Im Schnellzug nach Bern

Die 24-jährige SP-Politikerin Samira Marti wird heute als Nationalrätin vereidigt und damit aktuell jüngste Parlamentarierin.

«Ich bin fleissig und diszipliniert»: Samira Marti liest morgens als erstes rund 70 Seiten SP-Pressedossier. Foto: PD

«Ich bin fleissig und diszipliniert»: Samira Marti liest morgens als erstes rund 70 Seiten SP-Pressedossier. Foto: PD

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Sie ist 24 und Studentin. Sie komme aus dem Dorf, sagt sie, aus Ziefen in Baselland und habe einen normalen Lebenslauf. Einen normalen Lebenslauf, der nun aber einen Bruch erleidet. Samira Marti ist ab heute SP-Nationalrätin, Bern ihre neue Welt, sie rückt nach für die zurückgetretene Susanne Leutenegger Oberholzer.

Marti sitzt vor der Universität Zürich, sie macht hier den Master in Volkswirtschaft, zwei Stunden Verhaltensökonomie liegen hinter ihr, eine Stunde Zeit hat sie, dann muss sie weiter. In die Heimat. Telebasel-«Talk». Die Moderatorin wird sich später an ihr die Zähne ausbeissen. Auch «Arena»-Moderator Mario Grossniklaus erfuhr 2016 die Verve von Marti. Als er sie unterbrechen wollte, fiel sie ihm ins Wort und sagte: «Wir sind hier nicht in einer linken Kuschelveranstaltung. Es gibt volkswirtschaftliche Argumente für die Stärkung der AHV.»

Diese pointierte Sachlichkeit macht Marti zu einer unbequemen Gegnerin. «Ich bin fleissig und diszipliniert», sagt sie. Sie steht gewöhnlich um sieben Uhr morgens auf und liest als Erstes das SP-Pressedossier, täglich rund 70 Seiten. Ihre Kollegen von der Baselbieter SP nennen sie «positiv verbissen». Sie erzählt, dass sie sich Zeit nehme, um eine Meinung zu bilden, diese dann aber kaum mehr wechsle – ausser jemand überzeuge sie: «Es kommt aber selten vor, dass jemand bessere Argumente hat.» Wer auf ein Signal der Selbstironie wartet, macht das vergebens. Marti meint das ernst.

«Wir haben noch viel zu tun.»Samira Marti

In ihrer kurzen Politikkarriere ist Marti schon an manche Widerstände geraten. Das Jung- und Frausein (und zugleich noch erfolgreich) ist für gewisse Menschen eine Provokation. Die Politikerin hat das mitbekommen, nach dem «Arena»-Auftritt zum Beispiel mit Zuschriften in hoher Zahl und unverschämten Inhalts. Selbst in der eigenen Partei haben Kollegen manchmal Mühe damit. Als Marti 2016 für das Juso-Präsidium kandidierte (erfolglos), gingen wüste Gerüchte durch die Reihen der Jungsozialisten. Marti werde von den einflussreichen Männern instrumentalisiert, hiess es da, sie habe sich hochgeschlafen. Sie zuckt dazu einfach mit den Schultern und sagt trocken: «Wir haben noch viel zu tun.» 

Ihre Arbeitsweise erinnert in den Grundzügen an ihre Vorgängerin, Susanne Leutenegger Oberholzer, Juristin und Ökonomin, im Bundeshaus nur SLO genannt. In den Abschiedsporträts wird auch die 70-Jährige als «verbissen» und «extrem dossiersicher» bezeichnet, aber ebenso als «unangepasst» und «gefürchtet». SLO war einst Martis Mentorin und freut sich über ihre Nachfolgerin, will aber keinen Kommentar über Martis Potenzial abgeben – bis ihr doch noch ein Satz über die Lippen rutscht: «Wenn ich es nicht eine super Lösung fände, hätte ich schon interveniert.» So schiesst Marti mit SLOs Segen einem Schnellzug gleich durch die politischen Hierarchien.

Wer weiss, vielleicht sagen sich die Bürgerlichen im Kanton Baselland dereinst: «Hätten wir doch damals nicht derart gespart.» Kürzungen bei der Sekundarschule waren das politische Erweckungserlebnis des damals 12-jährigen Mädchens, das nicht nur zuschauen wollte und nun als 24-Jährige ganz oben angekommen ist.

Erstellt: 09.12.2018, 20:28 Uhr

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