Sie lebt mit 2450 Franken Notrente pro Monat

Brigitte Favarger fand mit 60 keinen Job mehr und erhält eine Überbrückungsrente. Sie erzählt, wie ihr diese dabei geholfen hat, die Würde zu wahren.

Als sie nur noch 1000 Franken auf dem Konto hatte, ging Favarger aufs kantonale Sozialamt: Eine Schuldenberaterin und eine Klientin (Symbolbild) Foto: Christof Schuerpf, Keystone

Als sie nur noch 1000 Franken auf dem Konto hatte, ging Favarger aufs kantonale Sozialamt: Eine Schuldenberaterin und eine Klientin (Symbolbild) Foto: Christof Schuerpf, Keystone

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Brigitte Favarger lebt schon lange in Lausanne und kann trotzdem kein Café empfehlen. 

Nicht, weil sie Espresso oder Gesellschaft hasst. Sondern weil die 62-Jährige es sich nicht leisten kann, irgendwo einzukehren. «Ich gehe nie in ein Café», sagt sie. 

2450 Franken pro Monat – mit diesem Betrag muss Favarger leben. Mit 60 Jahren fand sie keinen Job mehr. Sie habe alles versucht, immer die Ohren offen gehabt, sich überall beworben, beim Kiosk und in der Confiserie. Erfolglos. 

Als sie nur noch 1000 Franken auf dem Konto hatte, ging Favarger aufs kantonale Sozialamt. Seither erhält sie eine Überbrückungsrente. 

«Ich mag den Namen. Es ist eine Brücke zur Rente», sagt Favarger. Sie schäme sich nicht, anderen davon zu erzählen. Durch die «Rente Ponte» habe sie ihre Würde wahren können.

Nahe am Burn-out

Als sie jung war, machte Favarger eine Lehre als Coiffeuse. Danach chauffierte sie einen Geschäftsmann, machte Umfragen am Bahnhof und schrieb Bücher für Jugendliche. Die Lehre blieb ihr höchster Abschluss. «Ich bin wie ein Schwamm», sagt Brigitte Favarger, «habe alles aufgesogen und mir selbst beigebracht.» Kein Studium. Keine Weiterbildung.

Zuletzt machte Favarger Stellvertretungen als Primarlehrerin. Mal konnte sie viel arbeiten, wenn Lehrer ausfielen, mal gab es keine freien Stellen, dann wurde das Geld knapp. 

An einer Klasse zerbrach sie schliesslich. Die Schüler hätten geschrien; seien «unerziehbar» gewesen. Irgendwann konnte Favarger nicht mehr. Sie war nahe an einem Burn-out, machte eine Pause, versuchte es nochmals, doch es ging nicht. 

Also zahlte sie sich die Pensionskasse aus. Das reichte für zwei Jahre, aber nicht länger.

Monotoner Alltag

Die Brücke zur Rente hat Brigitte Favarger mittlerweile überquert. Diesen September wurde sie frühpensioniert. Noch immer erhält sie jeden Monat rund 2450 Franken. «Das reicht aus», sagt Favarger, «doch ich lebe sehr einfach.» Sie habe keine Familie, kein Fernsehen, kein Internet, kein Handy und nur wenige Rechnungen. Sie rauche nicht. Sie gehe nicht in die Ferien. Und an Weihnachten verschenke sie nichts. «Ich bin trotzdem zufrieden», sagt Favarger. 

Die Überbrückungsrente findet sie genial. «Ich muss nichts klauen und nicht betteln.» Und wenn sie ein Loch im Zahn habe, könne sie zum Zahnarzt gehen. 

Das Arbeiten vermisse sie nicht. «Ich hatte viel Druck und war trotzdem niemand», sagt Favarger.

Ihr Alltag sei etwas monoton, sagt sie. «Aber nicht monotoner als der von anderen Menschen.» Favarger liest viel und meditiert. Sie spaziert dem Lac Léman entlang. Und jeden Tag geht sie in den Laden. Um kleine Dinge zu besorgen, vor allem aber, um rauszukommen, ein paar Leute zu treffen. 

Das Arbeiten vermisse sie nicht. «Ich hatte viel Druck und war trotzdem niemand», sagt Favarger. Auch nach mehr Geld sehnt sie sich nicht. Es nerve sie höchstens, dass sie vergünstige Sachen kaufen müsse, deren Produktion sie kritisiert. Ihr schwarzer Kunstfellmantel zum Beispiel, in den sie gehüllt ist. Er kostete nur 30 Franken. Made in Bangladesh.

Erstellt: 12.12.2019, 07:35 Uhr

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