«Jede fünfte Warnung ist falsch»

Für Peter Binder, Direktor von Meteo Schweiz, waren die Unwetter der vergangenen Wochen nicht alle vorhersehbar.

«Jeder Anbieter legt den Schwellenwert für Warnungen etwas anders fest», sagt Peter Binder. Foto: Thomas Egli

«Jeder Anbieter legt den Schwellenwert für Warnungen etwas anders fest», sagt Peter Binder. Foto: Thomas Egli

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Sturzfluten in Süddeutschland, starke ­Gewitter in der Schweiz, Rutschungen und Murgänge. Die Meteorologen haben anstrengende Wochen hinter sich. Viele ­Ereignisse waren überraschend. Hat die Natur die Grenzen der Meteorologie aufgezeigt?
Solche teilweise unvorhersehbaren Ereignisse wird es immer wieder geben. Je kleinräumiger die Ge­witterereignisse auftreten, desto grösser wird die Fehlerquote bei den Warnungen. Liegt ein gross­flächiger Stauniederschlag vor, so ist die Vorhersage bedeutend zuverlässiger.

Wie hoch ist die Fehlerquote?
Nur etwa jede fünfte Warnung ist falsch. Das ist doch schon eine beachtliche Quote.

Für Krisenstäbe ist das vermutlich immer noch zu hoch. Wo liegt das Problem?
Sobald eine Gewitterzelle entdeckt wird, kann man sie in den Computermodellen weiterentwickeln. Die Schwierigkeit ist jedoch, die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, wo sich ein Gewitter exakt entladen wird. Die letzten Tage ergaben einen guten Anschauungsunterricht. Die Radarbilder zeigten eine Menge Schauer und Gewitter. Das sah man auf den gesprenkelten Bildern. Daraus wurde deutlich, dass man nicht auf viele Stunden hinaus vorhersagen konnte, ob zum Beispiel Wildhaus im Toggenburg getroffen wird. Der Schauer kann am Ort vorbeigehen oder ihn genau treffen.

Wie lassen sich die Warnungen verbessern?
Hier steckt man in einem Dilemma. Auf der einen Seite will man kein Ereignis verpassen, andererseits sollte man auch nicht zu oft warnen. Wir wollen nicht die Einsatzkräfte auf die Piste schicken –und es passiert dann nichts. Möglichst wenige Fehlalarme auszulösen, birgt aber das Risiko, dass man dann mal einen Fall verpasst. Es liegt wie gesagt in der Natur der Sache, dass man nie eine hundertprozentige Trefferquote erreichen wird. Die Modelle werden auch in Zukunft trotz Supercomputer immer eine Unsicherheit aufweisen. Welches Unsicherheitsrisiko man bei den Warnungen eingehen will, hängt auch davon ab, wie viel Schaden und Kosten die Behörden und unsere Kunden verhindern wollen.

Genügt den Behörden eine 80-prozentige Treffsicherheit?
Sie sind bisher bei den regelmässigen Befragungen sogar sehr zufrieden mit unseren Warnungen.

Peter Binder
Direktor Meteo Schweiz

Der 58-jährige Atmosphärenphysiker ist seit 2013 Direktor des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie. Er studierte Mathematik und Physik an der ETH Zürich.

Seit kurzem hat Meteo Schweiz Zugriff auf Daten von ihrem hochauflösenden ­Modell, das auf einem Computer des nationalen ­Hochleistungs-Rechenzentrums CSCS in ­Lugano läuft. Dürfen wir nun mit besseren Prognosen rechnen?
Mit diesem Modell sind wir weltweit top. Für die wichtigen Wetterfaktoren wie Wind, Temperatur und Feuchtigkeit wird die Genauigkeit nachweisbar besser werden. Je genauer wir die Landschaft mit Tälern und Bergen abbilden können, desto besser kann der Computer berechnen, was sich in der Atmosphäre abspielt. Das neue Modell Cosmo-1 bildet die Landschaft in einer Auflösung von einem Kilometer ab. Es wird aber Monate und Jahre dauern, bis wir den vollen Nutzen daraus ziehen können.

Was wäre denn der volle Nutzen?
Wir müssen erst lernen, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen und die Daten richtig zu interpretieren. Es ist das erste Mal, dass wir mit einem solchen hochauflösenden Modell auch sogenannte Ensemble-Analysen machen. Das heisst: Wir können die Zuverlässigkeit der Vorhersage abschätzen, indem wir das Modell mehrmals rechnen lassen. Die Durchläufe starten jeweils mit leicht veränderten meteorologischen Anfangsbedingungen und zeigen deshalb unterschiedliche Wetterentwicklungen. So sieht der Prognostiker, wann die Vorhersagen stark variieren oder eher übereinstimmen. Daraus kann er herauslesen, wie gut die Wetterentwicklung ­vorhersehbar ist.

Also werden in Zukunft auch lokale ­Extremereignisse besser prognostizierbar?
Da müssen wir uns keine Illusionen machen. Auch mit Cosmo-1 sind lokale Gewitterzellen nicht schon einen Tag im Voraus erkennbar. Es ist nach wie vor eine Herausforderung, die Regenmenge zu bestimmen, die tatsächlich niedergeht, und die Wassersättigung des Bodens lokal einzuordnen. So sind eben auch die Abflussmengen kleiner und mittelgrosser Bäche nicht gut abschätzbar. Das wird auch in Zukunft so sein. Zudem ist es ein unberechenbares System, weil Geschiebe und Baumstämme plötzlich den Abfluss verstopfen können.

Die Wetter-App von Meteo Schweiz und auch jene der anderen, privaten Anbieter gaukeln also mit den ortsgenauen Warnprognosen eine falsche Genauigkeit vor.
Die Gefahr besteht. Die Punktprognosen schüren tatsächlich übertriebene Erwartungen. Die Unschärfe muss in jedem Fall dargestellt werden. Wir machen das bei den Temperaturkurven auf unserer App mit einem farbigen Band, das die Zuverlässigkeit mit der Breite angibt. Das bedeutet aber nicht, dass wir unfähig sind, eine bessere Prognose zu erstellen. Das chaotische System der Atmosphäre lässt einfach keine bessere zu. Wer die Wetter-App liest, muss verstehen, dass wir nicht bei jeder Wetterlage über drei Tage hinaus eine zuverlässige Prognose machen können. Deshalb rate ich: Wer sich für Regenprognosen interessiert, der soll nicht nur das Regendiagramm für seinen Ort anschauen, sondern auch das Radarbild und die entsprechende Modellsimulation. Grundsätzlich ist es immer noch eine Schwäche, dass wir keine verlässlichen Wahrscheinlichkeitsangaben zu den Prognosen machen können. Das wird sich mit dem neuen Computermodell hoffentlich ändern.

«Prognosen auf Monate hinaus funktionieren in Europa nicht gut.»

Welches sind denn in Bezug auf Genauigkeit die heiklen Wetterlagen?
Neben den bereits erwähnten Gewittern gibt es auch bei Nebel- und Hochnebellagen Schwierigkeiten. Auch das sind Situationen, die für Betroffene einen grossen Unterschied machen: Löst sich der Hochnebel auf, scheint die Sonne; bleibt er, so ist es düster.

In der Schweiz haben wir sieben private Wetterdienst-Anbieter und den Bundesbetrieb Meteo Schweiz. Ein Blick auf die Warnkarten in den letzten Tagen zeigt ein total ­uneinheitliches Bild. Wie ist das möglich?
Es gibt leider für die Warnungen keinen Standard, jeder Anbieter legt die Regioneneinteilung und den Schwellenwert für Warnungen etwas anders fest. Zudem ist die grafische Darstellung auch noch unterschiedlich. Das ist verwirrend für den Benutzer. Es gab einen politischen Vorstoss im Parlament zu dieser Frage. Wir haben das Gespräch mit den privaten Anbietern aufgenommen, um eine Harmonisierung anzustreben. So gibt es eine Alarmierungsvorschrift vom Bund, die fünf Warnstufen vorgibt. Private Anbieter haben teilweise nur vier. Wichtig ist, dass es eine offizielle Stimme gibt, und das ist Meteo Schweiz. Bund, Kanton, Krisenstäbe orientieren sich an den Vorhersagen und Warnungen.

Ist nicht auch die Datengrundlage für die unterschiedlichen Vorhersagen massgebend?
Die Grundlagen unterscheiden sich schon. Das beginnt bei der Fülle der Daten, die vom internationalen Beobachtungsnetz stammen. Dazu gehören unter anderem Radiosonden, Satellitendaten, Radardaten. Meteo Schweiz hat zudem 250 automatische Boden-Messstationen. Aber auch verschiedene Vorhersagemodelle werden benutzt. Zudem gibt es Informationen, die frei auf dem Internet verfügbar sind. Beliebt ist das amerikanische Wettermodell. Bei der Interpretation der Daten besteht natürlich immer ein Spielraum. Trotzdem gibt es offensichtlich einen Markt für die sieben privaten Anbieter. Das heisst, die Kunden sind zufrieden. Das ist gut so.

Meteo Schweiz hat sich früher stets gegen die Kritik von Jörg Kachelmann gewehrt, das Messnetz sei zu klein und es sei ein Fehler, so stark auf Computermodelle zu setzen. Nun bezieht Meteo Schweiz seit drei Jahren lokale Daten von Meteo Group, der ehemaligen Firma Kachelmanns, die früher Meteomedia hiess. Sind Sie einsichtig geworden?
Wir haben unser eigenes Netz ergänzt mit Stationen, die von Meteo Group gebaut wurden und betrieben werden, weil es kostengünstiger war, als die Stationen selbst zu errichten. Aber was heisst einsichtiger? Wir werden nie ein flächendeckendes Netz von Boden-Messstationen aufbauen können, Lücken wird es immer geben. Nehmen wir das Beispiel Niederschlag. Es ist gescheit, die Messinformationen am Boden mit den flächendeckenden Radardaten der fünf Radaranlagen zu kombinieren. Bringt man die Messungen ins Computermodell ein, so entsteht eine physikalisch plausible Modellatmosphäre. Das Wetter findet im Grunde zuerst im Computer statt. Die Kunst ist, diese Informationsarten gut zu kombinieren.

Das macht der Computer. Und wo bleibt letztlich der Mensch?Er muss die Daten, die der Computer ausspuckt, richtig deuten und je nach Bedürfnis unserer Kunden aufbereiten.

Das Berufsbild des Meteorologen wird sich künftig ziemlich verändern. Der Mensch bleibt aber als Experte wichtig.

Könnte das in Zukunft nicht auch der ­Computer übernehmen?
Mit dem Fortschritt der künstlichen Intelligenz wird der Computer sicher auch hier weitere Fortschritte machen. Das Berufsbild des Meteorologen wird sich künftig vermutlich ziemlich verändern. Der Mensch bleibt aber als Experte wichtig.

Was dürfen wir von den künftigen ­Wetterprognosen erwarten?
Die Qualität der Vorhersage für den Tag 5 ist heute genau gleich gut wie vor dreissig Jahren für den Tag 2, also morgen. Das ist beachtlich. Es wird nun aber immer schwieriger, sich weiter zu verbessern. Bedeutsamer wird jedoch künftig die Bestimmung der Unsicherheit sein, damit wir schon früh das Risiko für Extremereignisse, sei es Regen oder Hitze, besser einschätzen können und Entscheidungen für Massnahmen einfacher werden. Das ist umso wichtiger, weil mit dem Klimawandel die extremen Ereignisse mit grosser Wahrscheinlichkeit langfristig extremer und häufiger werden.

Können wir uns auch auf 2-Wochen-Prognosen freuen?
Es gibt ja bereits Apps, die solche Prognosen anbieten. Aber da wird nun wirklich eine unrealistische Genauigkeit vorgetäuscht. Relative Aussagen sind eher möglich. Also keine Prognose zu Tagesentwicklungen, sondern Vergleiche. Zum Beispiel: In drei Wochen wird es wärmer sein als im langjährigen Durchschnitt.

Dann können Sie mir also auch nicht sagen, wie der Sommer wird?
Leider nein. Die Vorhersagbarkeit ist tief. Die Daten für die saisonalen Vorhersagen kommen aus einem globalen Modell des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage. Leider gehört Europa zu jenen Weltregionen, bei denen eine zuverlässige Prognose auf Monate hinaus nicht gut funktioniert.

Gäbe es schnellere Fortschritte in der ­Prognostik, wenn die wertvollen Wetterdaten von Meteo Schweiz öffentlich und kostenlos zugänglich wären?
Wenn die Daten frei verfügbar sind, werden sie mehr verwendet und fördern Innovationen. In Europa besteht die Tendenz, solche Daten kostenlos zur Verfügung zu stellen. In der Schweiz muss das Parlament erst darüber befinden, ob in Zukunft die Daten freigestellt werden sollen.

Eine Freigabe hatte doch das Parlament ­bereits verlangt. Warum wird das nun wieder infrage gestellt?
Wir hatten dafür tatsächlich eine Gesetzesrevision vorbereitet. Aber nun muss der Bund sparen. Die Entscheidung wird im Herbst im Parlament fallen. Wenn wir unsere Daten gratis zur Verfügung stellen, muss der Bund mit einer Einnahmeeinbusse von rund 4 Millionen Franken pro Jahr rechnen.

Erstellt: 11.06.2016, 00:20 Uhr

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