Die Freiheit des Kokainkönigs endete in einer Basler Tiefgarage

Michael Dokovich flog mit Privatjets Drogen durch die Welt. Auf seine Spur brachte die Ermittler ausgerechnet seine Freundin.

Michael Dokovich (links) hat laut kroatischen Quellen eine lange kriminelle Vergangenheit. Foto: zvg

Michael Dokovich (links) hat laut kroatischen Quellen eine lange kriminelle Vergangenheit. Foto: zvg

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Es sollte eine «schöne Überraschung» werden für die Drogenfahnder, die am Nachmittag des 16. Mai dieses Jahres in der Tiefgarage des Grand Casino in Basel einen Lieferwagen umstellten. Aufgrund von Hinweisen ihrer internationalen Partner verfolgten sie eine Kokainlieferung, die zuvor mit einem Privatjet am Flughafen Basel-Mulhouse angekommen war.

Was die Ermittler nicht erwartet hatten: Dass der «Big Boss», der laut einem Gerichtsurteil hinter der Lieferung steht, gleich selber im Ford Transit sitzt. Doch da war er, Michael Dokovich, ein Montenegriner mit zweifelhafter Vergangenheit, zusammen mit zwei Komplizen, einem Piloten und einem Informatiker. Im Kofferraum: 21 mit Drogen vollgepackte Koffer, insgesamt 600 Kilogramm Kokain. Es ist die grösste Beschlagnahmung von Betäubungsmitteln, die je auf Schweizer Boden stattgefunden hat.

Kofferweise Kokain: Die Droge war im Reisegepäck versteckt. Foto: PD

Für die Schweizer Behörden kam das überraschend. Man habe «spät am Abend» und «schnell» auf die Informationen der kroatischen Behörden reagieren müssen, sagt der Sprecher der Bundespolizei Fedpol, Thomas Dayer. «Der Big Boss war selber vor Ort – ein Fehler von seiner Seite», kommentiert ein Schweizer Polizist. «Im Prinzip machen sich diese hohen Tiere nie die Hände schmutzig. Ihn zu verhaften, war nicht geplant, es war eine ziemlich einzigartige Gelegenheit.»

Die Verhaftung des 60-jährigen Montenegriners sei eine «angenehme Überraschung» gewesen, sagt Colonel François Després von der französischen Gendarmerie. Und die Krönung der seit Monaten laufenden «Operation Familia». «Die Lieferung wurde überwacht. Nach der Landung liessen wir das Produkt auf die Basler Seite gelangen. Das entsprach dem Szenario der tschechischen und kroatischen Behörden.»

Hier wurde Dokovich mit zwei Komplizen verhaftet: Das Grand Casino Basel. Foto: Keystone

Recherchen in Zusammenarbeit mit der Plattform European Investigative Collaboration (EIC) zeigen, wie Dokovichs kriminelle Machenschaften funktionieren. Wie er jahrelang Kokain mit seinem Privatjet quer durch Europa schmuggelte. Und wie ihm die Fahnder auf die Schliche kamen.

Bargeld in einem Mercedes

Die Ermittlungen zur Operation Familia beginnen laut kroatischen Quellen Ende 2017 und führen im Oktober 2018 zu einem Durchbruch: An der kroatisch-slowenischen Grenze bei Zagreb finden die Zollbeamten eine Million Euro in Bar im Fahrgestell eines Mercedes. Im Auto: Michael Dokovichs Freundin. Das Geld wird konfisziert, die Beamten lassen Dokovichs Freundin frei – und heften sich an ihre Fersen. In abgehörten Telefonaten rühmt sich ihr Partner, in den letzten Jahren Dutzende von ähnlichen Geldtransporten organisiert zu haben.

Zu dieser Zeit versteckt sich der Montenegriner mit einer langen kriminellen Vergangenheit nicht. Auf Facebook posiert er offen als jovialer Hotelier, Besitzer eines prunkvollen Etablissements in Tuzi, Montenegro, nahe der albanischen Grenze.

Tatsächlich betreibt er laut Ermittlern Handel mit Kokain aus seiner Wohnung in Zagreb unter einer Vielzahl von Pseudonymen. Sein Geburtsname: Ilmija Frljuckic. Zu seiner Bande gehört ein korrupter kroatischer Polizist, der ihn mit Informationen versorgt und ihm hilft, falsche Identitäten aufzubauen.

Seine Geschäfte finanziert Dokovich mit der Beute aus Betrügereien in den USA, die er um die Jahrtausendwende im grossen Stil betrieb. Seine Gang stahl zu dieser Zeit die PIN-Codes von insgesamt mehr als 20’000 Bankkunden. Ihre Masche: Gefälschte Geldautomaten, die Kartennummern und Codes der Benutzer kopieren. Seine Komplizen wurden verhaftet, auch sein Bruder. Aber Dokovich konnte nach Europa fliehen, mit Millionen von Dollar in seinen Koffern.

Südamerikanische Kontakte

Die folgenden Jahre liegen im Dunkeln. Klar ist, dass Dokovich seine Bande zu einer mächtigen Organisation mit Verbindungen in die ganze Welt ausbaute. Sein Netzwerk erstreckt sich bis nach Hongkong, wo die Polizei im April dieses Jahres 421 Kilogramm Kokain beschlagnahmte, die für Australien bestimmt waren.

Dokovics rechte Hand, Petro «Pjer» Sarac, knüpfte Kontakte in Südamerika und liess sogar costa-ricanische Kriminelle nach Zagreb einfliegen. Dieser direkte Austausch mit südamerikanischen Kartellen ist ein Markenzeichen der neuen europäischen Kokainkönige. «Diese Gruppierungen aus dem Westbalkan versuchen, ähnlich wie die Italiener und Nigerianer vor ihnen zu handeln», beobachtet ein Schweizer Polizist. «Sie sind direkt in Südamerika präsent, vermutlich um entweder zu verhandeln oder den Transport zu organisieren.»

Laut mehreren Ermittlern haben sich serbische, montenegrinische oder albanische Organisationen zu einer erstarkenden Kraft des Kokainhandels entwickelt. Es sei ihnen gelungen, direkte Vertriebsrouten von Südamerika nach Europa ohne Zwischenhändler aufzubauen, was die Kosten minimiert und das Risiko senkt, erwischt zu werden.

Während der Transport über Containerschiffe zunehmend beliebter wird, wählt Michael Dokovich die schnellste Methode, um seinen Stoff in der Welt zu verteilen: Privatjets. Anfang 2019 gründet er die Fluggesellschaft MD Global Jet und stellt tschechische Piloten ein, die VIP-Passagiere in Begleitung von echten Flugbegleitern beförderten, um den Anschein eines seriösen Unternehmens zu wahren.

Dokovich nutzte laut dem Bundesgericht Privatflugzeuge für den Transport von Kokain: Die Droge wird am 16. Mai Basler Flughafen aus dem Jet M-FISH ausgeladen. Foto: Europol

Wie rege Dokovich seine Jets nutzte, zeigen die Flugbewegungen einer Gulfstream V mit der Kennung M-FISH – eben das Flugzeug, mit dem Dokovich laut einem Urteil des Bundesstrafgerichts am 16. Mai kofferweise Kokain einfliegen liess. Und es war nicht die erste Reise in die Schweiz: Seit 2016 landete die M-FISH über ein Dutzend Mal auf Schweizer Boden. So flog die Maschine beispielsweise am 10. Januar 2019 von Albanien über Genf nach Basel.

Der Privatjet legte zwischen Oktober 2018 und März 2019 vier Langstreckenflüge nach Südamerika zurück. Der Zweck bei dreien dieser Südamerika-Flüge laut dem Gerichtsurteil: Kokainschmuggel. Am 16. Mai, auf dem Rückflug von Uruguay, schlugen die Fahnder dann in Basel zu. Das Fedpol verbucht die Aktion als Grosserfolg. «Fedpol hat eine Schlüsselrolle bei der Sicherstellung eines schnellen Informationsaustauschs mit den verschiedenen beteiligten Ländern gespielt», sagt Sprecher Thomas Dayer.

Das Doppelleben als angeblicher Hotelier und Privatjet-Unternehmer scheint für Dokovich nun vorbei zu sein. Er und seine beiden Komplizen sollen nach Kroatien ausgeliefert werden. Der Informatiker wurde bereits am 4. Oktober an die kroatischen Behörden überstellt. Die Berufungen von Dokovich und dem Piloten wurden am 29. Oktober vom Bundesstrafgericht zurückgewiesen.

Mitarbeit: Duc Quang Nguyen, Titus Plattner und Hannes von Wyl


Das ist der dritte Teil einer internationalen Artikelserie über Kokain. Lesen Sie die ersten beiden Geschichten hier:

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Erstellt: 11.11.2019, 11:30 Uhr

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