Jugend ohne Musik?

Die Musiklobby ist unzufrieden mit der Umsetzung des Verfassungsartikels zur musikalischen Bildung. In den Schulen habe sich nichts getan, heisst es.

Die Schweizer wollen, dass die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen verbessert wird. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die Schweizer wollen, dass die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen verbessert wird. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Nicht nur bei der Masseneinwanderungsinitiative oder der Pädophileninitiative gibt es Probleme mit der Umsetzung – auch beim Verfassungsartikel zur musikalischen Bildung. Dieser wurde 2012 von den Stimmberechtigten deutlich angenommen, rund 73 Prozent waren dafür. Es handelte sich dabei um einen Gegenvorschlag zur zurückgezogenen Initiative «Jugend + Musik». Diese verlangte, dass die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen verbessert wird.

Mittlerweile macht sich bei den Initianten jedoch Enttäuschung breit. «Im Nachhinein wäre es besser gewesen, die Initiative nicht zurückzuziehen», sagt Hector Herzig, der zusammen mit der Aargauer Alt-Ständerätin Christine Egerszegi (FDP) zu den treibenden Kräften hinter der Initiative gehörte.

«Die Lehrerausbildung geht zu wenig weit»

Gemäss Herzig hat sich im Bereich der Volksschulen bisher schlicht nichts getan. «Der Bund versteckt sich hinter der Bildungshoheit der Kantone.» Zwar seien die Formulierungen sowohl im alten wie im neuen Lehrplan 21 gut. Im Alltag könne dies aber nicht umgesetzt werden. «Die Lehrerausbildung geht zu wenig weit. An den pädagogischen Hochschulen ist Musik nur ein Freifach.» Auch bei der systematischen Begabtenförderung ist wenig geschehen. Bislang wurde erst das Geld gesprochen, um ein Konzept auszuarbeiten.

Immerhin etwas ist zustande gekommen: Der Bund initiierte das Programm Jugend und Musik (J+M) – nach dem Vorbild von Jugend und Sport (J+S). Während aber die Grundlagen für J+S im Sportförderungsgesetz festgehalten sind, gibt es für J+M kein Rahmengesetz, massgebend ist das Kulturförderungs­gesetz. Herzig findet das «komisch», weil der Verfassungsartikel zur Jugendmusikförderung ein eigenständiger Bildungs- und kein Kulturartikel sei.

90 Millionen für den Sport

Bei J+S gibt der Bund auch viel mehr Geld aus. Jährlich sind es 90 Millionen Franken. Für J+M hat das Parlament im letzten Jahr 2 Millionen bewilligt. Das ist zwar deutlich mehr als bisher, Herzig spricht auch von einem «Erfolg». Doch er hat sich mehr erhofft. «An Musik- oder Jodlerfesten betonen die Politiker immer wieder, wie wichtig die Pflege des Kulturgutes ist. Wenn es aber um die monetäre Unterstützung geht, sieht es anders aus», sagt der Präsident der Basel­bieter Grünliberalen.

Hinzu kommt, dass Jugend und Musik eigentlich schon am 1. Januar 2016 hätte starten können. Das Bundesamt für Kultur (BAK) war aber nicht bereit. Die zuständige Mitarbeiterin nahm ihre Arbeit im Mai auf, und die ersten J+M-Leiter werden erst im Herbst ausgebildet. Ohne Leiter gibt es auch keine Subventionen. Herzig geht davon aus, dass 2016 etwa 1 Million Franken unangetastet zurück in die Bundeskasse fliessen. Das BAK bestätigt die Zahl nicht.

Kantonale Durchsetzungsinitiativen?

Nebst den Volksschulen sind die Musikschulen die grössten Verlierer der als mangelhaft kritisierten Umsetzung – obwohl sich die Musikschulen einiges vom Verfassungsartikel erhofft hatten. Nun profitieren sie aber nur von Jugend und Musik, wenn sie Lager durchführen. Für Kurse gibt es kein Geld vom Bund, da die Musikschulen schon von Kantonen und Gemeinden unterstützt werden. Nutzniesser sind die Laienverbände. Wenn etwa ein guter Trompetenspieler die Ausbildung zum J+M-Leiter absolviert, kann er künftig in seiner Blasmusik Kurse anbieten – dafür gibts Geld vom Bund. «Dadurch werden die Musik­schulen konkurrenziert», sagt Herzig, der früher Präsident des Verbands Musikschulen Schweiz war. Für die Musikschulen sei die bisherige Umsetzung des Verfassungsartikels zum «Boomerang» geworden.

Laut Bundesamt für Kultur wird der Zugang für die Jugend zum Musizieren, wie es die Verfassung verlangt, mit dem Programm Jugend und Musik sichergestellt. «Es hat das Potenzial, mittelfristig eine grosse Zahl von Kindern und Jugend­lichen zu erreichen», sagt David Vitali, Leiter der Sektion Kultur und Gesellschaft. Die Umsetzung erfolge in Zusammenarbeit mit allen Akteuren der musikalischen Bildung. Es könne nicht sein, dass die regulären Angebote der Musikschulen von der öffentlichen Hand doppelt finanziert würden. Von Anfang an sei geplant gewesen, das Programm schrittweise einzuführen. Im Übrigen liege der Musikunterricht an den Schulen in der Kompetenz der Kantone.

Herzig attestiert dem BAK, dass es sich engagiert habe. Es sei die Politik, die nicht mehr Geld sprechen wolle. «Das Glas ist halb voll.» Die Musiklobby müsse aber für ihre Anliegen weiterkämpfen. Vielleicht brauche es «Durchsetzungsinitiativen» in den Kantonen.

Erstellt: 24.06.2016, 19:41 Uhr

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