Wie es zu Röstis Abgang kam und wer nun übernehmen könnte

In den letzten Tagen ging es SVP-Präsident ­Albert Rösti nicht gut. Nun richtet sich der Blick auf mögliche Nachfolger – da sticht einer heraus.

Albert Rösti geht: Der Parteileitungsausschuss wünscht sich für die SVP einen Präsidenten, der in den Kantonen präsenter ist. Foto: Jean-Paul Guinnard

Albert Rösti geht: Der Parteileitungsausschuss wünscht sich für die SVP einen Präsidenten, der in den Kantonen präsenter ist. Foto: Jean-Paul Guinnard

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Parteikollegen, die mit Albert Rösti in den letzten Tagen ins Gespräch vertieft waren, merkten, dass ihn etwas beschäftigte. Oder gar belastete. Nach dem Wahlsonntag im Oktober, als die SVP Schweiz 3,8 Prozent Wähleranteil verloren hatte, deutete nichts darauf hin, dass Rösti zurücktreten müsste. Die oft gestellte Journalistenfrage, ob er noch der Richtige sei, wimmelte Parteistratege Christoph Blocher ab. Rösti treffe keine Schuld, er habe einen guten Job gemacht. Die grüne Welle sei der Grund für die Niederlage, die Medien hätten einseitig berichtet.

Doch nun hat der Wind gedreht. Als die zweiten Ständerats­wahlgänge und auch die Bundesratswahlen vorüber waren, traf sich der Parteileitungsausschuss der SVP, das eigentliche Hirn der Partei. Hier wird das Geld für Kampagnen gesprochen, das Personal ausgewählt. Und man sprach Klartext. Der Parteipräsident müsse in den Kantonen präsenter sein, hiess es. Er müsse die Sektionen enger führen.

Da wurde Rösti klar, dass nicht er die Zukunft der SVP gestalten wird, sondern jemand anderes. Er entschied sich zum Rückzug, verbunden mit der Botschaft: für Gottes Lohn diese Riesenarbeit machen und am Ende noch kritisiert werden – nein danke. So kann sein Rücktrittsinterview mit dem «SonntagsBlick» auch verstanden werden.

Rösti denkt auch an seine Pension

Der Parteileitungsausschuss werde sich der Lohnfrage nochmals annehmen, sagt Magdalena Martullo-Blocher im Gespräch mit dieser Zeitung. Grundsätzlich ist politisches Engagement nach SVP-Art unentgeltlich. Doch im Hinblick auf die wohl nicht ganz einfache Suche nach einem geeigneten Präsidenten werde man auf diese Frage zurückkommen.

Heute kann sich das Amt nur leisten, wer genug gespart hat und beruflich für einige Jahre aussetzen kann. Oder wer weiss, dass er nach dem Rücktritt beruflich weitermachen kann, wo er aufgehört hat. Rösti machte klar, dass er auch an seine Pension denkt, wenn er nun wieder seine Arbeit als Berater aufnimmt: «Für mich stellte sich mit 52 Jahren auch die Frage nach meiner langfristigen beruflichen Zukunft.»

Heute kann sich das Amt nur leisten, wer genug gespart hat und beruflich für einige Jahre aussetzen kann.

Der Parteileitungsausschuss wird jetzt unter der Leitung von Vizepräsidentin Magdalena Martullo-Blocher mögliche Nachfolger für Albert Rösti suchen. In den nächsten Tagen werde man einen Zeitplan erstellen, sagt sie. Die Kantone sollen Vorschläge einreichen, gleichzeitig wird auch sie nach eigenen Präferenzen Personen angehen.

Martullo-Blocher, die erst vor eineinhalb Jahren in die Parteileitung aufgestiegen ist – sie ist dort auf ihren Vater Christoph Blocher gefolgt –, wird wohl nicht selber SVP-Präsidentin werden. Sie schliesst es zwar nicht endgültig aus. Doch als wahrscheinlicher sehen Beobachter, dass sie jemandem ins Amt hilft, der es nach ihren Vorstellungen ausübt. Wer das sein könnte, darüber gibt es am Tag eins nach Röstis Rücktrittsankündigung nur Vermutungen und Spekulationen.

Der 38-jährige Schwyzer Marcel Dettling ist seit vier Jahren im Nationalrat und hat sich vor allem in der Agrarpolitik profiliert. Mit seiner gewinnenden Art kommt der Bauer bei der Basis gut an. Gleichzeitig hat er sich in der SVP-Fraktion in kurzer Zeit einen gewissen Respekt verschafft. (br)

Ein Name, der unter SVP-Parlamentariern immer wieder fällt, ist Marcel Dettling. Der erst 38-jährige Bauer und Familienvater sitzt seit vier Jahren im Nationalrat und gilt als eine Art Toni Brunner der Innerschweiz: gesellig, charismatisch, geerdet. Er ist in seiner Partei beliebt. Und er ist im März 2018 in den Parteileitungsaussschuss geholt worden, zusammen mit der Baselbieterin Sandra Sollberger. Die Fraktion war bass erstaunt. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass die beiden Neulinge diesen Karriereschritt machen würden. Meinungsführer wie die Zürcher Nationalräte Roger Köppel und Gregor Rutz waren dafür übergangen worden. Magdalena Martullo-Blocher wollte gemäss Fraktionsmitgliedern keine allzu aufdringlichen Konkurrenten neben sich im höchsten Parteigremium. Ob Marcel Dettling und Sandra Sollberger bereit wären – sie antworteten am Sonntag nicht auf die Frage.

Die 46-jährige Baselbieterin ­Sandra Sollberger gehört als Malermeisterin zum Gewerbeflügel in der SVP. Sie wurde 2018 überraschend in den neunköpfigen Parteileitungsausschuss gewählt und hat gewisse Chancen auf das Parteipräsidium. Allerdings konnte sie sich in ihren bisher vier Jahren als Nationalrätin noch wenig profilieren. (br)

Ebenso wenig reagierte Esther Friedli. Sie ist erst diesen Herbst in den Nationalrat gewählt worden. Doch sie wird von bestimmenden Organen in der SVP offenbar gefördert. So erhielt sie auf Anhieb einen Platz in der begehrten Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK), während die amtsältere Thurgauer Nationalrätin Diana Gutjahr, die ebenfalls einen WAK-Sitz anstrebte, entgegen parteiinternen Gepflogenheiten übergangen wurde. Beobachter halten es aber für fraglich, ob Esther Friedli sich zur Verfügung stellt. Toni Brunner war bis im Frühling 2016 Präsident der SVP, und er gab das Amt nach acht Jahren auch wegen der zeitlichen Überlastung auf. Sein Bauernbetrieb, das Restaurant, das Privatleben. Alles kam zu kurz. Also dürfte sich seine Partnerin Esther Friedli nicht wenig später derselben Mehrfachbelastung aussetzen wollen.

Die frühere Generalsekretärin der St. Galler Bildungsdirektion Esther Friedli ist seit Dezember im Nationalrat. Die Politologin und Partnerin von Toni Brunner ist gut mit dem Berner Politbetrieb vertraut. Die gebürtige Bernerin könnte dank ihrer Französischkenntnisse auch in der Romandie punkten. (br)

Erst einer bekundet offen sein Interesse

Tatsächlich wartet auf den Neuen keine einfache Aufgabe. Es stehen diverse kantonale Wahlen an, der SVP drohen erneut Verluste. Hinzu kommen schwierige Abstimmungen auf eidgenössischer Ebene, allen voran die Begrenzungsinitiative, bei der die SVP ganz allein gegen alle anderen Parteien kämpft. Hätte Albert Rösti weitergemacht – ihm hätte am Ende definitiv ein Verliererimage angehaftet, das die Partei weiter in die Abwärtsspirale getrieben hätte.

Der Verleger und Chefredaktor der «Weltwoche» Roger Köppel ist ein scharfzüngiger Redner und Analytiker. Seine häufigen Absenzen im Nationalrat machen ihn aber nicht zum Favoriten für das Parteipräsidium. Zudem kommt seine provokative Art nicht überall an der Basis gut an.

Traut sich nun einer der meinungsstarken Exponenten wie Roger Köppel oder Thomas ­Aeschi? Aeschi ist Fraktionschef und als solcher breit akzeptiert, er gilt als Chrampfer. Doch er will nicht, wie er am Sonntag sogleich mitgeteilt hat. Ein erstes Nein muss allerdings nicht immer ein Nein bleiben. Was ebenfalls gegen Aeschi spricht: Die SVP hätte auch an der Fraktionsspitze wieder eine Vakanz, wenn er Präsident werden sollte. Und er hat, wenngleich Harvard-Absolvent und mehrsprachig, vielleicht nicht das Charisma, um die breite SVP-Wählerschaft zusammenzuhalten.

Die beiden Alphatiere ­vertragen sich schlecht

«Weltwoche»-Verleger Roger Köppel wiederum ist ein parteiinterner Kontrahent von Martullo-Blocher. Beide interessieren sich vorab für die Wirtschaftspolitik, beide sind Alphatiere. Das verträgt sich schlecht. ­Köppel würde an der SVP-Spitze kaum auf Martullo hören, deshalb wird sie ihn nicht portieren. Zudem dürfte Köppel kaum seine publizistische Plattform aufgeben, um als SVP-Präsident Fronarbeit zu leisten. Für eine Stellungnahme war er nicht erreichbar.

Einer immerhin hat am Sonntag gesagt, dass er SVP-Präsident werden will: Mike Egger, der 27-jährige Metzger aus dem St. Galler Rheintal, der Ende 2018 für Toni Brunner in den Nationalrat nachgerutscht ist und offenbar in dessen Fussstapfen treten möchte. Er wäre mit Abstand der jüngste und unerfahrenste Präsident, den die SVP je hatte.

Erstellt: 22.12.2019, 23:08 Uhr

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