Als letztes Dorf der Schweiz – jetzt geht hier das Licht an

Schluss mit Dunkelheit. Warum Surrein beschlossen hat, seine Strassen zu beleuchten.

Video: Janine Hosp, Reto Oeschger

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An einem Winterabend war er plötzlich da, als wäre er aus der Dunkelheit gekommen. Ein schwarz gekleideter Mann stand am Strassenrand, das Gesicht verhüllt. Am nächsten Morgen war er verschwunden, mit der Dunkelheit aber kam auch er wieder. Der Mann wurde an mehreren Abenden gesehen, niemand hat ihn erkannt, niemand angesprochen. Dafür redete man im Dorf über «l’um ner», über den schwarzen Mann. Wer war er? Was wollte er? War er ein Dieb? Im Tal erzählte man sich, er würde Leute erschrecken. Dann hiess es, er entführe Kinder. Die Polizei wurde eingeschaltet. Und tatsächlich soll sie einen Verdächtigen festgenommen haben. Das war im Januar 2004.

Surrein in der Surselva ist das letzte Dorf in der Schweiz, das noch keine Strassenbeleuchtung hat. Jeden Abend nach dem Eindunkeln wird es unsichtbar. Hinter den Fenstern erlischt ein Licht nach dem anderen, und um 22 Uhr sind nur noch die dunklen Umrisse der Häuser zu sehen. Einzig vor der Kirche brennen während der ganzen Nacht zwei Laternen, hinter der Friedhofsmauer flackern Grablichter. In manchen Nächten wird es so dunkel, dass die Dorfbewohner einen Passanten erst erkennen, wenn sie schon fast an ihm vorbeigelaufen sind.

Licht für den Chor

Fast 40 Jahre lang haben die Surreinerinnen und Surreiner die Vorzüge und Nachteile einer Strassenbeleuchtung verhandelt, viermal haben sie darüber abgestimmt. Aber erst an der letzten, überaus gut besuchten Gemeindeversammlung im vergangenen März haben sie einen Kredit für 46 Strassenlampen bewilligt – neuste LED-Technik mit Bewegungsmeldern und regulierbarer Lichtstärke. Bis 22.05 Uhr werden sie hell brennen; so können die Sängerinnen und Sänger des Chors am Mittwoch nach der Probe noch bei Lichte zum Gasthaus gehen. Dann erst wird das Licht gedimmt. Nachts gehen die Lampen nur an, wenn sie jemand passiert. Bei der vierten Abstimmung fiel der Entscheid klar für die Beleuchtung aus. Erst hatten die Surreiner aber im letzten Herbst versuchsweise sieben Lampen aufstellen lassen; sie wollten wissen, ob das etwas für sie ist.

Das Graubündner Dorf hat alles vorbereitet: In den nächsten Monaten werden insgesamt 46 Strassenlampen aufgestellt.

«Ich möchte nicht mehr zurück», sagt Norbert Deplazes und stösst im Placi Pign auf grosse Zustimmung. Deplazes sitzt wie andere Dorfbewohner in der winzigen Beiz beim Feierabendbier. Heute lebten mehr Ältere im Dorf als früher, sie seien froh, wenn die Strassen erhellt würden, sagt er. Viele gehen bei Dunkelheit nur noch aus dem Haus, um für einen Verstorbenen einen Rosenkranz zu beten. «Bei diesen Löchern in der Strasse braucht es eine Beleuchtung», sagt ein anderer Gast. Die seien mittlerweile so gross, dass ganze Autos darin verschwänden.

«Man sieht alles, was du machst»

Claudia Meissen, die im Placi Pign kocht, serviert und die Gäste betreut, geht manchmal erst nach Mitternacht nach Hause. «Man weiss nie, was im Dunkeln passiert», sagt sie. «Aber wenn die Strassen beleuchtet sind», so wirft ein Gast ein, «sieht man alles, was du machst.» Und zu den Gästen aus Zürich gewandt: «Wissen Sie, in einem Dorf wird man kontrolliert.» Aber gleich­gültig, welches Argument für die Beleuchtung auch angeführt wird, löchrige Strassen oder Kuhfladen am Boden, am Ende folgt immer dieser eine Satz: «Ein Wunder, dass nie etwas Schlimmes passiert ist!»

Dabei stimmte auch Norbert Deplazes vor dreissig Jahren noch gegen die Beleuchtung. Damals, in der Zeit vor den Sparlampen, wären die Stromkosten um ein Mehrfaches höher gewesen. Und weshalb sollte man so viel Geld ausgeben, wenn es das ganze Leben lang ohne gegangen ist? Surrein liegt im Schatten, der Schnee bleibt lange liegen, und wenn der Himmel klar ist, Mond und Sterne auf das Dorf scheinen, dann ist es fast taghell.

In den letzten Jahren ist es jedoch dunkler geworden in Surrein. Viele Leute mussten wegziehen, weil sie im Tal keine Arbeit mehr fanden. Laut Otto Deplazes, Fraktionschef des Ortsteils Surrein, ist die Zahl der Einwohner innert weniger Jahrzehnte von 400 auf 270 Personen gesunken, drei der vier Läden haben geschlossen, und das Placi Pign ist nunmehr die einzige Beiz, die das ganze Jahr geöffnet ist. Und so brennt heute in manchen Häusern gar nie mehr Licht.

Man stolpert in jedes Loch

An diesem Mittwochabend ist kaum jemand im Dorf unterwegs – der Chor macht bis Pfingsten Ferien. Ein Licht­kegel nähert sich, jemand geht mit der Taschenlampe zur Kirche. Später läuft ein Vater mit seinem Sohn vorbei. Sobald sie vom Kirchenlicht erfasst werden, blitzen Katzenaugen auf ihren Jacken auf. Dann ist es dunkel. Als Ortsunkundige stolpert man in jedes Loch in der Strasse. Man sieht nicht, wo sie hinführt, nicht, wo sie aufhört und die Wiese beginnt. Dafür hört man mehr. Das Metall, das im Wind gegen die Fahnenstange schlägt, das Rauschen des Vorderrheins, die Stille.

Manchmal fliegen Fledermäuse aus den langen Schlitzen im Kirchturm. Dort, im Dachstock, hängen 900 von ihnen, Grosse Mausohren und Kleine Maus­ohren, eine der drei grössten Kolonien der Schweiz. 1990 sind fast alle Tiere von der Kirche Trun nach Surrein übersiedelt. Weshalb, weiss man nicht. Laut Miriam Lutz, Fledermausbeauftragte des Kantons Graubündens, kann es nicht wegen der Dunkelheit sein; andere Grosskolonien hätten sich ebenfalls in Gemeinden niedergelasssen, wo die Strassen beleuchtet werden. Auch in Surrein werde dies die Tiere nicht stören. Nur das Fenster, durch das sie ein- und ausfliegen, dürfe nicht angeleuchtet werden. Im Dachstock der katholischen Kirche Trun leben heute nur noch ein paar Männchen. Sie nutzen ihn als Paarungsquartier. Die Kirche Surrein hingegen ist ihre Wochenstube, in der sich die Weibchen zusammenfinden, um ihre Jungen zu gebären und aufzuziehen.

Geschichte aus der Dunkelheit

Als die Surreiner beschlossen, Strassenlampen aufzustellen, standen den neunzig Befürwortern noch drei Kritiker gegenüber. Es waren alles Junge, ihre Argumente waren andere als jene der früheren Kritiker. So erhob sich etwa Simon Jacomet, ein Skientwickler, der mit seiner Familie seit Jahren in Surrein lebt. Jacomet sagte der versammelten Gemeinde, dass die Dunkelheit ihre eigene Schönheit habe. Man sehe mehr, wenn es dunkel sei, die Sterne leuchteten klarer, die Stille sei fast hörbar. Strassenlampen würden dies alles zerstören. Er sagte auch, dass die Dunkelheit eine Chance für Surrein sei. «In Zürich würden sie dafür zahlen, dass keine Lichter brennen.»

Jacomet fand kein Gehör. «Es ist hier fast unmöglich, das Schöne an der Dunkelheit zu vermitteln», sagt er. Die ältere Generation, die nie in einer grösseren Stadt gelebt, nie unter Dauerbeleuchtung gestanden habe, die könne die Dunkelheit nicht wertschätzen. Jacomet schaut den Berg hinauf, das Dorf Sumvitg ist hell erleuchtet, während sich Surrein in der Dunkelheit aufgelöst hat. Er geht jeden Abend mit dem Hund aus dem Haus. Hier, 900 Meter über Meer, ist er dem Himmel nah, und wenn es klar ist, steht ein Stern neben dem anderen. Einmal sah Jacomet sieben Sternschnuppen an einem einzigen Abend. Das habe ihn umgehauen. «Aber nun ist es eben so.» In den nächsten Monaten wird die löchrige Strasse saniert, dem Strassenrand entlang stecken bereits alle paar Meter Holzstöcke mit der Aufschrift: «Lampe».

Und was wurde aus dem schwarzen Mann? Konnte ihn die Polizei tatsächlich verhaften? Sie dementierte: «L’um ner», sei nichts als ein Gerücht, schrieb sie in einer Medienmitteilung. Ihre Befragungen hätten ergeben, dass alle nur vom Hörensagen vom schwarzen Mann wussten. Niemand hatte ihn je selber gesehen. Es sei auch keine Anzeige eingegangen. «Dies ist eine Geschichte, die nur in der Dunkelheit entstehen konnte», sagt Otto Deplazes heute. In der Dunkelheit, die den Bewohnern Informationen vorenthält. «Wer weiss», meint Deplazes, «wenn die Strassen beleuchtet gewesen wären, hätte man den Mann vielleicht erkannt.»

Erstellt: 21.04.2016, 00:59 Uhr

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