«Chefs unnötig zu finden, gehört zum Selbstbild von Journalisten»

SRF-Direktor Ruedi Matter wurde in einer Mitarbeiterumfrage schlecht bewertet. Das liege am Strukturwandel. Zurücktreten will er erst nach der Abstimmung über die No-Billag-Initiative.

«Es gehört zum Selbstbild eines Journalisten, dass er seine Chefs unfähig bis unnötig findet», sagt Ruedi Matter. Foto: Reto Oeschger

«Es gehört zum Selbstbild eines Journalisten, dass er seine Chefs unfähig bis unnötig findet», sagt Ruedi Matter. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die SRG-Chefs kommen bei den Mitarbeitern schlecht an. Das zeigt eine interne Umfrage aus dem Jahr 2015 – die bisher aktuellste, welche die Schweizerische ­Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) durchgeführt hat. Der «Tages-Anzeiger» machte die Umfrage Ende Juli publik.

SRG-Generaldirektor Roger de Weck und Ruedi Matter, Direktor des Deutschschweizer Radio und Fernsehens (SRF), erhielten in der Umfrage Zustimmungswerte von 50 bis 60 Punkten – von 100 zu vergebenden Punkten. In der Informationsabteilung des Schweizer Fernsehens ist das Vertrauen in die Führung von SRG und SRF noch etwas tiefer. Sehr hoch schätzten die Mitarbeiter dagegen ihre eigene Leistungsbereitschaft und die Identifikation mit ihrem Unternehmen ein (70 bis 90 Punkte).

Nach dem Ende der Sommerpause hat sich Ruedi Matter nun bereit erklärt, zu den Resultaten dieser Umfrage Stellung zu nehmen.

2015 haben Sie von den Mitarbeitern ein schlechtes Zeugnis bekommen. Was ist Ihre Erklärung dafür?
Mit der gesamten Umfrage war ich sehr zufrieden. Wichtig ist die Identifikation mit dem Unternehmen, und die ist hoch. Es gehört ausserdem zum Selbstbild eines Journalisten, dass er seine Chefs unfähig bis unnötig findet. Ich war lange genug Journalist und kultivierte dieselbe Einschätzung. Das ist auch richtig, Journalismus ist ein antiautoritärer Beruf. Journalisten müssen hinterfragen und kritisieren. Zudem waren 2011 Radio DRS und Schweizer Fernsehen, zwei Unternehmen mit ganz unterschiedlichen Kulturen, fusioniert worden. So ­etwas schafft Unsicherheiten. Vor diesem Hintergrund waren die Ergebnisse nicht schlecht.

Trotzdem hat die SRG-Führung sie versteckt. Warum?
Quatsch. Es gab eine Publikation der Ergebnisse im Intranet. Und die Resultate der Umfrage wurden verteilt. Das Interesse daran war nicht sehr gross, es gab zum Beispiel bei keiner unserer vielen internen Veranstaltungen Fragen dazu.

Wenn das Vertrauen in das oberste Kader fehlt – ist es richtig, wenn Sie die SRG durch die No-Billag-Abstimmung begleiten?
Wenn ich mit den Mitarbeitern spreche, spüre ich kein Misstrauen. Die Teilergebnisse der Umfrage von 2015, auf die Sie sich beziehen, kommen aus dem Bereich der tagesaktuellen TV-Information. Dieser Bereich ist am stärksten vom Strukturwandel betroffen. Eine junge Generation von Onlinejournalistinnen und -journalisten gewinnt an Bedeutung. Da ist es normal, dass sich manche als Verlierer sehen.

Deshalb haben Ihnen die Mitarbeiter das Vertrauen entzogen?
Von Vertrauensentzug kann keine Rede sein. Dass es in diesem Strukturwandel negative Gefühle gibt, kann ich absolut nachvollziehen. In der tagesaktuellen Information stellen wir so ziemlich alles auf den Kopf. Nehmen wir Redaktionen wie die «Tagesschau», die unter Druck sind, weil ihr Publikum im klassischen TV mehrheitlich über 60 ist. Sie müssen akzeptieren, dass ihre Inhalte auch von anderen Redaktionen für Onlineplattformen verwendet werden, die ein jüngeres Publikum erreichen. Das ist ein ­gewaltiger Kulturbruch.

Roger de Weck wird dieses Jahr pensioniert, Sie werden nächstes Jahr 65 Jahre alt. Hören Sie vor der Abstimmung zur No-Billag-Initiative auf oder nachher?
Der künftige Generaldirektor Gilles Marchand und ich haben besprochen: Zuerst stehen wir diese Abstimmung durch, dann reden wir über meinen Rücktritt. Meine Pensionierung ist erst in der zweiten Jahreshälfte 2018 ein Thema, wenn ich 65 werde. Ich glaube, unsere Gegner wünschen sich, dass vor der Abstimmung jemand Neues kommt, dass eine unbekannte, neue Person mich ersetzt, die das Land nicht so gut kennt und nicht so gut vernetzt ist.

Haben Sie den Zeitpunkt Ihres Rücktritts mit dem Verwaltungsrat abgesprochen?
Für den Verwaltungsrat ist klar, dass ich bis nach der No-Billag-Initiative im Amt bleibe. Ich habe den Eindruck, die finden das ganz gut.

Mit welcher Botschaft gehen Sie in den Abstimmungskampf?
Zuerst: Wir führen keinen Abstimmungs­kampf, das ist eine zivilgesellschaftliche Aufgabe. Wir werden diese Volksinitiative, die uns abschaffen und die Medienvielfalt in diesem Land weiter reduzieren will, journalistisch mit der gleichen Distanz und Fairness behandeln wie alle anderen.

Viele regen sich aber auf, weil die SRG-Gebühr obligatorisch wird.
Ich weiss nicht, wie viele sich wirklich aufregen. An der Eröffnung des Unspunnenfests habe ich mit sehr vielen Leuten geredet. Und ich hatte den Eindruck, dass ihnen die Bedeutung und der Wert der SRG bewusst sind. Weil die SRG über ein solches Ereignis selbstverständlich gross berichtet. Ein rein werbefinanzierter Sender hätte nicht die Mittel, um diesen Höhepunkt der Volkskultur, den es nur alle 12 Jahre gibt, entsprechend abzudecken.

«Wir stellen so ziemlich alles auf den Kopf. Dass es deshalb negative Gefühle gibt, kann ich absolut nachvollziehen.»

Muss die SRG anders auftreten? Bescheidener?
Bei SRF führen wir seit mehreren Jahren unter dem Label «Hallo SRF» einen intensiven Dialog mit dem Publikum über verschiedene Kanäle: im Radio, im Fernsehen, online, an vielen Veranstaltungen im ganzen Land. Es ist wichtig, dass wir deutlich machen, was den Wert von SRF ausmacht: Wer die Gebühr zahlt, sichert Qualitätsjournalismus, der unabhängig ist von Wirtschafts- und Parteiinteressen. Wenn man sieht, wie Journalismus heute unter Druck ist, ist das ein grosser Wert. Und ich stelle fest, dass die sprachliche und kulturelle Vielfalt vom grossen Publikum und von allen Parteien, von rechts bis links, als wichtig erachtet wird. Das sind Themen, über die man doch reden muss.

Das Parlament ist gegenüber der SRG kritischer geworden. Heute reichen auch Politiker der CVP, jener Partei, die der SRG nahesteht, entsprechende Vorstösse ein. Beunruhigt Sie das?
Ein Parlamentarier darf doch Vorstösse einreichen. Wichtig ist, dass sich das Parlament danach intensiv damit beschäftigt. Interessant ist ja: Wenn die Diskussion eine gewisse Reife erreicht, kommen viele dieser Vorstösse nicht durch, weil im Parlament viele intelligente Menschen sitzen, die durchschauen, welche Partikularinteressen dahinterstecken.

Es sitzen auch viele im Parlament, die sich ihre Präsenzzeiten auf den SRG-Kanälen sichern wollen.
Dieses Argument höre ich immer wieder, und es ist total abwegig. Keiner, der uns kritisiert, ist je mit TV-Absenz bestraft worden. Unsere Redaktionen würden sich total unglaubwürdig machen, wenn sie die Leute nach SRG-Sympathie einladen würden. Medienpolitik ist ohnehin ein Randthema, es gibt viel wichtigere Themen. Und zu jedem Thema laden die Redaktionen Leute ein, die etwas zu sagen haben. Die medienpolitische Position spielt keine Rolle.

Erstellt: 07.09.2017, 20:05 Uhr

Artikel zum Thema

SRG-Chefs kommen bei Mitarbeitern schlecht an

Das Vertrauen in Roger de Weck und Ruedi Matter ist klein. Das zeigt eine Umfrage, die so nicht publiziert wurde. Mehr...

Heikle SRF-Story zur Megafusion

Bereits vor der Bekanntgabe der Fusion sprach das Schweizer Fernsehen mit den beiden CEOs darüber. Experten zeigen sich darüber befremdet. Mehr...

Ruedi Matter

SRF-Direktor seit 2011

Ruedi Matter, geboren 1953 in Buckten BL, studierte in Zürich Geschichte, Publizistikwissenschaft und Philosophie und absolvierte an der Stanford Graduate School of Business in Palo Alto (USA) das Stanford Executive Program. Er arbeitete als Redaktor bei der Basler «National-Zeitung», bei der «Tagesschau» sowie beim Magazin «Karussell» des Schweizer Fernsehens. Von 1997 bis 2006 war er Redaktionsleiter, dann Direktor Wirtschaft und Programmplanung beim Nachrichtenfernsehen n-TV in Berlin und Köln. 2006 kehrte er zur SRG zurück. Seit 2011 ist er Direktor von SRF. (TA)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Die Schweiz zum halben Preis entdecken

Exklusiv und nur für kurze Zeit: Mobility-Testabo für 43 Franken inkl. gratis Hotelcard!

Die Welt in Bildern

Hier tanzt man zwangsläufig auf mehreren Hochzeiten: Unzählige Brautpaare versammeln sich vor dem Stadthaus von Jiaxing, China. Sie geben sich das Ja-Wort bei einer Massenheirat. (22. September 2019)
Mehr...