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Ignaz Walkers Freispruch gekippt

Das Bundesgericht entschied, dass Uri den Fall des Ex-Cabaretbetreibers ein drittes Mal aufrollen muss. Walkers Verteidiger ist entsetzt.

Verteidiger Linus Jäggi und Ignaz Walker nach der Urteilsverkündung im Rathaus von Altdorf. Foto: Urs Flüeler (Keystone)
Verteidiger Linus Jäggi und Ignaz Walker nach der Urteilsverkündung im Rathaus von Altdorf. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Zu solch scharfen Worten greifen Schweizer Bundesrichter nur selten: «Offensichtlich unhaltbar» sei die Beweiswürdigung des Urner Obergerichts. Der Teilfreispruch von Ignaz Walker, dem die Staatsanwaltschaft in Altdorf einen Mordversuch zur Last gelegt hatte, sei «willkürlich».

Das oberste Schweizer Gericht hat deshalb das Dossier nach Uri zurückbeordert, und die dortigen Richter müssen die Geschehnisse nochmals aufrollen – zum dritten Mal, nachdem das Bundesgericht den Fall bereits 2014 ein erstes Mal zurückgewiesen hatte.

Damit ist eine der umstrittensten Schweizer Justizaffären um eine Wendung reicher. Letzter Stand war, dass die Urner Oberrichter Walker im April 2016 teilweise freigesprochen hatten; vor allem hatten sie den Vorwurf verworfen, dass Walker seine Frau habe umbringen lassen wollen. Sie reduzierten die Strafe gegen den Ex-Cabaretbetreiber von 15 Jahren auf 28 Monate. Walker war zuvor über vier Jahre ohne rechtskräftiges Urteil in Haft gesessen. Im Herbst 2015 konnte er das Gefängnis verlassen.

Der Schuss auf einen Bekannten

Alles geht zurück auf zwei Nächte im Jahr 2010. Laut Anklage schoss Walker im Januar vor dem Nachtclub Taverne in Erstfeld mit einer umgebauten Schreckschusspistole auf einen Bekannten aus Holland, der ihn beleidigt hatte – ohne zu treffen. Dieser Vorwurf war während des Prozesses heftig umstritten; der Holländer hatte bei seiner ersten Befragung über zwei Promille Alkohol im Blut. Später konnte man ihn nicht mehr befragen, er starb in Frankreich eines natürlichen Todes. Walkers Verteidiger Linus Jäggi kritisierte die Staatsanwaltschaft scharf: Die Strafverfolger hätten Anzeichen dafür gehabt, wo der Holländer lebte, hätten dies aber dem Gericht nicht mitgeteilt und so im Ergebnis dessen Aussage vereitelt. Die Justiz verteidigte sich mit dem Argument, man habe keine Pflicht, bei der Suche des Zeugen mitzutun.

Die Bundesrichter entschieden nun, dass man auch ohne neue Aussage des Holländers ein Urteil fällen könne. Es sei belegt, das Walker geschossen habe. Sie bestätigten damit den Urner Schuldspruch wegen Gefährdung des Lebens.

Wenige Monate nach dem Schuss auf den Holländer soll Walker einen Auftragskiller engagiert haben. Laut Anklage wollte er seine Noch-Ehefrau loswerden, mit der er sich zerstritten hatte. Schütze Sasa S. feuerte am 12. November 2010 kurz nach Mitternacht dreimal auf die ukrainische Tänzerin. Diese überlebte, lebensgefährlich verletzt. Walker soll dem Auftragskiller die Waffe übergeben haben – wieder die umgebaute Schreckschusspistole –, ihm für die Erschiessung Geld versprochen und auch ein Fluchtauto samt Chauffeur organisiert haben.

Während des Verfahrens tauchte Unstimmigkeit um Unstimmigkeit auf. Zeugen widersprachen einander, und auf einer Patronenhülse tauchte DNA von Walker auf – ein kriminaltechnisches Wunder. Entdeckt hatte die Spur ein Beamter, der mit Walker im Streit lag. Der Schütze SasaS. erklärte in einem Interview mit der «Rundschau», Walker sei Opfer einer Intrige. Die Frau des Stripclubbetreibers habe das Attentat selbst in Auftrag gegeben, um Walker einen Mord in die Schuhe schieben zu können und ihn so loszuwerden.

«Komplott-Theorie» verworfen

Das Bundesgericht kritisiert die «Rundschau» und verwirft in seinem Entscheid diese «Komplott-Theorie», dafür gebe es «keinerlei Anhaltspunkte». Es sieht in Walker kein Justizopfer; vielmehr sei die Beweiswürdigung des Urner Obergerichts «nicht nachvollziehbar». Die Richter hätten belastende Aussagen systematisch ignoriert, zum Beispiel habe man den Schützen SasaS. pauschal als unglaubwürdig eingestuft, obwohl manche Aussagen durchaus glaubwürdig seien. Es gehe nicht an, dass «unter Berufung auf den Grundsatz ‹in dubio pro reo› jede noch so unglaubhafte Schutzbehauptung als Anlass für einen Freispruch genommen wird».

Es kommt selten vor, dass das Bundesgericht unter Berufung auf Willkür einen Entscheid umstösst. «Ich bin über das Urteil entsetzt», sagt Ignaz Walkers Verteidiger Linus Jäggi zum TA. Die Bundesrichter hätten selbst begonnen, die Glaubwürdigkeit von Indizien und Aussagen zu bewerten, statt sich auf die zurückhaltende Willkürprüfung zu beschränken. Zudem hätten die Richter schlicht ignoriert, dass die Staatsanwaltschaft Informationen über den Verbleib des holländischen Zeugen hatte.

Ignaz Walker selbst befindet sich in der Zwischenzeit wieder in Untersuchungshaft, diesmal im Kanton Luzern: Er war mit einem Komplizen in ein Velogeschäft eingebrochen und hatte mehrere Fahrräder mitgenommen.

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