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«Ich will einfach wissen, was vor 19 Jahren passiert ist»

Marco Hauenstein weiss weder, wo seine Mutter ist, noch, wer sein Vater ist. Nun sucht er seine Eltern via Facebook. Sein Schicksal berührt Tausende Menschen.

Marco Hauenstein bei einem Spaziergang am Ägerisee. Foto: Reto Oeschger
Marco Hauenstein bei einem Spaziergang am Ägerisee. Foto: Reto Oeschger

Seine braunen Augen richtet Marco Hauenstein selten auf die Person, die sich mit ihm unterhält. Das Wort ergreift er nur ungern. Wenn der 19-Jährige aber spricht, dann mit fester Stimme. Die gegenwärtige Situation macht ihn un­ruhig, raubt ihm den Schlaf. «Ich weiss nicht, wo meine leibliche Mutter ist, und ich kenne den Namen meines Vaters nicht», sagt der schlanke junge Mann. Deshalb hat er Anfang Januar eine Suche auf Facebook gestartet.

Die Idee war schnell gefasst. Den passenden Text dazu zu schreiben, fiel ihm jedoch schwer. Er sass mindestens vier Stunden an den wenigen Zeilen. Denn sein Anspruch war, dass sie das Problem und die Situation widerspiegeln, aber auf keinen Fall weinerlich klingen sollen: «Liebe Freunde, Bekannte und Mitmenschen. Ich heisse Marco Hauenstein, bin am 17. 6. 1997 in der Region Aargau/Zürich geboren. [. . .] Nach langjähriger Suche, ohne einen Erfolg zu erringen, richte ich mich nun an euch. Ich suche meine leiblichen Eltern/Grosseltern!», schrieb er schliesslich.

Offenbar hat Marco Hauenstein die richtigen Worte gefunden. Den Eintrag hat er am vergangenen Freitag online gestellt. Bisher wurde er über 4700-mal geteilt, 400-mal kommentiert. Hauenstein erhielt unzählige persönliche Nachrichten. «Mit so vielen Reaktionen habe ich wirklich nicht gerechnet», sagt er. Zwei Freunde unterstützen und begleiten ihn. Allein wäre diese Flut von Nach­richten auch nicht zu bewältigen. «Wir haben zu Hause systematisch alle ­Hinweise aufgeschrieben und schauen nun, wie wir ihnen nachgehen können.»

Drogenentzug als Säugling

In Marcos Pass steht der Nachname Hauenstein. Diesen Namen wollte er eigentlich schon vor Jahren auf Schelling wechseln. So heisst seine langjährige Pflegefamilie. Geklappt hat es nie. Die Namensänderung hätte mehr als 700 Franken gekostet, das war ihm damals zu teuer. Auf seinem Facebook-Profil nennt sich Marco trotzdem Schelling.

Geboren wurde er in Zürich. Ausserdem ist ihm noch bekannt, dass er als Säugling durch einen drei- bis sechs­monatigen Drogenentzug musste. Seine Mutter war süchtig. Über seinen Vater weiss er nichts. Nicht einmal dessen ­Namen kennt er. Und sein Leben sollte hürdenreich weitergehen: Das Lernen fiel ihm schon in der Schule schwer, bisher hat er noch keine Lehre abgeschlossen. Seine erste als Spengler musste er nach einem Sturz von einem Hausdach abbrechen. Danach hat er einige Gelegenheitsjobs angenommen. Auch seine zweite Lehre als Detailfachmann be­endete er nicht.

Seine Pflegeeltern haben Hauenstein schon früh erzählt, dass er nicht ihr leibliches Kind ist. «Das hat mich zu Beginn nicht gestört, ich hatte eine Familie.» Den Sohn seiner Pflegeeltern nennt er heute seine engste Bezugsperson. Je älter er aber wurde, umso mehr wollte er über seine Mutter wissen.

Mit 16 Jahren kam es zu einem Bruch. Hauenstein zog aus und fing an, nach seinen leiblichen Eltern zu suchen. «Mich hat die Frage nach meiner Identität nicht mehr in Ruhe gelassen. Ich will einfach wissen, was vor 19 Jahren passiert ist und wer meinen leiblichen Eltern sind.» Den Namen der Mutter erfuhr er von seiner Pflegefamilie. Die Frau gilt seit 2000 als vermisst. Das heisst, dass nicht nur Marco Hauenstein die Frau sucht, sondern seit bald 17 Jahren auch die Polizei.

Die Tante gefunden

Hauensteins Suche dauert schon drei Jahre. Er hat verschiedene Gemeinden angeschrieben und die Polizei kontaktiert. Eigentlich hatte er bereits aufgeben wollen, als seine beiden Freunde nach Weihnachten auf die Idee mit der öffentlichen Suche auf Facebook kamen.

Und diese Suche war bereits nach wenigen Tagen erfolgreich. Seine Tante, die Halbschwester seiner Mutter, wurde diesen Sonntag von einer Nachbarin darauf hingewiesen, dass Marco Hauenstein nach seiner Familie sucht. Die Nachbarin hatte den Facebook-Aufruf gesehen.

Zum ersten Mal konnte der 19-Jährige mit jemandem aus seiner leiblichen Familie sprechen. «Das Telefonat mit meiner Tante war sehr emotional, wir beide haben geweint», sagt Hauenstein. Sie sei sehr glücklich gewesen, etwas von ihm zu hören. Gleichzeitig aber auch überrumpelt, da auch sie seit knapp 17 Jahren nichts mehr von ihrer Halbschwester gehört hat und seit seiner Geburt auch nichts mehr von Marco.

Die Tante ist ein erster wichtiger Hinweis auf dem Weg zu seinen leiblichen Eltern – ein Erfolg dank der Facebook-Suche. Zum ersten Mal treffen werden sich die beiden nächste Woche.

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