«Ich verdiene 1200 Franken pro Monat»

Nicole Hablützel-Ruch betreibt vier Kinderkrippen. Sie sagt, warum die Arbeitsbedingungen in der Kita prekär sind und was man dagegen tun könnte.

«Das Niveau der Ausbildung muss höher werden»: Nicole Hablützel-Ruch, Inhaberin von vier Kindertagesstätten, hier in der Kita Rumpelchischtä in Winterthur. Fotos: Reto Oeschger

«Das Niveau der Ausbildung muss höher werden»: Nicole Hablützel-Ruch, Inhaberin von vier Kindertagesstätten, hier in der Kita Rumpelchischtä in Winterthur. Fotos: Reto Oeschger

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Die Arbeitsbedingungen in Kindertagesstätten (Kita) seien prekär, sagen Fachleute (wir berichteten über die Notstände in Kitas). Auch bei Ihnen?
Ja. Es ist eine aufreibende Arbeit, man ist von früh bis spät mit den Kindern und den Eltern beschäftigt. Die Löhne sind tief und man hat nur vier Wochen Ferien.

Wie tief sind die Löhne?
Wir halten uns an die Mindestbedingungen. Praktika werden mit 4.40 Franken pro Stunde entlöhnt. Eine ausgebildete Fachperson Betreuung verdient zunächst zwischen 4200 und 4400 Franken, als Miterzieherin ohne Führungsaufgaben. Ich selber habe mir während der ersten fünf Jahre gar keinen Lohn bezahlt, heute verdiene ich 1200 Franken pro Monat, als ausgebildete Pädagogin und Inhaberin von vier Krippen.

Kritiker sagen, der Betreuungsschlüssel, das Verhältnis Kinder-Betreuer, werde oft nicht eingehalten.
Wir schaffen das dank unseren vier Standorten. Wenn eine Betreuungsperson ausfällt, kann eine andere einspringen, sofern es in einer anderen Kita weniger Kinder hat als geplant.Doch das ist mit Aufwand und Hektik verbunden. Ob das ständige Rotieren den Kindern und Angestellten guttut, ist die andere Frage.

Sie halten den Betreuungsschlüssel immer ein?
Ja. Dennoch gibt es manchmal Schwierigkeiten. So war eine Betreuungsperson während 45 Minuten mit den Kindern allein, sie hatte soeben das eidgenössische Fähigkeitszeugnis als Fachperson Betreuung erhalten. Das war ein Engpass und gerade noch zulässig. Doch er führte zu einer Beschwerde beim Kanton, die jetzt beim Bezirksrat hängig ist.

Eine Ausbildnerin vom Marie-Meierhofer-Institut hört ihre Schülerinnen Dinge sagen wie: Gestern war ich wieder den ganzen Vormittag allein mit den Kindern.
Die Frage ist: Was heisst allein? Wenn eine Praktikantin oder Lernende mit vier Kindern in einem Raum ist und mit ihnen malt, bei offener Tür, und die ausgebildete Fachperson in Hör- und Reichweite ist, dann geht das.

Wenn aber die Fachfrau dringend nach draussen muss?
Dann muss sie telefonisch oder durch Zurufen via offenes Fenster oder Türen erreichbar sein. Aber eigentlich geht das nicht. Das steht auch in den Krippen-Richtlinien. Es muss eine ausgelernte Fachperson in der Gruppe sein. Es ist übrigens erschreckend, wie wenig von den Angestellten die Richtlinien gelesen haben. Diese sind offenbar kein Thema. Man findet sie aber mit zwei Klicks auf der Website des Kantons.

Warum werden die Richtlinien nicht gelesen?
Ich kann nur mutmassen: Man will gar nicht, dass die Angestellten die Regeln zu genau kennen, und wurstelt lieber.


Lesen Sie auch: Sind Krippen gut oder schlecht für Kinder?
Erstmals haben Schweizer Forscher untersucht, wie sich Kleinkinder in der Krippe und zu Hause entwickeln. Das sind die Resultate.


Manche Politiker wollen die gesetzlichen Vorgaben für Kindertagesstätten reduzieren oder abschaffen. In Zürich etwa hat der Kantonsrat einen entsprechenden Vorstoss von SVP, FDP und CVP überwiesen. Würde Deregulierung helfen?
Nein, ganz sicher nicht. Die Mindestvorgaben sind nicht das Problem. Wir können sie gar nicht unterschreiten, das wäre menschenunwürdig. Heute sind pro Gruppe von elf Kindern zwei Betreuungspersonen vorgeschrieben. Mit dem neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz darf eine Gruppe zwölf Kinder umfassen. Doch zwei Betreuer für eine Gruppe, womöglich mit Säuglingen – wie sollen wir das schaffen? Der Druck auf die Angestellten wird noch steigen, die Fluktuation zunehmen, die Qualität weiter sinken, noch mehr Betreuer werden den Beruf wechseln wollen. Auch werden die Eltern womöglich Druck auf die Tarife machen, weil wir ja theoretisch weniger Personal brauchen für gleich viele Kinder.

Wie muss man sich diese Arbeit vorstellen?
Wir kommen nie zur Ruhe. Ich mache etwas mit Kindern und stelle fest, dass andere Kinder mich ebenfalls brauchen, dass ich aber nicht in der Lage bin, deren Bedürfnissen gleichzeitig nachzukommen. Wir gehen nach draussen mit zwölf Kindern. Der Säugling muss in den Strampler, die Kinder benötigen Hilfe beim Anziehen, die Kinderwagen müssen gerichtet werden, Leuchtstreifen, Notfallhandy und -rucksack müssen her. Eine Angestellte in der Kita lassen, damit sie etwas aufräumt und vorbereitet, geht nicht, denn sonst wäre ich allein mit der Gruppe. Zeit für Gespräche, schriftliche Arbeiten, Organisatorisches oder gar Coaching gibt es praktisch nicht.


«Wir kommen nie zur Ruhe» – Nicole Hablützel-Ruch über die Arbeit in den Kitas.

Keine Zeit für Coaching – auch nicht für die Ausbildung der Lehrlinge?
Es ist schwierig. Ich möchte alle Lehrlinge einmal pro Woche zusammennehmen, einen Halbtag, um Themen zu vertiefen. Doch dann fällt eine Betreuungsperson aus, und jemand muss einspringen.

«Man meint, die Kinderbetreuung sei einfach, ein bisschen Spielen. Doch es ist sehr anspruchsvoll.»

Was wäre der ideale Betreuungsschlüssel?
Fünf Betreuende pro Gruppe würden uns ermöglichen, Kinder und Angestellte richtig zu begleiten und zu fördern. Gesetzlich vorgeschrieben sind zwei, und wir planen mit drei, um für Notfälle gerüstet zu sein.

Fünf Betreuer pro Gruppe – könnten Sie das finanziell stemmen?
Unsere Personalkosten würden damit verdreifacht. Nein, das könnten wir nicht.

Und wenn doch, wären die Probleme damit gelöst?
Nein, denn die Ausbildung ist ein weiteres Problem. Zuerst müsste ich die gut ausgebildeten Angestellten einmal bekommen. Es gibt zwar Bemühungen, die Praktika zu verbessern und den Zugang zur Lehre zu vereinfachen. Beides begrüsse ich. Doch ich bezweifle, dass der eidgenössische Fähigkeitsausweis Fachperson Betreuung, der 2006 eingeführt wurde, den Anforderungen eines Ausbildners und Gruppenleiters genügt. Die dreijährige Lehre hat nicht die Breite und Tiefe einer höheren pädagogischen Ausbildung wie etwa Kleinkindererzieherin HF oder ein Studium an der pädagogischen Hochschule. Man meint, die Kinderbetreuung sei einfach, ein bisschen Spielen. Doch es ist sehr anspruchsvoll. Das Niveau der Ausbildung muss höher werden.

Wenn Sie verfügen könnten: Was würde sich ab sofort ändern?
Jeder Kita-Angestellte hätte einen Tag pro Woche Zeit für Weiterbildung, Reflexion, Vorbereitung, Coaching, Supervision und Teamsitzungen.

Der Verband Kinderbetreuung Schweiz fordert, dass der Staat Kindertagesstätten finanziert wie Schulen. Was meinen Sie dazu?
Ich habe mich lange geweigert, dem zuzustimmen. Weil ich nicht will, dass die Kleinkindbetreuung schon verstaatlicht wird. Ich dachte immer, das müsse doch möglich sein. Doch ich habe so viel probiert, ich stosse an meine Grenzen. Heute sage ich: Es geht nicht anders. Es ist die einzige Lösung, dass der Staat Kitas finanziert.

Erstellt: 07.11.2019, 14:28 Uhr

Nicole Hablützel-Ruch

Hablützel-Ruch (44) stammt aus Märstetten TG. Nach dem Kindergärtnerinnen-Seminar in Amriswil hat sie mehrere Jahre als Kindergärtnerin, Ausbildnerin und Spielgruppen-Leiterin gearbeitet, bevor sie 2006 in Winterthur eine Kindertagesstätte eröffnete. Es folgten drei weitere Standorte in Elgg, Pfungen und Neftenbach.
Daneben erlangte sie ein Diplom als Berufsbildnerin und ein Zertifikat als Kita-Leiterin. Die vier Kitas beschäftigen 40 Personen, davon 8 Praktikanten und 8 Lernende. (bl)

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