«Ja, den kenne ich» – türkischer Spion packt aus

Für den türkischen Geheimdienst unterwanderte Adnan K. in Zürich eine linke Guerilla. Sein Fall zeigt, wie Ankara in der Schweiz spioniert.

Sie wurden ausspioniert: Mitglieder der Linksguerilla bei einer Demonstration in Zürich. Bild: PD

Sie wurden ausspioniert: Mitglieder der Linksguerilla bei einer Demonstration in Zürich. Bild: PD

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«Ich bereue, was ich getan habe», sagt der ehemalige Spion und lächelt verlegen. Dann fügt er wie als Entschuldigung hinzu: «Es war ein bisschen wie James Bond.» Adnan K.* nippt an seinem Kaffee. Sein Schädel ist glattrasiert, darunter befinden sich eine hohe Stirn und Augen mit Schalk. Adnan K. ist wachsam. Immer wieder blickt er sich in dem Café um und mustert Eintretende. Aus Angst vor Racheakten hat er Zürich, seinem früheren Wohnort, schon vor längerem den Rücken gekehrt.

Der Mann mit den kurdischen Wurzeln ist jetzt Ende 30. Mitte der Neunzigerjahre kam er in die Schweiz, zusammen mit seiner Familie. «Mein Vater war Maoist, und es war nur natürlich, dass wir uns in der linksgerichteten türkisch-kurdischen Diaspora wohlfühlten.»

Ideale Legende

Im Verlauf der Jahre hatte Adnan K. die verschiedensten Jobs, zum Beispiel an einem Imbissstand im Zürcher Hauptbahnhof. Er war nicht gerade auf Rosen gebettet. Als sich eine Gelegenheit für einen Nebenverdienst ergab, griff er zu. 2006 lernte er einen Mitarbeiter des türkischen Generalkonsulats kennen, und dieser fragte ihn nach Mahir N.*, einem kurdischstämmigen Türken, der ebenfalls zur linksextremen Diaspora gehörte. Spontan antwortete Adnan K.: «Ja, den kenne ich. Was zahlst du mir dafür?»

Weil er schon lange in der linken Szene aktiv war, hatte Adnan K. als Spion eine ideale Legende, wie es im Agentenjargon heisst. Im Auftrag des türkischen Geheimdienstes (MIT) begann er sich nun öfter mit seiner Zielperson zu treffen. Mahir N. führte den militärischen Arm einer kleinen türkischen Linksguerilla an, und der MIT vermutete, dass er im Auftrag eines anderen Nachrichtendienstes handelte. Die Linksguerilla galt in der Türkei und in Deutschland, nicht aber in der Schweiz als Terrororganisation. Sie fiel unter anderem durch einen Anschlag auf ein Armeehauptquartier auf und eine wilde Schiesserei mit drei Todesopfern, beides in Istanbul. Ausserdem bekannte sich die Organisation zu einem Sprengstoffattentat auf die Tochtergesellschaft einer israelischen Bank am Bosporus. Zugleich solidarisierte sie sich mit anti-israelischen Terrorgruppen wie den palästinensischen Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden und dem Islamischen Jihad.

Adnan K. sollte aber nicht nur Mahir N. ausforschen, sondern auch Mitglied der linksextremen Gruppe werden. Sein Eintrittsgespräch hatte er mit einem türkischstämmigen Zürcher Kleinunternehmer, der schon lange Teil der militanten Organisation war. Mit der Zeit begann Adnan K. dann auch, Propagandamaterial für diese Formation zu verteilen, mit Wissen und Einverständnis des MIT. Damit wurde seine Legende noch wasserdichter.

Treffen im Zürcher Pub

Sein Führungsoffizier wurde bald durch einen neuen Mann ersetzt. Ali Dogan war bei der türkischen Botschaft in Bern angestellt, offiziell als «Attaché für politische und wirtschaftliche Angelegenheiten». Mit ihm traf sich Adnan K. nun ein- bis zweimal wöchentlich in einem Pub in der Nähe des Zürcher Rennwegs. Wichtig für den MIT war es, dass das schummrige Lokal nicht von anderen Türken oder Kurden frequentiert wurde. Adnan K. erhielt jeweils Erfolgshonorare, in der Regel ein paar Hundert Franken pro Monat. Für die Barzahlungen musste er Quittungen unterschreiben. Darauf prangte der Briefkopf «Türkische Republik – Aussenministerium». Ali Dogan brachte ihm viele Tricks bei, zum Beispiel wie man unbemerkt Fotos mit dem Handy von Zielpersonen schiesst, indem man vorgibt, eine Kurznachricht in die Tastatur einzutippen. Dogan schärfte seinem Agenten immer wieder ein, möglichst keine Fragen zu stellen. Das Motto hiess: Einfach nur zuhören, sich das Gesagte merken und warten, bis die Zielpersonen von sich aus Informationen preisgeben. Ein guter Spion muss warten können.

Eine offizielle Liste der türkischen Diplomaten in der Schweiz, darunter auch Ali Dogan, der Führungsoffizier von Adnan K.

Adnan K. hatte Geduld – und Erfolg. Mahir N. vertraute ihm und benutzte ihn als Kurier, um geheime Nachrichten in die Türkei zu bringen. Er erzählte ihm auch von Basen, welche seine Gruppe im kurdisch beherrschten Nordirak unterhalte. Später schickte Ali Dogan seinen Agenten zu anderen linksgerichteten Gruppierungen. So spionierte Adnan K. in Zürich den Unia-Gewerkschaftssekretär Mehmet Akyol aus. Akyol verstarb vor zwei Jahren. Ausserdem gab Adnan K. Informationen über einen Journalisten weiter, der in Zürich für eine Zeitung arbeitete, die der kurdischen Arbeiterpartei (PKK) nahestand. Auch die PKK gilt fast überall in Europa als Terrororganisation, nur nicht in der Schweiz.

Ein geheimer Brief?

«Spione wie Adnan K. sind daran mitschuldig, dass Hunderte in der Schweiz lebende Türkischstämmige nicht mehr in die Türkei reisen können aus Angst, verhaftet zu werden», schimpft Mahir N., der vom MIT jahrelang ausgespähte Guerilla-Anführer. Wir sitzen in einem Café, zusammen mit einer Übersetzerin. «Aber nicht nur das», fährt der Kurdischstämmige fort, «dem MIT geht es auch darum, türkische Oppositionelle in der Schweiz zu diskreditieren, ihren Ruf in den Dreck zu ziehen, sie unglaubwürdig zu machen.» Tatsächlich führte die Agententätigkeit von Adnan K. nicht nur zu Verhaftungen in der Türkei, sondern auch zu Berichten in der regierungsnahen türkischen Presse über das Netzwerk der Linksguerilla. Mahir N. wurde als Alkoholiker mit psychischen Problemen dargestellt. «Ausserdem will der MIT einfach Angst in der türkischen Diaspora verbreiten, es ist eine Terrorstrategie», betont der inzwischen 53-Jährige. Mahir N. hat kurzgeschorene graue Haare und ein scharfgeschnittenes Gesicht. Bevor er Anfang der Neunzigerjahre in die Schweiz geflüchtet sei, habe er elf Jahre in türkischen Gefängnissen verbracht, erzählt er mit leiser Stimme.

Ende 2011 habe ihn Mahir N. mit einem geheimen Brief im Gepäck nach Istanbul geschickt, erinnert sich Adnan K. In dem Schreiben sei es auch um die Lieferung von Kriegsmaterial gegangen, Sprengstoff und Funkgeräte. «In Istanbul konnte ich den Brief wartenden Mitarbeitern des MIT übergeben. Sie öffneten ihn vorsichtig und kopierten den Inhalt, bevor sie mir den wieder verschlossenen Umschlag zurückgaben.» Doch dann ging etwas schief. Die Polizei war offenbar nicht informiert worden und verhaftete Adnan K. wegen Verdachts auf Zugehörigkeit zu einer Terrorgruppe. Das Missverständnis wurde zwar rasch aufgeklärt, trotzdem war die Tarnung von Adnan K. aufgeflogen. Sein Name und Foto tauchten in türkischen und kurdischen Medienberichten auf. Nach der Rückkehr aus Istanbul traf er seinen Führungsoffizier Ali Dogan zum letzten Mal. Er erhielt 5000 Franken Abfindung. Danach setzte sich Ali Dogan in die Türkei ab. Die Karriere des MIT-Spions Adnan K. war zu Ende.

K.o.-Tropfen für Gülen-Anhänger

Mahir N. bestreitet allerdings vehement, dass er dem Agenten jemals einen Brief mitgegeben habe oder dass er irgendwelche Anschläge geplant habe. «Dass dieser Brief eine Erfindung war, wurde vor einem türkischen Gericht klar. Der MIT gab dort zu, dass Adnan K. sein Spion war. Die Angeklagten und das Gericht wollten diesen Brief sehen, doch der MIT erklärte, dass es so ein Schreiben gar nicht gebe. Das war der Beweis, dass das Ganze nur ein Komplott gegen mich war.» Und dann fügt Mahir N. hinzu: «Ich bin Revolutionär und Sozialist. Ich bin für den revolutionären Kampf. Gegen das faschistische Regime zu kämpfen ist eine humanitäre Haltung.»

Die Geschichte ist zwar schon einige Jahre alt, doch zeigt sie gut, wie der türkische Geheimdienst in der Schweiz operiert. Auch bei der im letzten März von dieser Zeitung aufgedeckten MIT-Operation in der Region Zürich wurde ein Agent rekrutiert, der schon länger mit der im Fokus des MIT stehenden Zielperson bekannt war. Mit Geldzahlungen sollte der Angeworbene dazu gebracht werden, einem Anhänger des türkischen Predigers Fethullah Gülen K.-o.-Tropfen in ein Getränk zu träufeln, damit dieser nachher vom MIT entführt werden konnte. Nicht zuletzt dank der Observierung der türkischen Agenten durch den Nachrichtendienst des Bundes (NDB) wurde der Kidnappingversuch aber vereitelt.

* Name geändert

Dieser Artikel erschien am 6. Januar 2019 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 08.01.2019, 11:59 Uhr

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