Jetzt behutsam weitergehen

Das Parlament darf bei der Vorlage «Ehe für alle» nichts überstürzen.

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Die Bevölkerung ist aufgeschlossen, was die Bedürfnisse von Homosexuellen und Transmenschen in ­diesem Land betrifft. Eine Mehrheit ist dafür, dass die Zivilehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet wird. Sie ist dafür, dass Lesben und Schwule das Kind ihrer Partnerin oder ihres Partners adoptieren dürfen. Und sie ist dafür, dass das Gesetz Homosexuelle und ­Transmenschen vor Diskriminierung schützen soll. Das zeigt eine Umfrage der Schwulenorganisation Pink Cross.

Neben dieser Zustimmung offenbart die Befragung aber noch etwas anderes: Bei der Gleichstellung von Hetero- und Homosexuellen unterscheidet die ­Bevölkerung zwei Arten. Die eine betrifft die Partnerschaft an sich. Mit der Öffnung der Ehe gesteht man Schwulen und Lesben eine rechtliche Verbindung zu, die hohen Symbolwert geniesst. Das hat selbst schon symbolischen Charakter. Die zweite Art betrifft das Familienleben mit Kindern. Hier sind die Vorbehalte grösser, die Zustimmung bereits geringer.

Das Risiko ist schlicht zu gross, dass wegen einer überfrachteten «Ehe für alle» die gesamte Vorlage an der bürgerlichen Mehrheit scheitert.

Dass etwa eine lesbische Frau das Kind ihrer Partnerin adoptieren darf, ist für einige gerade noch hinnehmbar: Schliesslich lebt dieses Kind schon mit den beiden Frauen in einem Haushalt. Also sollen sie auch rechtlich abgesichert sein. Will ein homosexuelles Paar aller­dings ein fremdes Kind adoptieren, wie das ver­heiratete Heterosexuelle dürfen, geht das den meisten zu weit. Die volle Adoption findet denn aktuell auch keine Mehrheit – ausser bei Anhängern linker Parteien und der gesellschaftsliberalen GLP.

Diese Diskrepanz muss das Parlament berücksichtigen, wenn es sich mit der Umsetzung der «Ehe für alle» befassen wird. Es macht Sinn, in einer ersten Etappe die Ehe zu öffnen. Und erst in einer nächsten Fragen wie jene nach der vollen Adoption zu klären. Auch wenn das für die Homosexuellen-Community auf den ersten Blick träge und mutlos erscheinen mag und nicht der wortwörtlichen Gleichberechtigung ­entspricht: Das Risiko ist schlicht zu gross, dass wegen einer überfrachteten «Ehe für alle» die gesamte Vorlage an der bürgerlichen Mehrheit scheitert. Lieber langsam vorwärtsgehen als einen Schritt zurück.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.10.2016, 21:30 Uhr

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