Das Piloten-Nirwana für 90 Millionen Dollar pro Stück

Schweizer Experten testen in Payerne den F-35-Kampfjet. Die Amerikaner loben ihren Tarnkappenbomber in hohen Tönen – und die Planespotter sind aus dem Häuschen.

In den kommenden Wochen wird in Payerne der F-35 A vom US-Hersteller Lockheed Martin getestet. Video: Tamedia

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Jetzt. Dort. Schau her. Er ist da. In der Schweiz. In Payerne. Der Amerikaner. Der F-35. Der Tarnkappenbomber. Der modernste Kampfjet der Welt. Es ist ein Ereignis der kurzen Sätze, denn der Flieger röhrt und verschluckt Wörter. Doch in Fabio Monterisis Ohren klingt der Lärm wie eine Melodie. Er ist Planespotter und aus Mailand angereist. Ein «beast» nennt er den F-35. Er drückt ab. Kontrollblick aufs Kamera-Display. Reinzoomen. «Hey. Wow. It’s a female pilot!», ruft er. Der F-35 erweitert Horizonte.

Die vier angereisten F-35 sind die Superstars der Kampfjets, drei Minuten dauerte es – und alle 515 Plätze für die Planespotter am Flughafen Payerne waren vergeben. Den Mitarbeitern von Armasuisse kamen danach seelsorgerische Pflichten zu, sie mussten enttäuschten Menschen erklären, dass sie zu spät waren.

«I love jets»: Auch Botschafter Ed McMullen ist für die Präsentation in Payerne. Foto: Raphael Moser

Der Grund für den Ansturm ist ein Casting. Die Schweiz sucht den Nachfolger des F/A-18 und testet Kandidaten. Es bewerben sich der Gripen von Saab, der Eurofighter von Airbus, der Rafale von Dassault, der Super Hornet von Boeing und eben der F-35 von Lockheed Martin. Der einzige Jet der fünften Generation, ausgestattet mit unzähligen Sensoren, total digitalisiert und durch Tarnkappen für Radarsysteme unauffindbar.

Der Ernst der Amerikaner

Lange war ungewiss, ob Lockheed Martin eine Bewerbung einreicht, doch nun ist klar: Die Amerikaner meinen es ernst. Sehr ernst. Bereits zwei Tage zuvor haben sie Journalisten ins Paul-Klee-Museum in Bern eingeladen. Sie richten in der Hauptstadt ein Büro ein, noch müssen Wände rausgerissen und Möbel geliefert werden, doch bald arbeiten hier drei Personen auf 246 Quadratmetern. Sie werben bei Journalisten hartnäckig um Interviews mit hochdekorierten amerikanischen Generälen. Und sie geben sich diesem Fliegercasting in Payerne hin, das alle Rahmen sprengt. Es ist das erste Mal, dass die Amerikaner mit ihren Tarnkappenbombern zu Prüfzwecken in ein Land anreisen. Das Pentagon schickte gleich vier F-35 in die Schweiz. Sie flogen – von der US-Airforce gemietet – samt Tankflugzeug über den Atlantik und präsentieren sich nun den Schweizer Prüfern in sieben Flügen.

Die Flieger haben ein bemerkenswertes Geleit. Botschafter Ed McMullen ist in Payerne («I love jets»), Stephen Callaghan ist da, einst Pilot und «Top Gun»-Instruktor, nun Vizepräsident des F-35-Programms. Dann Mike Kelley, Schweizer Geschäftsleiter, nach Bern entsendet, um den Deal zu machen. In seinen 37 Jahren bei Lockheed Martin habe er noch keine Ausschreibung verloren. Dazu der Chefingenieur, unzählige Piloten und Militaristen, begleitet von zig Mitarbeitern. Das sind keine Cowboys, das sind Profis in schlecht geschnittenen Anzügen. Als wollten sie sagen: Egal, wie wir aussehen, wir gewinnen das Ding.

Amerikanische Hosenbeine. Bild: Raphael Moser

Mit dieser Gewissheit ziehen die Amerikaner dieses Casting durch. Sie wissen auf alles eine Antwort, kritischen Fragen begegnen sie mit einem kurzen Nicken – schon tausendmal gehört. Zwei Beispiele: Stimmt es, dass Daten aus dem Flugzeug direkt nach Amerika fliessen? «Falsch, die Schweiz kann selbst darüber bestimmen, welche Daten in die USA gehen», sagt Schweiz-Chef Kelley, übrigens sei das wohl eine von Konkurrenten gestreute Falschinformation. Besteht die Gefahr, dass aufgerüstete Bodensysteme den F-35 bald sichtbar und verwundbar machen? Nein, da habe er keine Angst, sagt Vizepräsident Callaghan, «wir entwickeln uns immer weiter».

Die Nummer 1 der Welt

Lockheed Martin ist der grösste Rüstungskonzern der Welt und generiert jährlich 47 Milliarden Dollar Umsatz, zehnmal das Jahresbudget der Schweizer Armee. Die Firma machts möglich, sie kann alles beschaffen, vom Funkgerät bis zum Zerstörer auf hoher See. Und eben den F35-A. Dieser sticht nun vor den 515 Spottern in die Höhe. Der Flieger durchschneidet den Himmel und donnert, dass es die Luft zerreisst. Wörter wie «Krieg» und «Frieden» fallen hier nicht, vielmehr hört man Ahs und Ohs der Bewunderung.

Die Spotter in Payerne. Bild: Raphael Moser

Ein Bewunderer ist auch Alan Norman, der Cheftestpilot von Lockheed Martin, Fliegername «Al», 60 Jahre alt, 7000 Flugstunden stark. Wenn er den Schlauch seines Anzugs am Flieger anschliesse, erzählt Norman, dann werde er eins mit dem F-35. Totale Symbiose. Der Jet mit seinen Sensoren und Kameras lasse ihn in seinem Spezialhelm alles sehen – durch den Flugzeugboden hindurch könne er Hasenwege beobachten. «Es ist das Piloten-Nirwana», sagt er. Tremendous. Amazing. Gamechanging. Früher sei Fliegen vergleichbar gewesen mit Auf-einem-Bein-Stehen – man musste sich immer konzentrieren, um nicht umzufallen. Heute sei es furchtbar einfach. «Du beginnst, anders zu denken, du siehst plötzlich die Welt anders», sagt Norman. Der Pilot werde zum Entscheider im Himmel. Andere sprechen so über Gott.

Ein amerikanischer Bodyguard bewacht in Payerne Botschafter McMullen. Foto: Raphael Moser

Doch der F-35 ist ein Tarnkappenbomber. Hergestellt als Vernichter und tödliche Waffe – aber laut Lockheed Martin auch «very flexible» und für ein Land wie die Schweiz für die Luftpolizei einsetzbar. Die Amerikaner sprechen von einer grossen Lernkurve, man sei erst am Anfang. Wie auch in der Schweiz. Sie lancierten eine Website, worauf die «Aargauer Zeitung» auf den Satz stiess, dass der F-35 seine erhobenen Daten sofort an die «Kommandanten auf dem Meer» übermitteln könne. Schwierig im Binnenland Schweiz. Anfängerfehler.

Heute ist das Missgeschick korrigiert, heute wirbt Lockheed Martin mit dem Slogan «Bewaffnete Neutralität», in den sozialen Medien weibelt die Firma aggressiv damit, dass der Flieger für die nächsten 50 Jahre den Schweizer Luftraum schützen könne. Darauf fragte SP-Nationalrätin Flavia Wasserfallen, weshalb die Schweiz einen Hochleistungsjet brauche? Einen Lamborghini auf Streife, wie ihn Parteikollegin Priska Seiler Graf nennt. Zu teuer sei er. Im Preis und in der Wartung.

90 Millionen das Stück

Der F-35 kostet heute 90 Millionen Dollar. Pro Stück. In Zukunft soll er 80 Millionen kosten. Die Amerikaner sagen, sie seien preislich kompetitiv. Was heisst das konkret? «Besser als alle Konkurrenten», sagt Schweiz-Chef Kelley. Unklar ist, welche Leistungen und welcher Service im Preis enthalten sind. Darum kann man den F-35 mit aktuellem Kenntnisstand nur mässig mit den Konkurrenten vergleichen. Diese dürften aber laut Aviatikexperten billiger sein.

Die Amerikaner geben sich in diesen Tagen alle Mühe, ihr Selbstbewusstsein bescheiden wirken zu lassen. Sich den Schweizer Verhältnissen anpassen. Nicht zu viel sagen. Zuhören. Es klappt ganz gut – bis auf einen Moment. Der F-35 fliegt Mach 1,6. Von einer «lahmen Ente» ist in Flugforen die Rede, denn die Konkurrenten haben Mach 2 drauf, doppelte Schallgeschwindigkeit. Darauf angesprochen, sagt Pilot Drew Allen von der US-Airforce, gross gewachsen, mit akkurat rasierter Vollglatze, es komme auf den Kampfmodus an: «There, we will kick their asses.» Also doch. Ein Cowboy.

Erstellt: 08.06.2019, 11:35 Uhr

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