Jeder Dreissigste bezieht Sozialhilfe

Über 260'000 Personen mussten im vergangenen Jahr finanziell unterstützt werden. Die Zahl der Langzeitbezüger steigt.

In den Kantonen blieben die Sozialhilfequoten im Vergleich zu den Vorjahren grösstenteils unverändert: Ein Caritas-Markt samt Secondhand-Laden. (Archiv)

In den Kantonen blieben die Sozialhilfequoten im Vergleich zu den Vorjahren grösstenteils unverändert: Ein Caritas-Markt samt Secondhand-Laden. (Archiv) Bild: Digitalzh

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Die Zahl der Sozialhilfefälle in der Schweiz nimmt stetig zu - und die Empfänger bleiben immer länger abhängig von finanzieller Unterstützung. Dieser Trend hat sich im vergangenen Jahr zum wiederholten Male bestätigt.

Mehr als jeder vierte Sozialfall (27,5 Prozent) bezog 2014 seit mindestens vier Jahren finanzielle Unterstützungsleistungen. Im Jahr 2009 waren es noch 25,8 Prozent. «Dies deutet darauf hin, dass in der Sozialhilfe vermehrt Langzeitbezüger vorzufinden sind», schrieb das Bundesamt für Statistik (BFS) am Montag zu den neusten Zahlen.

Viele weniger als 23 Monate

Dieser Trend ist nicht neu, hat sich im vergangenen Jahr aber fortgesetzt. Die mittlere Bezugsdauer ist seit dem Jahr 2008 um 4 Monate auf 23 Monate gestiegen. Die Hälfte aller laufenden Sozialhilfefälle dauerte also 23 Monate oder mehr, während die andere Hälfte während weniger als 23 Monaten Sozialhilfe bezog.

Alleinerziehende, Geschiedene und ältere Sozialhilfebezüger sind häufiger über längere Zeit von finanzieller Unterstützung abhängig. Demgegenüber sind nicht allein lebende Einzelpersonen, Ledige und Sozialhilfebezüger unter 45 Jahren relativ oft nur maximal ein Jahr auf Sozialhilfegelder angewiesen.

Vorwiegend städtisches Problem

Zum sechsten Mal in Folge nahm im Jahr 2014 auch die absolute Zahl der unterstützungsbedürftigen Personen zu, um 2,7 Prozent auf 261'983 Personen. Fast jeder Dreissigste (3,2 Prozent) wurde im vergangenen Jahr mindestens einmal mit einer Sozialhilfeleistung unterstützt.

Der Anteil der Sozialhilfefälle an der Schweizer Wohnbevölkerung blieb mit 3,2 Prozent unverändert. Über die vergangenen zehn Jahre hinweg zeigt sich laut BFS ein U-förmiger Verlauf der Sozialhilfequote: Während diese im Jahr 2005 auch bei 3,2 Prozent gelegen hatte, sank sie bis 2008 auf unter 3 Prozent, um bis heute auf wieder 3,2 Prozent anzusteigen.

Quote stabil

Die Situation in den Regionen ist sehr unterschiedlich, wie die Statistik weiter ausweist. Kantone mit städtischen Zentren weisen weiterhin überdurchschnittliche Quoten aus (NE, BS, GE, VD, BE). Unterdurchschnittliche Werte verzeichnen demgegenüber eher ländlich geprägte Kantone (AI, NW, OW, UR, GR, SZ).

Insgesamt war die Sozialhilfequote 2014 in elf Kantonen stabil, in weiteren elf Kantonen stiegen diese leicht an. In Neuenburg, Basel-Stadt, Waadt und Appenzell Innerrhoden nahm der Anteil der Sozialhilfebezüger an der gesamten Wohnbevölkerung hingegen ab.

Stabile Entwicklung bei Ausländern

Nicht verändert in all den Jahren haben sich die Risikogruppen. Weiterhin sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, Geschiedene sowie Ausländer und Ausländerinnen am häufigsten in der Sozialhilfe anzutreffen. Bei den Minderjährigen stieg die Quote im vergangenen Jahr auf 5,2 Prozent. Sie machen rund einen Drittel aller Sozialhilfebezüger aus.

Bei Personen ausländischer Nationalität nahm die Sozialhilfequote dagegen um 0,3 Prozentpunkte auf 6,3 Prozent ab. Betrachtet man die Entwicklung der Sozialhilfequoten von Schweizern und Ausländern über mehrere Jahre, ergibt sich ein ähnliches Verlaufsmuster. Die Zunahme der Sozialhilfequote lässt sich also nicht mit der vermehrten Zuwanderung erklären.

Auffällig ist auch, dass die Zahl der älteren Sozialhilfebezügern schneller zunimmt als diejenige der anderen Altersgruppen. Das BFS erklärt sich dies mit der Erwerbssituation: Personen ab 46 Jahren seien häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als Jüngere. Zudem sei es für Ältere schwieriger, sich wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Sozialhilfeausgaben unter Druck

Untermauert wird dies durch neuste Zahlen von Caritas Schweiz. Demnach sind Personen über 45 Jahren überdurchschnittlich oft von Aussteuerung betroffen. Viele würden nach der Streichung des Arbeitslosengeldes keine Arbeit mehr finden und seien auf Sozialhilfe angewiesen, heisst es in der Begründung.

Caritas schreibt weiter von «einem kontinuierlichen Leistungsabbau in der Sozialhilfe». Dieser dürfte sich fortsetzen, weil die Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK) gemeinsam mit Vertretern der Gemeinde und Städte sowie der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) kürzlich verschiedene Kürzungen in der Sozialhilfe beschlossen hat.

Grossfamilien und junge Erwachsene unter 25 Jahren, die Sozialhilfe beziehen, müssen künftig mit Leistungskürzungen rechnen. Zudem werden die Sanktionsmöglichkeiten gegenüber unkooperativen Bezügern verschärft. (dia/sda)

Erstellt: 21.12.2015, 11:30 Uhr

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