«Ich würde die Patientin nicht mehr begleiten»

Die Aufarbeitung der Sterbebegleitung einer psychisch kranken Frau hat Erika Preisig gezeichnet.

Ärztin und Sterbebegleiterin Erika Preisig fordert eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe. Foto: DPA

Ärztin und Sterbebegleiterin Erika Preisig fordert eine gesetzliche Regelung der Sterbehilfe. Foto: DPA

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Wie geht es Ihnen?
Wenn man über drei Jahre eine enorm grosse Belastung tragen muss, kann das nicht spurlos an einem vorbeigehen. Besonders die Vorbereitungszeit und die Verfahrenstage haben meine Gesundheit deutlich beeinträchtigt. Ich leide an diversen Autoimmun­erkrankungen, die bekanntlich durch Stress zum Ausbruch gebracht oder verschlimmert werden. Die sichtbarste davon ist eine zunehmende Alopezie – stressbedingter Haarausfall. Das tut nicht weh, würden einige sagen, aber für eine Frau ist das eine ganz enorme zusätzliche Belastung.

Sind Sie nach dem Urteilerleichtert oder enttäuscht?
Beides. Erleichtert in Bezug auf den Freispruch vom Tötungsvorwurf. Enttäuscht über die im Zusammenhang mit der Medikamentenabgabe ausgesprochene Verurteilung.

Eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung befürwortet die Selbstbestimmung am Lebensende. Haben Sie das gespürt während der letzten Jahre?
Es gab eine unglaubliche Solidarität, das hat mir auch immer die Kraft gegeben, trotz der Gegner meine Arbeit weiter zu machen. Auch jetzt ist die Solidarität derart gross, dass sehr viele Menschen, die ich nicht kenne, mir sogar angeboten haben, für meine Busse Geld zu sammeln. Ich habe insbesondere von Menschen, die mich kennen, und von meinen Patienten ­Blumensträusse und Briefe der Ermutigung erhalten. Ich werde von Hunderten von Menschen gebeten, nicht auf­zugeben und mich weiter für ihr Recht auf selbst gewähltes Sterben einzusetzen.

Kritiker werfen Ihnen Eigenmächtigkeit vor. Was sagen Sie dazu?
In der Freitodbegleitung hat Eigenmächtigkeit keinen Platz. Der Leidende bestimmt, ich höre zu, sichere ab und respektiere. Mein Ziel ist es immer, die Menschen so lange wie möglich im Leben zu halten, sie zu motivieren und ihnen wenn immer möglich zu helfen. Diese Hilfe hat sich nach meiner Überzeugung aber immer am aufgeklärten und wohlüberlegten Patientenentscheid zu orientieren. Professor Graf hat anlässlich seiner Be­fragung gesagt, dass es in der Medizin beziehungsweise Psychiatrie «normal» sei, dass ­Ärzte medikamentöse und andere Behandlungen ohne Zustimmung des Patienten durchführen würden. Dieser Aussage kann ich mich in keiner Weise anschliessen. Die Medizin soll dem Pa­tienten dienen und diesen nicht fremdbestimmen.

Sterbehilfe ist ein äusserst heikler Bereich. Sie berührt fundamentale Werte unserer Gesellschaft. Müsste es nicht allgemeingültige Regeln geben?
Wir haben wunderbare Regeln in Form der neuen Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften von 2018. Als ich diese las, freute ich mich riesig, denn ich hätte sie genauso geschrieben. Mein Wunsch wäre es, dass diese nicht nur von der Ärzteverbindung FMH angenommen werden, sondern Gesetz werden. Dann hätten die Ärzte eine Richtlinie, an die sie sich halten könnten. Allenfalls werden dann mehr Hausärzte den Mut aufbringen, ihren Patienten auch bei diesem ganz besonderen Wunsch zu helfen.

Die Sterbebegleitung von psychisch Kranken bliebe aber dennoch problematisch, oder?
Da gibt es tatsächlich ein ganz grosses Problem, das sich auch in meinem Verfahren gezeigt hat. Psychiatrisch kranke Patienten sind in Bezug auf einen Todeswunsch sehr benachteiligt. Psychiater haben extrem Mühe, einen Todeswunsch als rationale Entscheidung zu akzeptieren. Für sie scheint ein Todeswunsch immer Zeichen einer Depression zu sein. Dabei verkennen Sie, dass eben dieser lang andauernde Sterbewunsch gemäss den neuen Richtlinien Voraussetzung für einen ärztlich begleiteten Suizid ist. Der Zirkelschluss wäre komplett, indem man dann für jede Freitodbegleitung, also auch bei Patienten mit rein somatischen Diagnosen, ein psychiatrisches Gutachten benötigen würde. Das Ergebnis wäre fatal, da sich die Psychiatrie auf diesem Wege eine Schrankenfunktion zuspielen würde, welche bei rein somatischen Diagnosen nicht gerechtfertigt ist.

Kam es bei Ihnen vor, dass die Gefühle überhandnahmen und die private Erika Preisig handelte, nicht die Ärztin?
Mein oberstes Ziel ist es, dass niemand zu früh das Geschenk Leben zurückgibt. Niemals bin ich diejenige, die den Zeitpunkt des Sterbens bestimmt, immer der Leidende. Und er kann immer nach hinten verschieben. Leben und Lebensqualität stehen für mich über allem.

Würden Sie rückblickend etwas anders machen?

Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich mir diese Frage in den vergangenen drei Jahren gestellt habe. Auch wenn ich weiss, dass die betroffene Frau urteilsfähig war, denke ich immer wieder: Könnte ich zurück zu den Tagen vor der Begleitung, ich würde die Frau nicht mehr begleiten. Dann müsste ich wohl mit dem Gewissen leben, ihren Sprung vom Balkon in den Tod nicht verhindert zu haben. Aber nie mehr darf das Schicksal eines anderen Menschen zu meinem werden.

Glauben Sie, dass Sie den Prozess hätten verhindern können, wenn Sie bei der Sterbebegleitung etwas anders gemacht hätten?
Wenn Sie die Anklage gegen mich meinen – ich hätte sie nur verhindern können, wenn ich der psychisch kranken Frau die Hilfe versagt hätte und damit das Risiko, dass sie sich durch einen Sprung vom Balkon suizidiert, eingegangen wäre. Sie sagte bei einem Besuch zu mir, sie wolle mir etwas zeigen. Sie führte mich auf den Balkon des vierten Stockes, zeigte mir den Betonboden unten im Garten mit der Frage, ob sie tot wäre, wenn sie kopfvoran springen würde. Dies sei ihr allerletzter Ausweg, wenn sie auch mit Eternal Spirit nicht «anständig» sterben dürfe. Eigentlich wolle sie dies dem Pflegeheim nicht antun, aber das sei dann der letzte Ausweg, der ihr offen sei.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Erstellt: 14.07.2019, 22:45 Uhr

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Der Fall Erika Preisig

Die Ärztin Erika Preisig wurde letzte Woche vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hatte fünf Jahre Haft für die Suizid­­be­gleitung einer psychisch ­Kranken gefordert. Das Baselbieter Straf­gericht verurteilte Preisig lediglich wegen Verstosses gegen das Heilmittelrecht zu 15 Monaten bedingt und 20 000 Franken Busse. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Dieser Fall bestärkt Fachleute und Politiker in ihrer Forderung, dass die Schweiz Regeln im Umgang mit der Sterbehilfe erlassen müsse. Das Urteil biete zwar Anhaltspunkte für Strafverfolger in künftigen Fällen, sagt Andreas Brunner, ehemaliger leitender Oberstaatsanwalt in Zürich. Doch es ersetze kein Gesetz. Es brauche Standardsfür die Organisationen, definierte Voraussetzungen für Sterbehelfer sowie eine Aufsicht, fordert er. Im Parlament gab es immer wieder Bemühungen, Regeln einzuführen. Bisher erfolglos. Alberto Bondolfi, emeritierter Ethikprofessor an der Uni Genf, schlägt gar eine europäische Regelung vor. (bl)

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