Green Cross verheimlichte Spendern ein Millionenloch

Die Umweltorganisation Green Cross ist in finanzieller Not. Ihr Chef Martin Bäumle hat die Geschäftsführerin angezeigt.

Heute kontrolliert GLP-Nationalrat Martin Bäumle die Umweltschutzorganisation.

Heute kontrolliert GLP-Nationalrat Martin Bäumle die Umweltschutzorganisation. Bild: Anthony Anex/Keystone

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33 Jahre nachdem eine nukleare Explosion den über 1000 Tonnen schweren Deckel von Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl weggesprengt hat, trinken Kinder in der Ukraine noch immer verseuchte Milch. In den verstrahlten Dörfern und Städten rund um den inzwischen versiegelten Reaktor erkranken Mädchen und Buben bis heute überdurchschnittlich oft.

In dieser Region setzt die Umweltorganisation Green Cross einen Schwerpunkt. Zum Beispiel finanziert sie eine rollende Arztpraxis. «Mit dem Projekt ‹Gesundheit für die Zukunft› steht Green Cross den Menschen medizinisch bei, auch in abgelegenen Orten, wo die medizinische Versorgung dürftig ist», heisst es in einem Spendenaufruf vom 15. November 2018.

Millionenloch in der Kasse

Green Cross ist ein globales Netzwerk. In 27 Ländern existieren Ableger, die sich auch für Abrüstung von Nuklear- und Chemiewaffen sowie Zugang zu sauberem Trinkwasser einsetzen. Gründer war Michail Gorbatschow, der letzte Präsident der Sowjetunion. Zwei wichtige Knoten des Netzes befinden sich in der Schweiz: die Dachorganisation Green Cross International (Genf) und die Stiftung Green Cross Schweiz (Zürich). Der hiesige Ableger ist als Finanzgeber des ganzen Verbunds bedeutsam: 14 Millionen Franken an Spenden nahm Green Cross Schweiz laut der aktuellen Jahresrechnung 2017 ein.

Doch mit dieser Jahresrechnung stimmt etwas nicht.

Laut internen Aussagen des Stiftungspräsidenten Martin Bäumle klafft in den Büchern von Green Cross Schweiz ein Millionenloch. Bäumle, Finanzvorsteher der Stadt Dübendorf, Nationalrat und ehemaliger Präsident der Grünliberalen, geht von mindestens fünf Millionen Franken aus, die fehlen. Per Ende 2017 sei das Organisationskapital von Green Cross Schweiz negativ gewesen, schrieb er am 2. Oktober 2018 in einer E-Mail an Vertreter des internationalen Green-Cross-Netzwerks. Die E-Mail, über die zuerst der «Beobachter» berichtete, liegt dieser Zeitung vor.

«Das Organisationskapital war negativ statt die berichteten 5 Millionen Fr.»: Ausriss aus einer E-Mail Martin Bäumles. Screenshot: Tamedia. Zum Vergrössern klicken.

Das Hilfswerk sei deswegen nicht mehr in der Lage gewesen, «seinen kurzfristigen Verpflichtungen nachzukommen», so Bäumle. Die Situation sei «komplett anders» als offiziell rapportiert. Er stehe nun in Kontakt mit Gläubigern, um «die Sache zu lösen». Nur mit erfolgreichem Spendensammeln sei es möglich, bis Ende 2018 wieder ein positives Kapital zu erreichen.

Schon Wochen zuvor, am 10. September, hatte Bäumle eine Nachricht verschickt, in deren Betreffzeile er «absolut vertraulich» geschrieben hatte: Man werde die Bilanz 2017 nachträglich «substanziell anpassen» müssen. Und man werde nach aktuellem Stand nicht alle laufenden Projekte unterstützen können, sondern einen Teil des Supports kürzen müssen.

«Bäumle kennt die Details»

Der Stiftungsrat von Green Cross Schweiz umfasst sieben Mitglieder. Wer versucht, mit Vertretern zu reden, hört immer wieder: «Sprechen Sie mit Bäumle, er kennt die Details.» Der Politiker wollte am Mittwoch keine Stellung beziehen, stellte aber für heute Donnerstag einen Medientermin in Aussicht.

Klar ist, dass Bäumle im Herbst 2018 begonnen hatte aufzuräumen. Am Anfang stand der Abgang der langjährigen Geschäftsführerin, die Green Cross am 28. August 2018 per sofort verliess. Danach kappte Bäumle Mandate von externen Mitarbeitern; der Jahresbericht 2017 führt unter «Mitarbeitende» 17 Personen auf, heute sind nur noch 11 Personen auf der Website gelistet.

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Am 23. Dezember 2018 reichte der Stiftungsrat Strafanzeige gegen die Ex-Geschäftsführerin ein. Vorwurf: ungetreue Geschäftsbesorgung. Für sie gilt die Unschuldsvermutung; auf Anfragen reagierte sie nicht.

In seiner Nachricht vom 2. Oktober hatte Bäumle der Geschäftsführerin die Verantwortung für die Geldprobleme zugewiesen: Die Lage der Organisation habe sich über die Jahre immer weiter verschlechtert; die Direktorin sei «in ihrem Reporting sehr kreativ» geworden und habe versucht, «die Fassade aufrechtzuerhalten». Die Zürcher Staatsanwaltschaft III für Wirtschaftsdelikte hat inzwischen ein Strafverfahren eingeleitet.

Recherchen zeigen weiter, dass Mitte März eine zweite Anzeige bei der Staatsanwaltschaft einging. Sie richtet sich gegen die Ex-Geschäftsführerin – aber auch gegen Bäumle, wie ein Sprecher bestätigt. Man prüfe nun den Sachverhalt. Ein Verfahren gegen Bäumle selbst wurde bisher nicht eröffnet.

«Das ist ein irreparabler Vertrauensbruch. Man hätte schneller mit den Informationen an die Öffentlichkeit gehen müssen.»Sander Mallien, Vorgänger von Martin Bäumle

Der Politiker hat einige Feinde im Green-Cross-Netzwerk. Nicht zuletzt, weil er dort heute eine enorme Machtfülle innehat: Seit 2013 amtet er als Präsident von Green Cross Schweiz, seit 2017 als Interimspräsident des Dachvereins Green Cross International – und seit Herbst 2018 auch noch als Geschäftsführer ad interim von Green Cross Schweiz. Damals war Michail Gorbatschow, ein Vorbild Bäumles, als Vorstandsmitglied zurückgetreten und hatte dem Parlamentarier den «Versuch einer feindlichen Übernahme» vorgeworfen. Bäumle hatte damals seinerseits Missstände bei Green Cross International geortet: Die Organisation habe mehr Geld ausgegeben als eingenommen. «Bilanzmässig stehen wir bei null», hatte er der NZZ gesagt.

Der Badener GLP-Politiker Sander Mallien war Vorgänger von Martin Bäumle als Präsident bei Green Cross Schweiz. Er zeigt sich heute erschüttert über das Finanzloch bei der Stiftung: «Das ist ein irreparabler Vertrauensbruch. Ich als Spender will doch wissen: Was passiert mit meinem Geld? Man hätte schneller mit den Informationen an die Öffentlichkeit gehen und reinen Tisch machen müssen.»

Der Jahresbericht 2017, der fünf Millionen Franken an Kapital ausweist, ist nach wie vor online. Wer erwägt, für Green Cross Schweiz zu spenden, erhält das Bild einer gesunden Organisation präsentiert, die kranken Kindern «im strahlenverseuchten Tschernobylgebiet überlebenswichtige Hilfe» bietet, wie es im Spendenaufruf vom 15. November heisst. Von den kontaminierten Zahlen erfuhren die über 50000 Gönnerinnen und Gönner bisher nichts.

Erstellt: 03.04.2019, 23:38 Uhr

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