Jeder dritte Campingplatz steht in einem Gefahrengebiet

Über 100 Schweizer Zeltplätze liegen in einem Hochwassergebiet der höchsten Risikostufe. Aber kaum ein Betreiber warnt seine Gäste.

Im Val d'Anniviers hatten die Camper gerade nochmal Glück: 2018 strömte eine Geröll- und Schlammlawine knapp am Zeltplatz vorbei. Foto: Sarah Zufferey

Im Val d'Anniviers hatten die Camper gerade nochmal Glück: 2018 strömte eine Geröll- und Schlammlawine knapp am Zeltplatz vorbei. Foto: Sarah Zufferey

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Es ist ihr kleines Paradies. Für viele der Dauercamper auf dem Atzmännig unweit der Grenze zum Kanton Zürich sind die Wohnwagen mit Anbauten aus Holz zu einem zweiten Zuhause geworden. Was die meisten nicht wissen: Ihr Paradies kann sich rasend schnell in eine Wasserhölle verwandeln.

Der untere Teil des Campingplatzes steht in einem Gefahrengebiet für Hochwasser der höchsten Stufe. Gemäss dem Bundesamt für Umwelt sind Personen, die sich hier aufhalten, «gefährdet». Sogar festen Gebäuden drohe bei einem extremen Ereignis die «plötzliche Zerstörung». Fragile Zelte bieten hier erst recht keinen Schutz.

Steht ein Campingplatz in einem Gefahrengebiet an einem See oder einem grossen Fluss in der Ebene, kann man sich auch bei einem starken Hochwasser in Sicherheit bringen. Doch in steilem Gelände – wie am Atzmännig – wird es schnell gefährlich. Wie ­gefährlich, zeigt der Vorfall vom 2. Juli 2018 beim Campingplatz Du Pont im Val d’Anniviers im Kanton Wallis. Hier stehen vor ­allem kleine Blockhütten.

Es geschah innerhalb einer Stunde: Eine Schlammlawine strömt am Campingplatz Du Pont vorbei. Video: Sarah Zufferey

Es war 17.30 Uhr, und die Camper befanden sich gerade beim Apéro, als sich ein aussergewöhnlich starkes Gewitter über dem Tal entlud. Sofort bildete sich ein kilometerlanger Strom aus Geröll und Baumstämmen, der talwärts donnerte. Eine Sägerei wurde zerstört. Ein Fussballfeld verschwand unter der Schlammlawine. Die Brücke zum Camping wurde weggerissen, aber just vor den ersten Campingwagen kam die Wand zum Stehen.

Eine Evakuierung wäre nur schwer möglich

Raphaël Mayoraz, Chef der Sektion Naturgefahren des Kantons Wallis, sagt: «Wir können froh sein, dass es keine Opfer gab. ­Alles hat sich in einer Stunde ereignet.» Im Ausland kam es in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu Hochwasserkatastrophen auf Campingplätzen, teilweise mit Dutzenden Toten.

Der Campingplatz im Val d’Anniviers steht nur am Rande eines Gefahrengebietes der höchsten Stufe, Teile desjenigen auf dem Atzmännig hingegen mittendrin. Der Campingplatz liegt in einem ausgetrockneten Seelein – also einige Meter tiefer als die Umgebung, wo die übrigen Anlagen der Sportbahnen stehen. Experten kalkulieren mit Hochwassern, die alle 30, 100 oder 300 Jahre auftreten. Das Problem ist hier eine schmale Betonröhre, durch die der Gol­dingerbach das Areal verlässt. Wie die Abteilung für Naturgefahren des Kantons St. Gallen mitteilt, ist die Kapazität des Durchlasses ungenügend.

So könnte auf dem Atzmännig bereits ein Hochwasser, wie es alle 30 Jahre vorkommen kann, zu Überflutungen von bis zu 1,5 Meter Höhe führen, schreibt der Kanton St. Gallen. Alle 300 Jahre sei gar mit 3 bis 4 Metern zu rechnen. Der Goldingerbach entspringt ­wenige Kilometer entfernt. Wegen der kurzen Vorwarnzeiten sei eine Evakuation nur sehr schwer möglich, so der Kanton.

Zu kleiner Abfluss: Bei Starkregen würde ein Teil des Atzmänning-Platzes überschwemmt. Video: Luca De Carli

Atzmännig und du Pont sind bei weitem nicht die einzigen ­Campingplätze in der Schweiz, die im höchsten Gefahrengebiet für Hochwasser liegen. Sage und schreibe ein Drittel der 444 Plätze, die das Bundesamt für Landestopografie erfasst hat, befinden sich ganz, teilweise an den oder am Rand der für die Besucher gefährlichsten Hochwasserbereiche. Weitere 30 Plätze sind stark durch Lawinen gefährdet. Nicht alle von ihnen verzichten auf Winterbetrieb. Betroffen sind alle Landesteile.

Das ist das Ergebnis einer Auswertung der ersten nationalen ­Gefahrenkarte, die ein Team von Daten- und Recherchespezialisten der Tamedia-Redaktion erstellt hat. Sie beruht auf allen 26 kantonalen Gefahrenkarten und ist seit Samstag online. Auf der Karte sind jeweils drei verschiedene Bereiche eingezeichnet: gering, mittel und erheblich gefährdete Gebiete.

Campingplätze gelten als sogenannt sensible Nutzung. Was das in der Praxis bedeutet, erklärt ­Damian Stoffel, beim Kanton Bern zuständig für den Hochwasserschutz in der Region Oberland: «Im Kanton Bern können Sie davon ausgehen, dass es heute nicht mehr möglich ist, im höchsten ­Gefahrenbereich einen neuen Campingplatz zu eröffnen.» Denkbar sei für ihn höchstens ein Spazierweg oder ein Spielfeld, auf dem sich die Gäste bei Tageslicht nur kurze Zeit aufhalten. «Neue ­Campingplätze in der höchsten Gefahrenzone für den Aufenthalt in einem geschlossenen Zelt oder einem geschlossenen Wohnwagen mehrere Stunden über Nacht sind aber undenkbar», sagt Stoffel. Zuständig für die Bewilligung von Campingplätzen sind die Standortgemeinden.

Dass die Regeln für neue Campingplätze nicht überall gleich strikt angewendet werden, zeigt ein Fall aus dem Kanton Grau­bünden: In der Gemeinde Tujetsch wurde 2012 nur wenige Kilo­meter von der Quelle des Vorderrheins ein Naturcampingplatz eröffnet. Die offizielle Campingzone mit dem Betriebsgebäude und den bewilligten Standplätzen für Wohnwagen liegt zwar knapp ausserhalb des Gefahrenbereichs. Das gilt aber nicht für die Wiese, die sich bis zum Ufer erstreckt. Fotos auf der Website von Graubünden Tourismus zeigen, dass direkt am Fluss gezeltet wird. Der Platz wird sogar mit dieser Möglichkeit beworben.

Adrian Deragisch, Chef des Sicherungsdienstes der Gemeinde, bestätigt: «Von der Wiese im unteren Bereich am Rhein mussten wir im Sommer schon mehrmals zeltende Camper evakuieren.» Die Gemeinde ist bezüglich Naturgefahren eine der exponiertesten der Schweiz und neben Hochwassern auch durch Lawinen bedroht. Deragisch und sein Team überwachen Tujetsch ständig. So habe man immer rechtzeitig reagieren können.

Auf den Websites steht nichts von der Gefahr

Das Hauptproblem liegt aber darin, dass die Gäste der Hochrisiko-Campingplätze in der Regel völlig ahnungslos sind. Eine ältere Camperin, die seit über 30 Jahren auf den Atzmännig kommt, reagiert überrascht, nachdem sie einen Ausdruck der Gefahrenkarte des Kantons St. Gallen angeschaut hat. Sie höre zum ersten Mal davon. «Müssen wir jetzt hier weg?», fragt sie. Ihr Wohnwagen steht wenige ­Meter neben der zu schmalen ­Abflussbetonröhre.

Die Gefahr vor Ort ist seit mindestens zwölf Jahren bekannt. Doch Roger Meier, Direktor der Sportbahnen Atzmännig, denen der Campingplatz gehört, sagt bei einer ersten Anfrage, sein Campingplatz sei sicher. Es bestehe keine Hochwassergefahr. Seit über 200 Jahren sei nie etwas passiert.

Die grössten Unglücke auf Campingplätzen

Mit Informationen zur Gefahrensituation halten sich auch andere Betreiber zurück: Auf den Websites vieler Zeltplätze in Hochrisikogebieten findet sich kein einziger Hinweis. Damit konfrontiert, sagt Walter Bieri vom Vorstand des Schweizerischen Campingverbandes: «Wir müssen dieses Problem jetzt genauer anschauen.»

Die Frage bleibt, wieso bis heute überhaupt noch an so vielen Orten der Schweiz Campingplätze in Gefahrengebieten betrieben werden. Fragt man in den betroffenen Gemeinden nach, lautet die häufigste Begründung: Es existiere doch ein Sicherheitskonzept. Oder grossräumige Schutzbauten seien bereits geplant. Vielerorts verzögern sich diese aber um Jahre.

Roberto Loat, Spezialist für Prävention von Naturgefahren beim Bundesamt für Umwelt, sagt, es sei vor allem wichtig, dass auf den Campingplätzen in Gefahrengebieten ein Notfallkonzept vorhanden sei und dass es zum Beispiel Sammelplätze für den Notfall gebe. Das gehöre zwingend zu einem Schutzkonzept. Beim Besuch auf sechs betroffenen Campingplätzen war nirgends ein solches Konzept ausgehängt.

Der Campingplatz müsste verlegt werden

Auf dem Atzmännig könne das seit 2007 vorhandene Schutzkonzept aus Sicht des Kantons St. Gallen «höchstens eine Übergangslösung sein». Eigentlich müsse der Durchlass durch eine Brücke ersetzt oder der Campingplatz verlegt werden, teilt die Abteilung für Naturgefahren mit. So wie das in den vergangenen Jahren bei Plätzen in mehreren Kantonen geschehen ist. «Wir wollen beim Campingplatz Atzmännig das Risiko senken», sagt Thomas Elser, Schreiber der zuständigen Gemeinde Eschenbach. «Ein Massnahmenkonzept wurde ausgearbeitet und steht kurz vor der definitiven Genehmigung.» Worum es sich handelt, darf er ­jedoch nicht sagen.

Nach der Konfrontation mit diesen Aussagen muss der Chef der Betriebsgesellschaft zugeben, dass er bislang weder von der Gefahrensituation noch vom Schutzkonzept gewusst habe. Er sei erst seit 2013 im Amt, sagt Roger Meier. Er habe es versäumt, nach einem Konzept zu fragen, und sei vom damaligen Sicherheitsbeauftragten auch nicht darüber informiert worden.

Mitarbeit: Oliver Zihlmann

Erstellt: 01.06.2019, 22:39 Uhr

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