Zum Hauptinhalt springen

Ist der Bildungsabbau an der Volksschule nur ein Mythos?

Die Kantone sparen bei der Bildung. Wie stark spüren das die obligatorischen Schulen? Damit befasst sich der neue Bildungsbericht.

Die Klassengrösse variiert je nach Kanton. In Zürich beträgt sie durchschnittlich 20,8 Schülerinnen und Schüler. Bild: Gaetan Bally (Keystone)
Die Klassengrösse variiert je nach Kanton. In Zürich beträgt sie durchschnittlich 20,8 Schülerinnen und Schüler. Bild: Gaetan Bally (Keystone)

Vor einem Jahr gingen in mehreren Städten Schülerinnen und Schüler auf die Strasse und demonstrierten. Unter «#keLoscht» sagten sie, wieso: Diverse Kantone setzten bei der Schule den Rotstift an. Das passte ihnen nicht. Auch der Verband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) warnte vor einem Bildungsabbau. Nun zeigt der heute erschienene nationale Bildungsbericht: In den Klassenzimmern ist kaum etwas davon zu spüren.

Bildungsökonom Stefan Wolter, unter dessen Leitung die vierte Gesamtschau zum Schweizer Bildungswesen entstanden ist, hat statistisch keine Anhaltspunkte gefunden: «Wir können zeigen, dass bisher nicht weniger Geld pro Schüler ausgegeben wird, wenn ein Kanton spart», sagt er.

Unpassende «Milchbüechlirechnung»

LCH-Präsident Beat Zemp weist diese «Milchbüechlirechnung» im Bildungsbericht zurück. Er stellt Wolters Analyse die Summe gegenüber, welche die Kantone einsparen. Diese beschlossenen Sparmassnahmen würden sich mittlerweile auf über eine Milliarde Franken belaufen. Zum grössten Teil seien sie schon umgesetzt. Sie betreffen die obligatorische Schule sowie Mittel- und Berufsschulen.

«Pro-Kopf-Kosten sind nicht aussagekräftig.» Beat Zemp, Präsident des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Bild: Siggi Bucher/Keystone
«Pro-Kopf-Kosten sind nicht aussagekräftig.» Beat Zemp, Präsident des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). Bild: Siggi Bucher/Keystone

Gemäss Wolter gibt es einen Grund für seine statistischen Befunde, dass pro Schüler nicht weniger Geld ausgegeben wird: In den vergangenen Jahren seien die Schülerzahlen gesunken. Normalerweise nehme in solchen Zeiten auch die Klassengrösse ab.

Tatsächlich sank der Durchschnitt seit 2000 langsam. Die Talsohle wurde gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik vor rund drei Jahren erreicht. Hier geben die Kantone nun Gegensteuer, indem sie vermehrt Klassen zusammenlegen, beziehungsweise später teilen.

Klassen werden wieder grösser

Mittlerweile werden Klassen im Schnitt wieder grösser. Nun überlagern sich aber zwei Phänomene: Während etliche Kantone gezielt auf grössere Klassen hinwirken, wächst die Schülerzahl mancherorts bereits wieder. Auch Prognosen im aktuellen Bildungsbericht gehen künftig von höheren Schülerzahlen aus.

Wolter macht sich trotzdem keine Sorgen um die Bildungsqualität. Solange sich die Spannweite im Bereich plus/minus zwei Schüler bewege, habe die Klassengrösse keinen Einfluss auf die Leistungen der Schüler, betont er. Dies wenigstens sei der aktuelle Stand der Forschung. «Die Klassengrösse wirkt also wie ein Puffer.»

Über die Kantone hinweg variiert die durchschnittliche Klassengrösse zwischen 20,8 (Zürich) und 15,7 (Graubünden). Die beiden Extremwerte illustrieren für Wolter, wie sich das System selbst reguliert: Während in Zentren die Schülerzahlen steigen und damit auch die Klassengrössen, würden sie in Berggebieten, wo die Bevölkerung tendenziell abwandere, sinken.

Schule erfüllt neue Aufträge

Mit Blick auf die Bildungsausgaben lässt sich ein Abbau ebenfalls nicht belegen: Die Gesamtausgaben wuchsen seit 2001 vielmehr von 22,68 Milliarden Franken auf 36,7 Milliarden Franken im Jahr 2015 (davon 16,7 Milliarden für die obligatorische Schule). Im Vergleich mit den öffentlichen Gesamtausgaben und dem Bruttoinlandprodukt ist dieses Wachstum überproportional.

Ein Teil des Kostenanstiegs ist auf die Teuerung zurückzuführen. Ein anderer aber auf einen Ausbau der Leistungen. Ein Indiz ist die Entwicklung des Betreuungsverhältnisses. In der Primarschule kommen auf einen Pädagogen 15,3 Schüler. Neue Spezialfunktionen an Schulen erhöhen die Personalkosten. Beispiele sind etwa der in den letzten Jahren erfolgte Aufbau der Schulsozialarbeit oder die integrative Förderung.

Eine Steilvorlage für LCH-Präsident Zemp: Man könne den Schulen nicht neue Aufträge erteilen und dann bei der Finanzierung knausern. Er bleibt dabei: «Pro-Kopf-Kosten sind nicht aussagekräftig.» Und würden wegen Sparmassnahmen Klassen vergrössert, sei dies eben dennoch ein zumindest qualitativer Bildungsabbau. Denn der Lehrperson bleibe so weniger Zeit für den einzelnen Schüler.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch