Journalisten, reisst euch zusammen!

Der Vorwurf, die Zürcher Familienheim-Genossenschaft bevorzuge gut verdienende Linke, ist aus der Luft gegriffen. Eine Replik.

Wohnungen und kleine Häuser, hauptsächlich für Familien: Die FGZ auf dem Friesenberg in Zürich. Foto: Urs Jaudas

Wohnungen und kleine Häuser, hauptsächlich für Familien: Die FGZ auf dem Friesenberg in Zürich. Foto: Urs Jaudas

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Es ist Wahlkampf. Die Bürgerlichen fahren der links-grünen Mehrheit im Stadtrat an den Karren. Die Stadt aber, die brummt und wächst. Weil es offenbar nur wenig Sachthemen gibt, die die Gemüter bewegen, hilft man etwas nach.

Das Rezept geht so: Man nehme ein beim Volk breit anerkanntes Anliegen, konstruiere mit herausgepickten Informationen eine falsche Geschichte und wiederhole sie stetig. Konkret schreibt die NZZ einen Artikel, der suggeriert, die Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) vermiete Wohnungen hauptsächlich an gut verdienende Linke, ein Politiker wiederholt das auf einem Wahlpodium, und ein SVP-Flugblatt wettert gegen die «linke Vetterliwirtschaft».

Am Ende glaubt das sogar ein Journalist des «Tages-Anzeigers» und sieht sich «mit einigem Befremden» genötigt, seine Meinung in Form eines «Politblogs» zu schreiben – mit dem Titel: «Genossen, reisst euch zusammen!» (Online: «Wohlfühloasen für linke Gutverdiener»). Wohlgemerkt ohne zu überprüfen, wie viel Wahrheit in der Geschichte steckt.

Kein Profit für einen Investor

Die FGZ betreibt tatsächlich eine Art Klientelpolitik. Wie der Name sagt, erstellt und vermietet sie bezahlbaren Wohnraum vorab für Familien. Wer selbst schon in Zürich mit Kindern auf Wohnungssuche war, weiss, dass das bitter nötig ist. Wohnbaugenossenschaften sind private Selbsthilfeorganisationen. Finanziert wird das gemeinsame Eigentum mit Anteilscheinen. In gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften wie der FGZ wird nur die Kostenmiete bezahlt. Kein Investor zieht aus der Vermietung einen Profit. Studien zeigen: Mieten bei den gemeinnützigen Wohnbauträgern sind tiefer, und es wohnen dort mehrheitlich Haushalte mit geringen Einkommen.

Für die FGZ ist die «soziale Durchmischung» nicht nur ein Schlagwort. Nur 10 Prozent der FGZ­ler wohnen in einer subventionierten Wohnung, obwohl 55 Prozent wegen des tiefen Einkommens ein Anrecht darauf hätten. Das hat nicht nur mit den günstigen Mieten zu tun. Besser verdienende Genossenschafter zahlen monatlich 125 Franken in einen Ausgleichsfonds ein. Damit werden Mitglieder mit kleinem Einkommen unterstützt.

Wenig überraschend ist, dass gerade diese Genossenschafter in die teurere Siedlung Brombeeriweg zogen.

Auch Besserverdienende können Genossenschafter bleiben. Allerdings darf ihr Anteil gemäss FGZ-Statuten maximal ein Drittel der Mitglieder ausmachen. Wenig überraschend ist, dass gerade diese Genossenschafter in die teurere Siedlung Brombeeriweg (Hegianwandweg) zogen, die im Artikel als Negativbeispiel missbraucht wurde. Sie machten damit Platz für andere in günstigen Reihenhäusern. Der Autor schreibt, 2040 Franken seien für seine 2-Zimmer-Wohnung in Luzern «ein stolzer Preis» gewesen. Genau. Wie sollte sich denn eine junge 4-köpfige Familie mit schmalem Budget eine 4 ½-Zimmer-Wohnung für 2200 Franken leisten können?

Kritisiert wird auch der geringe Ausländeranteil. Wegen der Belegungsvorgaben ist der Zuzug in die FGZ hauptsächlich Familien mit Kindern vorbehalten. Ausgerechnet die grösste Ausländergruppe in der Stadt Zürich, die meist gut verdienenden und kinderlosen Deutschen, gehört damit nicht zur Zielgruppe der FGZ. Auch ist bei den 5- bis 19-Jährigen der Ausländeranteil in der Stadt deutlich geringer als in der Durchschnittsbevölkerung. Es ist also nur logisch, dass in der FGZ mit ihrer Klientel, den Familien, der Ausländeranteil tiefer ist.

Das Parteibuch wird nicht geprüft

Zudem sind in der FGZ in den vergangenen Jahren doppelt so viele Ausländer durch Einbürgerung aus der Statistik verschwunden wie sonst in der Stadt. Kurz: Der Ausländeranteil in der FGZ ist für die Stimmungsmache gegen Gemeinnützige ungeeignet. Der Schweizer Pass ist bei der Vermietung in der FGZ schlicht kein Kriterium.

Und noch etwas für Politiker und Journalisten im Wahlkampffieber: Auch das Parteibuch wird nicht geprüft. Die Vermietung der FGZ funktioniert nach klaren Kriterien. Alle intern nicht beanspruchten Objekte werden auf der FGZ-­Website ausgeschrieben. Keine Organisation ist von Fehlern frei. Die Einhaltung der FGZ-Vermietungsregeln wird deshalb auch laufend überprüft.

Erstellt: 15.02.2018, 20:09 Uhr

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Karin Schulte

Präsidentin Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ)

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