In der Komfortzone

Gilles Marchand soll SRG-Generaldirektor werden. Das erstaunt. In der Romandie hat er es nämlich vergleichsweise geruhsam.

Will er sich wirklich in die heftigen Schlachten in der Deutschschweiz werfen? Gilles Marchand am RTS-Hauptsitz in Genf. Foto: RTS

Will er sich wirklich in die heftigen Schlachten in der Deutschschweiz werfen? Gilles Marchand am RTS-Hauptsitz in Genf. Foto: RTS

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Einen geruhsameren Spitzenposten, als der 54-jährige Gilles Marchand als Direktor des Westschweizer Radio und Fernsehens (RTS) hat, dürfte es in der Schweizer Medienwelt kaum geben. Attacken, wie sie Deutschschweizer Politiker auf das SRF lancieren, muss Marchand in der Romandie keine parieren. Weil es selbst unter bürgerlichen Politikern überzeugte Etatisten gibt und Politiker aller Lager auf die RTS als Plattform angewiesen sind, wird der Service public lieber starkgeredet als hinterfragt.

Printjournalisten gehen mit der RTS sowieso pfleglich um, könnte sie im umkämpften Westschweizer Arbeitsmarkt für Journalisten doch dereinst zur Arbeitgeberin werden. Und in Leidensmomenten infolge Stellenabbaus greift Marchand ein, bevor RTS-Kritik aufkommt. Auf die kürzliche Ankündigung von Tamedia, bei den Zeitungen «24 Heures» und «Tribune de Genève» 24 Stellen abzubauen, schrieb Marchand im «Matin Dimanche», RTS habe Anfang Jahr 75 Stellen streichen müssen. Zeitungen, Fernsehen und Radios müssten zusammenhalten und den Geist ihrer Partnerschaft wiederfinden. «Das macht die Stärke der Schweiz aus», so der RTS-Chef.

Dass Marchand gemäss «NZZ am Sonntag» im Herbst 2017 die Nachfolge von SRG-Generaldirektor Roger de Weck antreten soll, erstaunt. Nicht weil er dem Posten nicht gewachsen sein könnte, sondern weil er seine Komfortzone bei RTS in medienpolitisch turbulenten Zeiten verlässt.

Er spricht kaum Deutsch

Die Schlacht um die Zukunft des Service public und die «No Billag»-Initiative wird in der Deutschschweiz geschlagen. Der SRG-Generaldirektor wird sich insbesondere im Bundeshaus als gewiefter Politlobbyist beweisen müssen. Botschaften, mit denen Marchand in der Romandie für die RTS wirbt, blieben wirkungslos. Auch müsste er an seinen Deutschkenntnissen arbeiten. Seinem Umfeld zufolge versteht er Deutsch zwar, spricht die Sprache aber kaum. Offen ist, ob Marchand das Lobbyieren generell liegt. Dazu wollte der RTS-Chef gestern nicht Stellung nehmen. Auf Anfrage teilte er mit, «im aktuellen Kontext» den «NZZ am Sonntag»-Artikel nicht kommentieren zu wollen.

Die Schlacht um die Zukunft des Service public und die «No Billag»-Initiative wird in der Deutschschweiz geschlagen.

Anders als Roger de Weck war Marchand nie Journalist. Nach Beendigung seines Soziologiestudiums an der Universität Genf wurde er Medienmanager. Ab 1988 war er bei der «Tribune de Genève» für Leserforschung und Marketing zuständig. 1993 ging er zu Ringier, wo er nach fünf Jahren als Marketingchef zum Geschäftsführer aufstieg. 2001 wurde er TSR-Fernsehdirektor und 2010, nach der Fusion mit dem Radio, RTS-Chef.

Auf den Redaktionen schätzt man Marchand überraschenderweise, gerade weil er nie Journalist war und darum nicht mit journalistischer Erfahrung protze und als Besserwisser auftrete. Es heisst: Statt sich ins Alltagsgeschäft einzumischen, setze er sich dafür ein, guten Journalismus zu ermöglichen.

Erstellt: 09.10.2016, 23:17 Uhr

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