Junge an die Macht

Mattea Meyer und Cédric Wermuth haben die Juso geprägt und kandidieren jetzt fürs SP-Präsidium. Eine Generation mit immer mehr Einfluss im Parlament.

Unterstützen, dass die «Überwindung des Kapitalismus» im Parteiprogramm der Genossen bleibt: Mattea Meyer und Cédric Wermuth kandidieren fürs Co-Präsidium der SP. Foto: Jonas Zürcher

Unterstützen, dass die «Überwindung des Kapitalismus» im Parteiprogramm der Genossen bleibt: Mattea Meyer und Cédric Wermuth kandidieren fürs Co-Präsidium der SP. Foto: Jonas Zürcher

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Juso kritisierten sie die Mutterpartei als zu brav, jetzt wollen Mattea Meyer und Cédric Wermuth die Geschicke der SP selbst in die Hand nehmen. Gemeinsam kandidieren sie für das Präsidium. Noch liest sich ihr Programm schwammig. Klar ist aber: Sowohl Meyer als auch Wermuth politisieren dezidiert links – und so wollen sie auch ihre Partei führen. 

Im Vergleich zur politischen Ausrichtung von Parteipräsident Christian Levrat sind Mattea Meyer und Cédric Wermuth weniger restriktiv bei der Migration und weniger wirtschaftsliberal, wie ihre Smartvote-Profile zeigen. (Smartvoteprofil von Mattea Meyer und Cédric Wermuth) Sie wollen beispielsweise, dass auch Ausländer in der Schweiz stimmberechtigt sind, und unterstützen, dass die «Überwindung des Kapitalismus» im Parteiprogramm der Genossen bleibt. Der Umweltschutz ist ihnen wichtiger als dem amtierenden Präsidenten.«In der Klimakrise reicht das Klein-Klein nicht», sagte Wermuth in der «Weltwoche». Es brauche eine fundamentale Umkehr. 

Der Aufschwung von Mattea Meyer und Cédric Wermuth steht sinnbildlich für den steigenden Einfluss der Jungsozialisten im Parlament. Tamara Funiciello, Baptiste Hurni und Jon Pult schafften bei den letzten Wahlen den Sprung in den Nationalrat. Etwa ein Fünftel der SP-Fraktion sind jetzt ehemalige Jusos, alle unter 35 Jahre alt. 

Nur leise Kritik

Nicht immer hatte die Juso eine so grosse Bedeutung. Vor etwas mehr als zehn Jahren bestand sie aus «ein paar linken Intellektuellen ohne Ausstrahlungskraft», wie die Partei selbst schreibt. Dann kamen Cédric Wermuth und Mattea Meyer. Er war Präsident, sie Vize. Mehr Provokation, mehr Medienpräsenz, mehr Mitglieder. Am Parteitag 2010 in Lausanne überrumpelte Wermuth das alte Establishment, verankerte stark linke Positionen wie die Einführung eines Grundeinkommens im Parteiprogramm und prägte so den Kurs der Partei. 

«Früher hatte man als aktiver Juso praktisch keine Wahlchance», sagt Politologe Michael Hermann. Jetzt seien die Jungsozialisten hingegen zur Kaderschmiede ihrer Mutterpartei geworden. Die linke Seite bestimme heute den Diskurs der SP. Für alle, die nicht mitmachten, werde es unangenehm. 

 «Uns ist klar, dass jung sein allein noch lange kein Garant für eine erfolgreiche Linke ist.»: Cedric Wermuth diskutiert mit Mattea Meyer während der Wintersession 2019 im Nationalrat in Bern. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Die wirklichen Kritiker der Juso sind denn auch verstummt. Daniel Frei, der eine Jusofizierung der SP ausmachte, ist jetzt Grünliberaler. Pascale Bruderer, welche die Jusos von leitenden SP-Gremien entfernen wollte, macht keine Politik mehr.

Zur Kandidatur von Cédric Wermuth und Mattea Meyer ertönt nur leise Kritik. «Sie sind sehr links und fundamentalistisch unterwegs», sagte Nationalrätin Yvonne Feri zu SRF. «Ich wünsche mir ein ausgewogeneres Präsidium», sagt Ständerat Daniel Jositsch. Falls Meyer und Wermuth die SP führen würden, werde er den rechten Flügel stärken und präsenter machen. Vergleicht man die politische Ausrichtung der SP-Parlamentarier, wird jedoch klar: Einen wirklichen gemässigten Flügel gibt es in der SP nicht mehr. Jositsch ist ziemlich einsam am rechten Rand der Partei. 

Wie in Deutschland

In ihrem Programm schreiben Mattea Meyer und Cédric Wermuth: «Uns ist klar, dass jung sein allein noch lange kein Garant für eine erfolgreiche Linke ist.» Und doch würden junge Menschen überall Verantwortung übernehmen. 

Der Aufstieg der Jungsozialisten in der Schweiz hat Parallelen mit jenem von Kevin Kühnert in Deutschland. «Wahrscheinlich gab es noch nie einen 30-jährigen Politiker, der so mächtig war», schreibt der «Spiegel» über ihn. Seit Anfang Dezember ist Kühnert der stellvertretende Vorsitzende der SPD, prägt einen linken Kurs. Im August hat er am «Fest der Solidarität» im aargauischen Tennwil eine Rede gehalten. Der WOZ sagte er dort: «Die SP schafft es besser als die SPD, die Energie der Juso in ihre Strukturen zu überführen. Sie öffnet Raum für einen Rollenwechsel, bei dem man sich nicht verraten muss.»

«In der Juso musste ich provozieren, um eine Plattform zu erhalten.»Tamara Funicello, ehemalige Präsidentin JUSO

Fraktionschef Roger Nordmann muss die Jusos im Bundeshaus integrieren. Die jungen Parlamentarier seien Arbeitstiere, sonst wären sie nicht so weit gekommen, sagt er. «Sie wollen etwas erreichen, sind keine Schaumschläger oder Pausenclowns.» Eine Juso-Seilschaft gebe es nicht. 

Um Tamara Funiciello, die als Präsidentin der Jungsozialisten immer wieder auffiel, ist es ruhiger geworden. «In der Juso musste ich provozieren, um eine Plattform zu erhalten», sagt die Neonationalrätin. Jetzt sei das nicht mehr nötig. Von ihrer Ideologie sei sie aber nicht abgerückt. 

Funiciello unterstützt die Kandidatur Meyer/Wermuth, wie sie heute auf Facebook schreibt: «Ich will den linken Aufbruch.» Auch wenn Roger Nordmann keine Seilschaft ausmacht: Die gemeinsame politische Bildung und Utopie eint die Jungsozialisten eben doch. 

Erstellt: 19.12.2019, 20:23 Uhr

Wer sonst?

Der Walliser Nationalrat Mathias Reynard – ebenfalls mit Juso-Vergangenheit – lässt noch offen, ob er kandidiert. Er hat mit der Solothurner Nationalrätin Franziska Roth Gespräche über ein mögliches Co-Präsidium geführt, wie CH Media berichtet. Die Zürcher Nationalrätinnen Min Li Marti und Priska Seiler Graf überlegen sich ebenfalls weiterhin, ob sie kandidieren wollen. Kürzlich abgesagt haben hingegen Jacqueline Badran und Gabriela Suter. Schon länger ist klar, dass Nadine Masshardt, Flavia Wasserfallen und Jon Pult nicht antreten. Wer die SP in Zukunft führt, wird am ersten Aprilwochenende 2020 klar. Dann entscheiden die Genossen am Parteitag in Basel.

Artikel zum Thema

Dieses Power Couple der SP will die Nachfolge von Levrat antreten

Gemäss Bundeshaus-Parlamentariern zeigen Mattea Meyer und Cédric Wermuth Interesse, SP-Präsident Christian Levrat zu beerben. Mehr...

«Ich mache nicht Levrat einen Vorwurf, sondern uns»

Interview Flavia Wasserfallen, Favoritin für das SP-Präsidium, gibt ihrer Partei einen Korb. Sie hofft, dass die neue Chefin weniger dominant ist als Christian Levrat. Mehr...

Langzeit-Präsident Levrat landet auf Rang 3

Kaum einer war länger an der Spitze einer Bundesratspartei: Nur zwei landen in der Tabelle vor dem SP-Chef. Der grosse Amtszeiten-Vergleich. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...