In welchen Kantonen am meisten Flüchtlinge arbeiten

Die Erwerbsquote von Flüchtlingen unterscheidet sich zwischen den Kantonen erheblich. Doch Grund dafür sind nicht nur unterschiedliche Gesetzgebungen.

Wer arbeiten kann, entscheidet mitunter der Zufall: Ein eritreischer Flüchtling auf einer Baustelle in Thun. Foto: Urs Jaudas

Wer arbeiten kann, entscheidet mitunter der Zufall: Ein eritreischer Flüchtling auf einer Baustelle in Thun. Foto: Urs Jaudas

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Was bedeutet Föderalismus? Überspitzt gesagt, sucht jeder Kanton allein nach einer Lösung für ein Problem, bis am Ende eine Vielzahl von Lösungen existiert – und niemand die Übersicht hat. So ist es derzeit bei der Integration von Flüchtlingen. Weder der Bund noch die Kantone wissen genau, wie viele Arbeitsintegrationsprogramme existieren. Und vor allem: wie gut sie funktionieren.

Doch das wäre wichtig. In den letzten drei Jahren sind in der Schweiz 43'000 Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene hinzugekommen, das entspricht der Grösse der Stadt Thun. Und selbst wenn die Zahl der neuen Asylanträge momentan zurückgeht – der Aufwand für die Integration der bereits aufgenommenen Menschen wird über Jahre hoch bleiben. Viele von ihnen sind noch jung: 2015 waren 62 Prozent der Asylsuchenden unter 25 Jahre alt. Gleichzeitig liegt die Sozialhilfequote – über alle Flüchtlinge gesehen – bei 80 Prozent.

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Sollten die Kantone ihre Arbeitsprogramme für Flüchtlinge angleichen?




Trotz des Datenmangels in den Kantonen hat die Schweizerische Sozialhilfekonferenz (Skos) klare Vorstellungen davon, was für die berufliche Integration der Flüchtlinge nötig wäre: 5000 zusätzliche Plätze pro Jahr. In Ausbildungen, Beschäftigungsprogrammen, Vorlehren. Auch seien mehr Sprachkurse nötig, fordert die Skos.

Warnung vor hohen Kosten

Es ist nicht der erste Aufruf an die Adresse der Kantone, das Problem endlich anzupacken. Bereits im November 2015 wandte sich die Skos mit Vorschlägen an die Öffentlichkeit. Dennoch habe sich bisher zu wenig getan, kritisiert Skos-Co-Präsident Felix Wolffers. Mit ein Grund für die aktuelle Situation seien indes auch die langen Asylverfahren, welche die Arbeitsintegration erschwerten.

Das Resultat: «In drei bis fünf Jahren werden die Kosten der Sozialhilfe in den Kantonen und Gemeinden deutlich ansteigen, weil der Bund dann nicht mehr bezahlt», so Wolffers. Das sei vor allem für die Gemeinden ein grosses Problem. Für die Kosten der ersten fünf beziehungsweise sieben Jahre kommt bei anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen der Bund auf.

Auch Jris Bischof, Sozialamtsleiterin in Zug, ist der Meinung, dass die Kantone bei der Integration engagierter sein könnten. «Das Problem, dass die Mehrheit der Flüchtlinge von der Sozialhilfe abhängig ist, gibt es nicht erst seit drei Jahren.» Doch weil es früher weniger Personen waren, sei der Handlungsdruck kleiner gewesen.

Das hat Kantone wie Graubünden, Glarus oder Zug nicht daran gehindert, schon früher Lösungen zu suchen. Hier sind die Erwerbsquoten von anerkannten Flüchtlingen deutlich höher als im Rest der Schweiz. In Glarus haben rund 38 Prozent aller anerkannten Flüchtlinge eine Stelle, in Zug 35 und in Graubünden 32 Prozent. Gesamtschweizerisch beträgt die Quote rund 25 Prozent. Auffallend ist, dass die Integration in kleinen Deutschschweizer Kantonen am besten gelingt – bei entsprechend kleineren Fallzahlen. Die Westschweiz bildet dagegen das Schlusslicht, wobei dort auch die allgemeinen Arbeitslosenzahlen überdurchschnittlich hoch sind.

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Den grössten Nachholbedarf in Bezug auf die Arbeitsintegration sieht Sozialamtsleiterin Bischof bei jenen Personen, die noch auf den Asylentscheid warten; bei den meisten dauert das rund ein Jahr. «Weil die Kantone für die Integration der Asylbewerber kein Geld vom Bund erhalten, haben sie in dem Bereich oft nichts gemacht.» Wobei diese Praxis politisch gewollt war, um die Schweiz für Asylsuchende nicht zu attraktiv zu machen. In den ersten drei Monaten dürfen Asylbewerber gar nicht arbeiten, danach gelten je nach Kanton unterschiedliche Regeln. Das Resultat: Bei den Asylbewerbern beträgt die Erwerbsquote nur 3,5 Prozent. «Mit der angestrebten Beschleunigung der Asylverfahren sollte sich die Situation etwas entschärfen, da den Kantonen grösstenteils nur noch Personen mit Bleibeperspektive zugewiesen werden», sagt Bischof. Für solche Personen weist der Bund den Kantonen Geld zu.

Ein Jahr reicht nicht

Gar nicht einverstanden mit der Kritik an den Kantonen ist dagegen Theo Ninck. Diese hätten in den letzten Jahren sehr wohl grosse Anstrengungen gemacht, sagt der Präsident der Schweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz. «Das Angebot an Sprachkursen, Vorlehren oder die Brückenangebote wurden überall ausgebaut.» Alleine in Bern habe sich die Anzahl Integrationsklassen, die Flüchtlinge auf eine Lehre oder einen Beruf vorbereiten, in drei Jahren fast verdreifacht: von 16 Klassen im Jahr 2013 auf 42 im Jahr 2016. Entsprechend seien die Kosten für die Brückenangebote gestiegen, von 6,5 auf 15,5 Millionen Franken. Zudem brauche es Zeit, die Strukturen auszubauen. «Die Situation, dass wir so viele junge Flüchtlinge auf einmal betreuen müssen, gibt es so erst seit drei Jahren.»

Ninck warnt überdies davor, sich zu fest auf einzelne Zahlen festzulegen bei den Ausbildungsplätzen. «Wir sehen bei unseren Integrationsklassen, dass nur 10 Prozent der Teilnehmer bereits nach dem ersten Jahr fit genug für eine Berufslehre sind.» Die meisten brauchten dafür ein zweites oder drittes Jahr. Rein rechnerisch gesehen, beansprucht damit ein Flüchtling zwei bis drei Plätze.

Einig sind sich die Fachleute dafür in einem anderen Punkt: Die tiefe Erwerbsquote der Flüchtlinge hängt auch damit zusammen, dass in jedem Kanton mehrere Departemente und teils auch die Gemeinden involviert sind. «Häufig ist deshalb unklar, wer dafür verantwortlich ist, dass ein Flüchtling am richtigen Ort landet», sagt Ninck. «Man schaut, wo noch ein Platz frei ist, und schiebt ihn dann dorthin.» Worauf etwa die Lehrer in der Berufsfachschule feststellen, dass ein Flüchtling gar nicht genug Deutsch versteht, um den Kursen zu folgen.

Dennoch sieht Ninck die Kantone auf gutem Weg. Dasselbe gelte für den Bund. Dieser wird voraussichtlich nicht nur die Flüchtlingspauschale erhöhen, die er den Kantonen zahlt, sondern auch ein eigenes Pilotprojekt starten: Ab 2018 bis 2022 sollen jährlich 1000 Flüchtlinge eine Integrationsvorlehre machen können. Womit die Forderung der Skos zumindest zu einem Fünftel erfüllt wäre. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 13:26 Uhr

Wieso arbeiten in Zug und in Glarus mehr Flüchtlinge?

Der Kanton Zug steht bei der Arbeitsintegration von anerkannten Flüchtlingen vergleichsweise gut da: Die Erwerbsquote liegt 10 Prozent über dem Schweizer Durchschnitt. Entscheidend war laut Sozialamtschefin Jris Bischof, dass die Regierung bereits im Jahr 2000 die Hürden für Firmen so weit wie möglich abbaute, wenn diese Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene einstellen wollten. So dauert es in Zug gerade einmal zwei Tage, bis eine Arbeitsbewilligung vorliegt. Weitere Faktoren seien die Kleinheit des Kantons sowie dessen finanzielles Engagement: «Einerseits kennen wir die Arbeitgeber gut; andererseits gibt der Kanton für die Arbeitsintegration inklusive Deutschkurse pro Person im Schnitt 12 000 Franken aus, zusätzlich zur Integrationspauschale des Bundes von 6000 Franken.»

Skeptische Unternehmer

Zudem spiele das grosse Engagement von Freiwilligen eine wichtige Rolle. «Das hat wohl auch mit den katholischen Wurzeln der Zuger zu tun», sagt Bischof. So helfen gestandene Wirtschaftsleute einzelnen Flüchtlingen bei der Jobsuche und unterstützen sie weiter, wenn sie eine Stelle gefunden haben.

In Glarus ist die Erwerbsquote von Flüchtlingen ebenfalls höher als im Durchschnitt. Zudem hat der Kanton als Pilotprojekt eine Vorlehre für Flüchtlinge, wie sie der Bund für nächstes Jahr plant, bereits 2016 eingeführt. Das Programm bietet Plätze für rund zehn Personen, wobei die Teilnehmer vier Tage pro Woche in einem Betrieb arbeiten – als Koch etwa oder als Coiffeur – und einen Tag in die Berufsschule gehen.

Das Pilotprojekt verlief erfolgreich: 11 von 12 Teilnehmern beendeten das Programm, 7 fanden eine Anschlusslösung. Allerdings war es am Anfang nicht einfach, genügend Arbeitgeber zu finden, die mitmachen. «Die Unternehmer waren skeptisch», sagt Yvan Stauffacher, Leiter der kantonalen Koordinationsstelle Integration. «Doch seit sie gesehen haben, dass es gut funktioniert, konnten wir weitere Firmen dafür gewinnen.» Nebst den Kantonen haben auch einzelne Branchen Integrationsprogramme entwickelt. Bereits seit 2006 gibt es den einjährigen Lehrgang namens Riesco, der Teilnehmer in der Gastronomie- und Hotelleriebranche ausbildet, etwa als Küchenhilfen. Mittlerweile gibt es die Lehrgänge auch in den Bereichen Technik, Bau und Pflege.

Hohe Erfolgsquote

Die Teilnehmer absolvieren Praktika und verbessern in Kursen ihre Deutschkenntnisse. Pro Jahr absolvieren rund 100 Teilnehmer in vier Kantonen die Kurse, davon finden 80 bis 85 Prozent eine Anschlusslösung, also eine Lehre oder einen festen Arbeitsplatz. Die hohe Erfolgsquote erklärt Programmdirektor Max Züst damit, dass im Vorfeld genau abgeklärt werde, ob sich ein Teilnehmer für das Programm eigne. Auch stehe man im engen Kontakt mit den Betrieben, welche die Flüchtlinge nach dem Kurs im Idealfall anstellen.

Neueren Datums ist das Pilotprojekt Sesam des Schweizerischen Roten Kreuzes, bei dem Flüchtlinge zu Pflegehelfern ausgebildet werden. In Bern dauert die Ausbildung ein Jahr: Während eines Sprachkurses absolvieren die Teilnehmer praktische Arbeitseinsätze, danach folgt der Lehrgang als Pflegehelfer SRK. Dabei lernen sie etwa, die Patienten zu waschen. Nach dem Abschluss können die Absolventen in einer Spitex oder einem Pflegeheim als Helfer arbeiten.

Schweizweit gibt es aktuell rund 180 Plätze. Bei den bisherigen, regulären Pflegehelferkursen finden über 80 Prozent eine Stelle; Zahlen für das Flüchtlingspilotprojekt liegen noch keine vor. Das Rote Kreuz geht aber von einer ähnlichen Erfolgsquote aus. Camilla Alabor, Bern

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