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In St. Gallen ist eine Sensation möglich

Die Chancen des Gewerkschafters Paul Rechsteiner auf den zweiten St. Galler Ständeratssitz sind intakt – auch Dank dem Verhalten eines SVP-Mannes. Seine Wahl ins Stöckli wäre eine politische Sensation.

Kann auch mit Stimmen aus der politischen Mitte rechnen: Paul Rechsteiner an einem Wahlpodium. (10. November 2011)
Kann auch mit Stimmen aus der politischen Mitte rechnen: Paul Rechsteiner an einem Wahlpodium. (10. November 2011)

Für die CVP steht viel auf dem Spiel. Seit 1919 schicken die St. Galler Christdemokraten einen Standesvertreter nach Bern. Ob sie dies auch nach dem 27. November tun werden, steht in den Sternen. Die Kandidatur des politischen Quereinsteigers Michael Hüppi kommt nicht richtig in Schwung. Auch wenn ihn die «Mitte-Parteien» von EVP bis FDP offiziell unterstützen, konnte der Wirtschaftsanwalt und Vizepräsident des FC St. Gallen bisher nicht verbergen, dass ihm die politische Erfahrung fehlt.

Dies sorgt insbesondere an der Basis für Irritationen. Selbst für Mitte-Wähler ist der Gewerkschaftschef Rechsteiner nicht mehr nur ein «rotes Tuch». Um Brunner und den unerfahrenen Hüppi zu verhindern, dürften nicht wenige von ihnen auf den SP-Mann setzen – nicht aus Überzeugung, aber mangels Alternative. Ein Indiz für diese Haltung ist die CSP, die sich vor allem an der Basis nicht richtig zur Unterstützung des CVP-Kandidaten durchringen kann. Gemäss «St. Galler Tagblatt» sprechen sich zwei von vier Vorstandsmitgliedern für Rechsteiner aus. Gut läuft es für den amtsältesten Nationalrat auch auf der SF-Wahlbörse, welche die Resultate der Nationalratswahlen relativ genau voraussagte. Brunner und Hüppi liegen hinter Rechsteiner, der insbesondere bei Frauen, im Kulturmilieu und auch in kirchlichen Kreisen punktet.

Kirchlicher Aufruf für Hüppi

Letzteres wurmt die CVP besonders. Für Gesprächsstoff sorgt derzeit ein Brief aus kirchlichen Kreisen an die Mitglieder des katholischen Kollegienrats. Diese werden aufgefordert, für Hüppi zu werben, weil er sich als Einziger der Kandidaten zu christlichen Grundsätzen bekenne. Diese Aufforderung ist insofern kurios, als sie auch im Widerspruch zu Aussagen von Hüppi steht. Der Neffe von Kurt Furgler versicherte im Gespräch, er sei zwar in einem katholischen Milieu aufgewachsen, heute aber ein freier Geist.

«Die christliche Notenverteilung hat uns im Wahlkampf gerade noch gefehlt. Das ist ein Rückfall in die Zeiten des Kulturkampfes», sagt Erich Gmünder, ein St. Galler Journalist und ehemaliges CVP-Mitglied. «Es ist von der CVP schon mutig genug, ein politisch unbeschriebenes Blatt für ein so wichtiges Amt vorzuschlagen.» Auch Rechsteiner setze sich mit seiner sozialen Politik für «christliche» Anliegen ein.

«Ich fange an, daran zu glauben, dass Rechsteiner gewählt werden könnte», sagt der Rorschacher Otmar Elsener, der einst für die CVP in Rorschach politisierte und nun mit gleichgesinnten Mitte-links-Wählern Inserate für den SP-Politiker schaltet. Es sei Zeit, dass auch der andere Teil St. Gallens im Ständerat vertreten sei, zumal Hüppi sehr ähnliche Positionen vertrete wie die bereits gewählte Karin Keller-Sutter und sich damit deutlich von Eugen David unterscheide. David, der aus der CSP stammte, politisierte bis 2011 für die CVP in Bern, gab nach dem enttäuschenden Ergebnis im ersten Wahlgang aber auf.

Bigger hilft Rechsteiner

Unerwartete Schützenhilfe erhält Rechsteiner auch vom abgewählten SVP-Nationalrat Elmar Bigger, der nach Bern zurückkehren könnte, falls Brunner in den Ständerat gewählt würde. Viele Bauern haben angekündigt, dass sie Brunner nicht wählen würden, weil sie nicht wollen, dass der für das Millionendebakel bei der Milchverwerter-Organisation PMO mitverantwortliche Bigger weiter im Parlament sitzt. Dieser reagiert gereizt auf die Frage, ob er für Brunner nachrutschen wolle: «Fragen Sie mich am 27. November!» Für Beobachter ist klar: Würde Bigger verzichten, hätte er dies längst gesagt, um so Brunner zu unterstützen. Biggers Schweigen könnte im Rennen zwischen Brunner und Rechsteiner entscheidend sein. Dass Hüppi in den Zweikampf der beiden Schwergewichte noch eingreifen kann, halten Beobachter für eher unwahrscheinlich.

Trotz allem wäre die Wahl Rechsteiners eine politische Sensation. Dies zeigt auch ein Blick in die Geschichte des bürgerlichen Kantons: Die SP stellte erst zweimal einen Ständerat: zwischen 1911 und 1919 sowie zwischen 1971 und 1975.

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