegen. Der Film dauert gut drei Minuten. Im Verhältnis zu einem 30-sekündigen Werbespot, dessen Kosten in der Regel zwischen 150'000 und 300'000 Franken liegen, ist das nicht teuer. Ein Grossteil des Geldes wurde für die Postproduktion aufgewendet, speziell für die Special Effects: Für die Schweiz im Jahr 2026 wurden Momentaufnahmen nachgebaut, was sehr aufwendig war. Gewisse Leute in den Leserkommentaren der Medienportale meinten allen Ernstes, dass ich die 300'000 Franken für mich einsteckte. Das ist absurd. Für mich blieb nicht viel übrig.

Was wurde in den Medien sonst noch falsch dargestellt?
Der Inhalt wird teilweise falsch wiedergegeben. Es ist zwar richtig, dass der Film auf überspitzte Weise die Schweiz am Abgrund zeigt. Doch viele Details stimmen nicht, weil die Informanten den Spot nicht gesehen haben, sondern einfach kolportierten. Ich korrigiere bloss, was bereits falsch beschrieben wurde: So wird die Kappelbrücke nicht abgebrannt, sondern von der Bevölkerung auseinandergenommen, weil sie das Holz zum Heizen brauchen. Bei der zerstörten Stadt handelt es sich auch nicht um Basel, sondern um Zürich, und die «Röstimauer» ist wohl offensichtlich ein Witz und keine Aufforderung zur Sezession.

Dennoch. Der Film ist extrem zugespitzt. Weshalb?
Es ist kaum möglich, in einem dreiminütigen Werbespot den Unterschied zwischen der Minderinitiative und dem Gegenvorschlag aufzuzeigen. Deswegen gab es nur eine Möglichkeit: Wir mussten etwas Polarisierendes schaffen. Ein Worst-Case-Szenario mit ironischem Unterton, das zeigen soll, was ein Eingriff in die Wirtschaft für maximale Folgen haben kann. Die übertriebene Darstellung sollte die Grundlage für eine Diskussion über die Fakten liefern. Vor allem für die jüngere Generation.

Wessen Idee war das?
Economiesuisse fragte mich im letzten Jahr an, ob ich die Kampagne mit einem filmischen Beitrag unterstützen möchte. Ich brachte darauf den Vorschlag für einen Spot, der mit dem Stilmittel der Übertreibung und der Ironie arbeitet. So sollte ein Viral-Video entstehen, das sich breitflächig im Internet verbreitet und so eine ernsthafte Diskussion zum Thema auslösen kann. Solche Videos verbreiten sich nicht im Netz, wenn sie brav daherkommen.

Wie hat Economiesuisse auf den Film reagiert?
Kampagnenleiterin Ursula Fraefel fand den Film gut. Was hinter den Kulissen besprochen wird, weiss ich nicht. Nach meinem Kenntnisstand stand die Führung von Economiesuisse hinter der Idee, einen polarisierenden Film zu drehen, um damit auch die jüngeren Leute zu sensibilisieren. Ich finde es schade, dass nun über etwas gesprochen wird, was vielleicht niemand zu sehen kriegt.

Weshalb wird der Film nicht einfach veröffentlicht?
Die aktuelle Medienberichterstattung hat die Führung von Economiesuisse vielleicht abgeschreckt. Es entstand ein verfälschter Eindruck des Films. Der Spot ist ein Kampagneninstrument. Wenn Economiesuisse das Gefühl hat, den Abstimmungskampf auch ohne dieses Mittel zu gewinnen, ist das für mich in Ordnung. Hier ist es normal, das ganze Land mit Plakaten zu bepflastern. Die Schweiz ist aufgrund der kleinen Fläche ein Plakatland. In den USA ist der Film als Kampagnenmittel weitverbreitet. Als Regisseur hätte ich den Spot natürlich gerne veröffentlicht. Aber ich bin letztlich nur Teil einer Kampagne und nicht befugt, das zu entscheiden.

Bereuen Sie, diesen Film gemacht zu haben?
Nein. Ich machte den Film auch wegen Thomas Minder. Zehn Jahre nach dem Swissair-Grounding behauptet er immer noch, Mario Corti (Ex-Swissair-Chef, Anm. d. Red.) sei ein Abzocker, was einfach nicht der Faktenlage entspricht. Corti wechselte zur Swissair, obwohl er zuvor bei Nestlé einen sicheren Job mit mehr Gehalt hatte. Die 12,5 Millionen waren auch für 5 Jahre und wurden Herrn Corti so angeboten. Wer mit falschen Argumenten einen emotionalen Wahlkampf betreibt, ist in meinen Augen nicht glaubwürdig. Mit diesem Film wollte ich auch Emotionen schüren – aber für die Gegenseite.

Der Film wurde im Ausland gedreht. Weshalb?
Wir brauchten alle Motive auf engem Raum, angebunden an eine Stadt mit starker Produktionsstruktur. Zudem suchte ich nach einer Brücke, welche wir einfach kontrollieren konnten. Diese Anforderungen erfüllte in diesem Fall nur Budapest. Die Drehlogistik definiert den Drehort. Wären die Anforderungen in der Schweiz erfüllt worden, hätte ich hier gedreht.

Glauben Sie, dass die Abstimmung noch gewonnen werden kann?
Wenn die Mehrheit begreift, dass der Titel der Initiative nicht das verspricht, was er vorgibt, gibt es durchaus eine Chance. Die Vorlage ist vergleichbar mit der Minarettinitiative: Sie ist gesteuert von Wut und Emotionen und lenkt von den wahren Problemen dieses Landes ab. Linke wie Liberale müssten diese Initiative klar ablehnen.

Weshalb?
Grundsätzlich handelt es sich um ein sehr trockenes Thema. Enthielte die Vorlage nicht das Wort «Abzocker», würde es kaum jemanden interessieren. Korrekterweise müsste sie heissen: «Initiative zur Stärkung der Aktionärsrechte». Mit der Vorlage wird das Abzockerproblem nicht gelöst. Sie dient allein dazu, die Aktionärsrechte zu stärken. Das ist fernab von der «Überwindung des Kapitalismus», wie es in linken Programmen steht. Und für mich als Liberalen gibt es keinen Grund, am wirtschaftlichen Erfolgsmodell Schweiz rumzudoktern. Schon gar nicht, wenn die Gesetzesänderung nur neue Hürden und Gefahren mit sich bringt, ohne aber das Problem effektiv zu lösen. Wut und Rache sind schlechte Ratgeber. Auch in diesem Fall.

Erstellt: 11.02.2013, 23:40 Uhr

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