Aufstand der Bauern an der Autobahn

Im Mittelland wehren sich Landwirte mit Mahnfeuern und offenen Briefen gegen den Ausbau der meistbefahrenen Autobahn der Schweiz – der A1.

100'000 Autos fahren jeden Tag unter dieser Brücke hindurch: Urs Bobst (l.) und Louis Schneider haben ihre Bauernhöfe direkt an der A1. Foto: Samuel Schalch

100'000 Autos fahren jeden Tag unter dieser Brücke hindurch: Urs Bobst (l.) und Louis Schneider haben ihre Bauernhöfe direkt an der A1. Foto: Samuel Schalch

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Bis zum ersten «Arschloch» dauert es keine fünf Minuten. «Am Schluss sind wir einfach die Arschlöcher im Quadrat.» Urs Bobst schreit. Aber nicht weil er will, weil er muss. Gegen den Wind, gegen den Lärm auf der Kestenholzbrücke in Oensingen, gegen die A1 unter ihm. Auf der rechten Spur schleichen die Lastwagen, auf der linken Spur sieht es nicht besser aus. 100'000 Autos fahren jeden Tag unter dieser Brücke hindurch. Bläst der Wind von Süden, misst Bobst in seinem Wintergarten, Luftlinie etwa 100 Meter von der Autobahn entfernt, 70 Dezibel, manchmal sind es 80. Grundrauschen, ziemlich aggressiv.

Bobst ist nicht gegen die Autobahn, auch nicht grundsätzlich gegen den Ausbau. Er lebt mit ihr, er lebt von ihr. Auf seinem Hof, fast vierzig Hektaren gross, ziehen er und sein Sohn Pirmin ein Drittel des Schweizer Hobbygärtnerbedarfs an Steckzwiebeln. Braucht ein Grossverteiler ein Palett mit Zwiebeln, blinkt er in Oensingen einmal rechts und ist zehn Minuten wieder auf der Autobahn. Standortvorteil. Bobst ist nicht gegen die Autobahn, gar nicht. Doch genug ist genug.

Auch Louis Schneider, der neben Bobst auf der Brücke steht und bei dessen «Arschlöcher im Quadrat» entschlossen genickt hat, will sich nicht über die Autobahn beklagen. Sein Hof steht ein paar Kilometer ostwärts, in Egerkingen. Eingeklemmt an der Abzweigung der Autobahn Richtung Norden, an einer Ausfahrt, die in ihren grosszügigen Dimensionen eigentlich gar nicht richtig zur Schweiz passt.

Die A1, in den 60er-Jahren ersonnen und gebaut, ist eine Schweizer Lebensader. Von St. Margrethen bis nach Genf, einmal quer durch die Schweiz. Mit Abstand am meisten belastet ist die Autobahn hier, im Gäu, auf der einen Seite der Jurabogen, auf der anderen die Felder des Mittellands. «Eigentlich hat man sie am falschen Ort gebaut», sagt Bobst, dessen Ahnen und Urahnen seit mehr als 200 Jahren hier in Oensingen Landwirtschaft betreiben. Bobst zeigt in die Richtung eines Waldstücks, zwei, drei Kilometer von der Kestenholzbrücke entfernt. «Da hinten wäre sie geplant gewesen. Doch das war den Gemeinden zu weit entfernt. Man wollte die Autobahn so nahe wie möglich.»

Es waren andere Zeiten. Damals konnte man sich an einem gewöhnlichen Mittwochnachmittag auf der Kestenholzbrücke noch unterhalten, ohne sich anschreien zu müssen. Heute: totale Überlastung.

«Wenn es einmal betoniert ist, ist es betoniert. Woher wollt ihr dann das Fressen nehmen?» Landwirt Louis Schneider

Die Lösung des Bundes: der Ausbau der A1 zwischen Härkingen und Luterbach auf sechs Spuren. 886 Millionen Franken soll der Ausbau kosten, 21,9 Kilometer neue Autobahn, acht Jahre Bauzeit, Baustart: 2022. Aus einer für Schweizer Verhältnisse riesigen Autobahn wird eine gigantische Autobahn. «Verhindern können wir das nicht», sagt Louis Schneider, «aber man hätte es schon etwas anders machen können.» Doppelstöckig zum Beispiel, unten die Lastwagen, oben die Autos. Oder eine Unterbauung. Zu teuer, alles zu teuer, «und am Schluss leiden wir darunter», sagt Bobst. «Rattenschwanz», ergänzt Schneider und nickt grimmig. «Wenn man die sechs Spuren dann gebaut hat, wird man merken: Es reicht wieder nicht.» Kürzlich war er am Fernsehen, er wirkte verärgert. «Wenn es einmal betoniert ist, ist es betoniert. Woher wollt ihr dann das Fressen nehmen?»

Die Bauern sind nicht die Einzigen, die sich gegen das Projekt wehren. 182 Einsprachen gingen beim Uvek ein, dem Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation. Momentan werden die Einsprachen behandelt, und dabei sei man bemüht, die Anliegen der Bauern «soweit möglich» zu berücksichtigen, heisst es beim Bundesamt für Strassen (Astra). «Das Astra hat auch bei diesem Projekt darauf geachtet, dass der Kulturlandverlust möglich gering ist», sagt Sprecher Benno Schmid. Auch habe man den Bauern die Bereitschaft signalisiert, die Kosten eines Landumlegeverfahrens zu übernehmen.

Damit richtet sich das Bundesamt an Bobst und Schneider. Sie gehören zu jenen Bauern, die mit am meisten Land wegen des Ausbaus verlieren. Es ist Land, das wegen der zusätzlichen Spuren verloren geht, und Land, das wegen der Renaturierung der Dünnern – einem Bach, der neben der A1 herfliesst – verloren geht. «Ich werde nächstes Jahr den Hof von meinem Vater übernehmen, ich habe eben geheiratet, ich möchte gerne eine Familie gründen – hier geht es um meine Existenz», sagt Schneider.

Problem Direktzahlungen

Vergangene Woche standen Bobst und Schneider auch schon an der Autobahn, mitten in der Nacht. Die Gäuer Bauern zündeten entlang der A1 hohe Feuer an. Organisiert wurde die Aktion vom ­Solothurner Bauernverband. Die Landwirte haben einen offenen Brief an ­Bundesrätin Simonetta Sommaruga formuliert, sie fordern einen möglichst flächensparenden Ausbau der Autobahn, eine vollständige Kompensation der Flächenverluste und vor allem: eine Güterregulierung. Die Landverluste sollen so kompensiert werden, dass die neuen Flächen möglichst gut bewirtschaftet werden können, zusammenhängende Felder, gut erreichbar mit dem Traktor. «Ich wäre nur schon glücklich, wenn die Lärmschutzwände nach dem Ausbau doppelt so hoch wären», sagt Bobst.

Urs Bobst sitzt jetzt in seinem Wintergarten, 80 Dezibel bei Südwind. Am langen Tisch sitzen auch Bobsts Frau Christine und sein Sohn Pirmin, der den Hof in Pacht führt. «Wir wollten aufrütteln mit dem Feuer, die Leute aufwecken», sagt Pirmin Bobst. Die bisherigen Kontakte mit den Behörden, mit dem Kanton, mit den meisten Nichtbauern, die über die Zukunft ihres Landes bestimmen, seien ernüchternd gewesen. Man solle nicht so tun wegen des bisschen Landes, man solle sich doch nicht so aufführen. «Hier drin sind sie gesessen», erzählt Vater Bobst, «und haben uns gesagt: Dann baut halt einen Kuhstall.» Er schnappt hörbar nach Luft. Lächerlich sei das alles. «Das Problem sind die Direktzahlungen. Alle meinen, sie können uns Geld hinterherwerfen, und dann würden wir schon spuren. Aber so einfach ist es nicht.» Es gehe um mehr als um ein paar Franken, es gehe um ihre Zukunft, um ihren Betrieb. «Aber, und das ist das Problem: Wir werden nicht ernst genommen», sagt jetzt Pirmin und wird fast so laut, als wären wir immer noch auf der Kestenholzbrücke. «Was wir nicht mehr produzieren, könne man immer noch importieren, sagen sie. Ha!»

«Googeln Sie mal Tamedia und Bauernfeindlichkeit»

Am Telefon, früher an diesem Tag, sagte Peter Brügger, der Sekretär des Solothurner Bauernverbands, dass sich seine Mitglieder im Moment oft als Prügelknaben der Nation fühlen würden. Als Sündenböcke. Und als ob dieses Zitat eine Unterfütterung aus dem echten Leben gebraucht hätte, ein lebendiges Beispiel, beginnen die drei Bauern am Tisch nun über ihre allgemeine Befindlichkeit zu reden. Über die Stinkefinger, die ihnen gezeigt werden, wenn sie mit dem Güllewagen unterwegs sind, über mangelnde Wertschätzung in der Politik, über die feindliche Stimmung in den Medien («Gestern war der erste ‹Kassensturz› seit ewig, in dem es nicht um die Bauern ging!», sagt Pirmin Bobst und dann: «Googeln Sie mal Tamedia und Bauernfeindlichkeit. Googlen Sie!»).

Es ist nicht nur der Ausbau der A1. Es ist der Ausbau der A1 plus der Ausbau der Strasse auf der anderen Seite der Felder plus die Renaturierung der Dünnern plus die Diskussion über Glyphosat plus die Trinkwasserinitiativen plus die Diskussion über Pestizide plus, plus, plus. «Giftmischer nennen sie uns», sagt Pirmin Bobst, «dabei spritzen sie in ihren Hobbygärten ja selber die ganze Zeit.» «Im Moment ist es wahnsinnig schwierig», sagt Christine Bobst. Er fühle sich nicht für voll genommen, sagt Louis Schneider aus Egerkingen.

Zusammengefasst: Arschlöcher im Quadrat. In den Wind gerufen.

Erstellt: 29.08.2019, 07:26 Uhr

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In Zahlen

886

Millionen Franken kostet der Ausbau der A1 zwischen Härkingen und Luterbach. Auf einer Länge von 21,9 Kilometern soll die Autobahn auf sechs Spuren vergrössert werden.

91'473

Fahrzeuge fuhren 2017 im Schnitt an den Bauernhöfen von Louis Schneider und Urs Bobst vorbei. Täglich.

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