«Jemandem zu sagen, er solle sich ficken, ist ziemlich schlimm»

Das Bundesverwaltungsgericht verbietet einer Firma, einen Namen mit «Fuck» als Marke zu schützen. Eine falsche Reaktion, meint Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Stark.

Sittenwidrig, anstössig? Fuck ist nicht gleich Fuck.

Sittenwidrig, anstössig? Fuck ist nicht gleich Fuck. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Frau Stark, das Bundesverwaltungsgericht findet das Wort «fuck» sittenwidrig und verbietet einer Firma, ihren Namen ins Markenregister einzutragen. Hat sich «fuck» nicht schon längst in unserem Sprachgebrauch etabliert?
Das hat es sich schon – aber eben nicht überall und nicht so stark, wie das gewisse Kreise annehmen. Als ich die Meldung über den Gerichtsentscheid gelesen habe, hab ich das Wort in unserem Schweizerischen SMS-Korpus gesucht. Siehe da: In den ca. 18’000 SMS-Nachrichten auf Deutsch und Schweizerdeutsch, die wir für ein Projekt untersucht haben, kommt nur 19-mal das Wort «fuck» vor. Dagegen wird 59-mal «Scheisse» geschrieben. Und das hat kulturelle Gründe.

Tatsächlich?
Ja. Schimpfwörter stammen in unserem Kulturkreis hauptsächlich aus zwei Bereichen: Während in romanischen Sprachen und dem Englischen eher sexuell konnotiert geflucht wird, stammen die meisten deutschen Schimpfwörter aus dem Ausscheidungsbereich. Wir sagen Scheisse. Das erklärt, warum «fuck» in unseren Breitengraden für viele Menschen ein sexuelles Tabuwort ist, das mit «ficken» übersetzt wird. Und jemandem zu sagen, er solle sich ficken, ist schon ziemlich schlimm.

Aber es bedeutet doch nicht das Gleiche wie das englische «fuck», das ein allgemeines Schimpfwort ist.
Ja, aber das wissen eben nicht alle. «Fuck» in diesem Sinne wird von Jugendlichen verwendet, von Journalisten, von mehrsprachigen Leuten. Das Wort stammt aus der Rapkultur, aus amerikanischen Filmen – mit entsprechendem Publikum. Meine Eltern würden so ein Wort nie verwenden. Und selbst ich müsste sehr wütend werden, bevor mir «fuck» über die Lippen rutscht.

In Deutschland und Liechtenstein konnten sich die Betreiber von Mindfuck ins Register eintragen lassen. Sind wir Schweizer besonders heikel?
Die Schweizer sind allgemein sprachsensibler, das stimmt. Es gibt in der Schweiz auch ein besonderes Bewusstsein für das Verhältnis von Dialekt und Hochsprache. In Deutschland spielt das eine viel kleinere Rolle.

Ist es denn überhaupt die Aufgabe eines Bundesverwaltungsgerichts, über die richtige Anwendung von Sprache zu urteilen?
Natürlich nicht! Wahrscheinlich hat man bei Gericht gedacht, nur weil jemand sprechen kann, ist er auch ein Experte für Sprache. Dabei gehen wir Linguisten oft vergessen. Wahrscheinlich hat das Gericht für seinen Entscheid auch keinen Linguisten beigezogen.

Wie hätten Sie denn entschieden?
Ich hätte das Wort nicht verboten. Geschmäcker sind unterschiedlich, unterschiedliche Menschen werden von unterschiedlichen Wörtern abgestossen. So etwas lässt sich nicht reglementieren.

Ist es nicht ein ehrenwerter Versuch des Gerichts, unsere Sprache von der Anglisierung zu retten?
Vielleicht ehrenwert, aber ganz sicher vergeblich. Dass das nicht funktioniert, zeigt der fruchtlose Abwehrkampf der Académie Française gegen alles Englische. Sprache gestaltet sich zwischen Sprachbenutzern. Die Menschen reden, sprechen und schreiben SMS, wie sie das wollen. Die Rechtschreibung lässt sich reglementieren, und man kann verbieten, dass ein Wort wie «Mindfuck» geschützt wird. Doch brauchen werden die Leute das Wort trotzdem. Sprache lässt sich glücklicherweise nicht reglementieren.

Sie haben in einer grossen Studie das SMS-Schreiben von jungen Menschen untersucht – wie lange geht es, bis sich ein neuer Begriff etabliert hat?
Viel schneller als früher. Im Mittelalter dauerte es sicherlich mehrere Jahrzehnte bis Jahrhunderte, heute mit dem Internet vielleicht noch ein paar Monate. Die Frage ist allerdings, wie lange sich die neuen Begriffe halten.

Welcher Trend ist eigentlich der stärkere: jener zum Englischen oder jener zur Mundart?
Das lässt sich nicht so allgemein sagen. In den von uns untersuchten SMS sind zwischen zwei und drei Prozent der Wörter Anglizismen. Es gibt die Anglisierung also, sie nimmt aber nicht unbedingt rasant zu. Bei der Mundart ist es so, dass die Menschen, seit sie sich elektronische Nachrichten schicken können, auf ihren Dialekt setzen. Wo kein Lehrer hinschaut, kann man schreiben, wie man will.

Und das macht die normale Sprache nicht kaputt?
Überhaupt nicht. Schweizer wissen ganz genau, dass sie eine SMS- oder eine Whatsapp-Nachricht nicht gleich formulieren können wie einen Aufsatz oder ein Bewerbungsschreiben. Geflucht wird da eher selten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.04.2017, 19:51 Uhr

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Elisabeth Stark ist Professorin für romanische Sprachen an der Universität Zürich. Sie hat eine grosse Untersuchung von SMS-Sprache geleitet und macht nun das Gleiche für Whatsapp-Nachrichten. Dabei untersuchen sie und ihr Team insgesamt 5,5 Millionen Wörter.

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