Cassis löschte 90 Prozent seiner Tweets

Der neue Bundesrat «bereinigte» in den letzten Tagen seine Timeline. Was da so drinstand, wie das EDA reagiert und was Experten dazu sagen.

Mister Reset: Aussenminister Ignazio Cassis. Bild: Thomas Egli

Mister Reset: Aussenminister Ignazio Cassis. Bild: Thomas Egli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Anfang 2015 war Ignazio Cassis noch ein wenig bekannter Nationalrat und konnte im legendären Berner Bierhübeli ungestört seinen Leidenschaften frönen. Das Konzert an jenem Abend gefiel dem Tessiner derart gut, dass er seine Begeisterung auf Schweizerdeutsch ausdrückte. «Swiss Jazz Orchestra im Bierhübeli z Bärn:-) suppper Musiig!», schrieb er auf Twitter. Fast drei Jahre lang schlummerte diese harmlose Botschaft auf Cassis’ Twitter-Konto – bis sie plötzlich seiner eigenen Zensur zum Opfer fiel. Kurz vor Weihnachten hat Cassis, inzwischen Bundesrat, über 90 Prozent seiner Twitter-Nachrichten gelöscht. Einen politischen Reset im Europadossier hatte Cassis vor seiner Wahl versprochen — einen Reset seines Images in den sozialen Medien hat er nun als Erstes vollzogen.

Der Löschaktion sind fast alle Tweets zum Opfer gefallen, die auch nur ansatzweise politisch waren. Dank der Cache-Funktion von Google lässt sich das Ausmass exakt beziffern: Am 17. Dezember 2017 gab es auf Cassis’ Twitter-Konto noch 580 Kurznachrichten, jetzt sind es 43. Doch Cassis macht seine Rechnung ohne das lange Gedächtnis des Internets. Die Website Politwoops.de hat es sich zur Aufgabe gemacht, Tweets zu archivieren, von denen hochrangige Politiker nichts mehr wissen wollen.

«AdiEU everybody!»

Und so sind auf dieser Plattform die gelöschten Nachrichten gesichert worden – etwa ein Tweet aus dem Juni 2016, in dem Cassis nach dem EU-Austritt Grossbritanniens ironische Wortspiele macht: «Brexit, Grexit, Quitaly oder Endenemark? AdiEU everybody!» Oder ein Tweet von 2017, in dem Cassis die unter 45-Jährigen davor warnt, Ja zur Altersvorsorge 2020 zu stimmen: «Liebe Junge (<45): ACHTUNG vor dieser Reform, weil ihr die Rechnung zahlen werdet.»

Screenshot (politwoops.de) vergrössern

Das sind Nachrichten, wie sie viele Politiker in den sozialen Medien verbreiten: Ab und zu eine polemische Spitze, ab und zu ein Tippfehler, ab und zu ein privates Foto, aber kaum ein Tweet, den man der Öffentlichkeit als Bundesrat nicht zumuten könnte. Cassis zählte in den sozialen Medien zu den aktivsten Parlamentariern überhaupt. Auf Twitter ist der Tessiner seit 2011 präsent, und er unterhält auch Profile auf Facebook, Instagram, Xing und Linkedin.

Screenshot (politwoops.de) vergrössern

Warum hat Cassis seine Vergangenheit zurechtfrisiert? Sein Aussendepartement (EDA) antwortet, Bundesrat Cassis habe entschieden, «seine Social-Media-Konten als offizielle Konten des Departmentsvorstehers weiterzuführen». In diesem Sinne habe man seinen Auftritt «zu einem Bundesrat-Cassis-Twitter-­Konto» umgeändert und die meisten Tweets vor Amtsantritt entfernt. Denn diese hätten «nichts mit seiner jetzigen Funktion zu tun». Nicht gelöscht habe man nur Nachrichten, «die die italienische Landessprache und Kultur im Tessin betreffen».

Screenshot (politwoops.de) vergrössern

Laut EDA-Zählung wurden lediglich sieben Tweets aus der Zeit vor Cassis’ Amtsantritt stehen gelassen. «Warum der Twitter-Account 43 Tweets anzeigt, entzieht sich unserer Kenntnis», wundert sich das Departement deshalb in seiner Stellungnahme.

Die Tweets, die Cassis übersah

Das Rätsel lässt sich leicht auflösen: Jedes Twitter-Konto archiviert die Tweets in zwei Registern. Im einen Register finden sich die vom jeweiligen Konto abgesandten Kurznachrichten, im zweiten Register die Antworten auf Kurznachrichten anderer Twitterer. Bei ihrer Löschaktion haben Cassis und seine Kommunikationsleute das zweite Register offenbar übersehen. So haben dort sogar einige politische Tweets den Reset überlebt. Auf Cassis’ Facebook- und Linkedin-Konto wurde die «Bereinigung», wie das EDA es nennt, hingegen noch nicht vorgenommen — «aus technischen Gründen», so das Departement.

«Es ist seltsam, wenn ein Politiker auf einmal nicht mehr dazu stehen will.»Matthias Lüfkens, Burson-Marsteller

Kommunikationsfachleute mit besonderen Kenntnissen reagieren mit Unverständnis auf diese Vorgänge. «Wäre ich gefragt worden, hätte ich Bundesrat Cassis vom Löschen im grossen Stil abgeraten», sagt der Berner Politikberater Mark Balsiger. Die Löschaktion mache «hellhörig», denn die Tweets könne man ja mit einer Software problemlos wieder ausgraben. Bei seinem Beitritt zur Waffenlobbyorganisation Pro Tell kurz vor der Wahl in den Bundesrat sei Cassis zu wenig vorsichtig gewesen, nun scheine er «bei Twitter übervorsichtig geworden zu sein», sagt Balsiger. Das sei unbegründet, denn Cassis habe sich in den sozialen Medien geschickt bewegt. Problematische Botschaften habe er nie verbreitet, anders als gewisse andere Politiker vom linken oder rechten Rand habe er «die Grenzen nie ausgelotet.»

Umfrage

Haben Sie auch schon eigene Meldungen aus Ihrer Social-Timeline gelöscht?






«Ich hätte die Tweets auf keinen Fall gelöscht», sagt auch Matthias Lüfkens von der Beratungsfirma Burson-Marsteller, der jedes Jahr eine weltweite Twiplomacy-Studie über das Twitter-Verhalten von Ministern und Staatschefs verantwortet. So wie Privatleute gäben auch Politiker in den sozialen Medien Einblick in ihre Persönlichkeit, sagt Lüfkens. «Es ist seltsam, wenn ein Politiker auf einmal nicht mehr dazu stehen will.» Immerhin, sagt Lüfkens, bringe man heutzutage schon Schulkindern bei, «nur solche Dinge zu posten, zu denen man auch später noch stehen kann».


«Das waren für mich die Bilder des Jahres»

Bildredaktor Boris Müller über Trumps Fake-Triumph und den berührenden Abschied von toten Rockstars.


Erstellt: 28.12.2017, 21:56 Uhr

Artikel zum Thema

Mühe mit der neuen Rolle

Kommentar Ignazio Cassis’ Umgang mit seiner politischen Herkunft irritiert. Mehr...

«Alle Hobby-Aussenpolitiker sollen den Mund halten»

FDP-Ständerat Philipp Müller kontert die Vorwürfe an Bundesrat Ignazio Cassis wegen des Streits mit der EU. Mehr...

EU-Streit: Levrat bezeichnet Cassis als «Praktikanten»

SonntagsZeitung Der SP-Präsident gibt dem neuen Aussenminister die Schuld an der Eskalation des Streits mit der EU. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Blasenentzündung? Ein schneller Test bringt Klarheit

Sie bemerken Anzeichen einer Blasenentzündung? Ein unkomplizierter Test schafft Klarheit und verhindert eine Antibiotika-Behandlung.

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...