Im Parlament gescheitert, im Volk äusserst beliebt

Die Initianten haben bereits 70'000 Unterschriften für vier Wochen Vaterschaftsurlaub gesammelt. Doch passiert nun das Gleiche wie bei der Abstimmung für mehr Ferien?

Gesetzlich vorgeschrieben ist heute lediglich ein Freitag bei der Geburt eines Kindes: Vater mit Baby.

Gesetzlich vorgeschrieben ist heute lediglich ein Freitag bei der Geburt eines Kindes: Vater mit Baby. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Initiative für einen gesetzlich verankerten Vaterschaftsurlaub dürfte zustande kommen. Bereits 70'000 Unterschriften haben die beteiligten Organisationen unter der Leitung des Gewerkschaftsdachverbands Travailsuisse seit Ende Mai letzten Jahres gesammelt. Damit bleiben den Initianten noch 11 Monate für die restlichen 30'000 – ein einfach zu erreichendes Ziel, wenn es im selben Tempo weitergeht. «Wir rechnen damit, die Initiative im Sommer einzureichen», sagt Kampagnenleiter und Travailsuisse-Präsident Adrian Wüthrich.

Den grössten Teil der Unterschriften generierten bisher klassische Sammelaktionen auf der Strasse. «Der vierwöchige Vaterschaftsurlaub scheint vielen ein Bedürfnis zu sein. Häufig kommen Passanten von sich aus auf uns zu – das habe ich in dem Ausmass noch nie erlebt», sagt Wüthrich. Erfolgreich ist die Initiative auch im Internet. Auf der Onlineplattform Wecollect haben sich schon 33'000 Personen registriert und einen Unterschriftenbogen bestellt. Doch die «Facebook-Demokratie» hat auch Tücken: Lediglich die Hälfte davon hat den per Mail zugestellten Bogen danach tatsächlich ausgedruckt und auf dem Postweg zurückgeschickt. Trotz des vergleichsweise hohen Werts wollen die Initianten deshalb weiterhin vor allem auf die Strasse gehen.

Über 30-mal gescheitert

Damit dürfte sich die Bevölkerung in vier bis fünf Jahren zu einem Thema äussern, dessen Verfechter im Parlament über 30-mal aufgelaufen sind. Zuletzt im Frühling 2016, als die parlamentarische Initiative von CVP-Nationalrat Martin Candinas für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub keine Mehrheit fand.

Nun sehen sich die Befürworter durch den Sammelerfolg bestätigt. «Die Initiative trifft einen Nerv: Im Unterschied zum Parlament will das Stimmvolk die ‹Papizeit›», sagt SP-Nationalrätin Nadine Masshardt. Sie wird das Anliegen am morgigen Dreikönigsapéro ihrer Partei zu einer Priorität für das neue Jahr erklären. Und Wüthrich hofft, dass die Forderung bis zum voraussichtlichen Abstimmungstermin im Jahr 2021 mancherorts bereits von der Realität überholt sein wird.

Dafür gibt es sowohl im öffentlichen Sektor als auch in der Privatwirtschaft erste Beispiele: So hat etwa die Versicherung Axa Winterthur auf Anfang 2017 einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub eingeführt, der innerhalb eines Jahres gestaffelt bezogen werden kann. Das ist vergleichsweise viel: Gemäss einer Travailsuisse-Studie aus dem Jahr 2015, die auf 46 Gesamtarbeitsverträgen in der Schweiz basiert, hat mehr als die Hälfte der damit erfassten 1,5 Millionen Angestellten nur einen Tag zugute.

«Wir sind überzeugt, dass unser Engagement für Mütter und Väter wichtig ist, um qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen und bewährte zu halten», sagt Yvonne Seitz, die bei Axa Winterthur für die Familienpolitik verantwortlich ist. Gleichzeitig wird aber im Versicherungskonzern der bezahlte Mutterschaftsurlaub ab fünf Dienstjahren von sechs auf fünf Monate verkürzt. Mit dieser Massnahme werde ein Teil des Vaterschaftsurlaubs finanziert, so Seitz. Trotzdem liegen die Elternurlaube im Unternehmen immer noch deutlich über den gesetzlichen Mindestleistungen von 14 Wochen für Mütter und einem Tag für Väter.

Stadt Bern geht voran

Auch die Angestellten der Stadt Bern sollen künftig vier Wochen Vaterschaftsurlaub erhalten, wie der Gemeinderat Mitte Dezember entschieden hat. Der Urlaub soll während eines Jahres in Raten bezogen werden dürfen. Die Stadt wolle damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern, begründete der Gemeinderat. Das letzte Wort wird nun das Parlament, der Stadtrat, haben – und das dürfte angesichts der rot-grünen Dominanz positiv ausfallen. In der Deutschschweiz wäre die Stadt Bern damit Vorreiterin: Nur Genf, Lausanne und Neuenburg kennen bislang eine solche Regelung.

Umstrittener ist dagegen die Lösung der St. Galler Verwaltung. Dort dürfen Väter zusätzlich zum fünftägigen bezahlten Vaterschaftsurlaub den 13. Monatslohn ganz oder zur Hälfte als bezahlten Urlaub beziehen. Dadurch kann der Urlaub auf bis zu fünf Wochen erhöht werden. Doch die Sprachregelung sorgt für Kritik, denn letztlich handle es sich dabei ebenfalls um unbezahlten Urlaub, monieren Personalvertreter.

«Das fördert Vollkasko-Mentalität»

Dass die Unternehmen und Verwaltungen eigenständig über die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs entscheiden, ist für den Arbeitgeberverband der richtige Weg – staatlicher Zwang sei verfehlt, sagt Kommunikationschef Fredy Greuter. «Ein gesetzlicher Vaterschaftsurlaub bedeutet eine staatliche Umverteilung nach dem Giesskannenprinzip und fördert eine Vollkasko-Mentalität.» Wichtiger als «ein paar Wochen Ferien» seien langfristige Lösungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. In diesem Bereich sei die Politik gefordert, indem sie zum Beispiel steuerliche Fehlanreize beseitige oder genügend Tagesstrukturen für schulpflichtige Kinder schaffe. Greuter ist überzeugt, dass die Stimmbürger gegen den Ausbau arbeitsfreier Tage votieren werden; schliesslich hätten sie vor vier Jahren auch die Verlängerung des gesetzlichen Mindesturlaubs von vier auf sechs Wochen abgelehnt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.01.2017, 17:16 Uhr

Artikel zum Thema

Warum Papizeit nervt

Politblog Eine Volksinitiative verlangt 20 Tage Vaterschaftsurlaub. Ist es verwerflich, wenn man da nicht mitklatscht? Zum Blog

So sehr hinkt die Schweizer Familienpolitik hinterher

Schweizer Arbeitgeber gewähren Vätern kaum Vaterschaftsurlaub. Selbst mit Elternzeit sind Väter nur unter gewissen Bedingungen zum Urlaub zu bewegen. Ein Blick ins Ausland lohnt sich. Mehr...

Alle wollen Vaterschaftsurlaub – Mütter sogar mehr als Väter

Über 80 Prozent der Bevölkerung wünschen sich eine Auszeit für frischgebackene Väter. Für den Arbeitnehmerverband ist die Zeit für einen Vaterschaftsurlaub «überreif». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fruchtige Platte: Ein Hund trägt ein Ananaskostüm an der jährlichen Halloween-Hundeparade in New York (21. Oktober 2017).
(Bild: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)) Mehr...