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«Junge Muslime wollen als normal angesehen werden»

Die islamkritische Debatte bringe viele muslimische Jugendliche erst dazu, sich mit ihrer Religion auseinanderzusetzen, sagt Religionswissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti.

Laut Forschern der Universität Luzern pflegen junge Muslime einen kritischen Umgang mit religiösen Autoritäten: Muslime beten im Haus der Religionen in Bern. (26. April 2015)
Laut Forschern der Universität Luzern pflegen junge Muslime einen kritischen Umgang mit religiösen Autoritäten: Muslime beten im Haus der Religionen in Bern. (26. April 2015)
Peter Klaunzer, Keystone

Herr Tunger-Zanetti, wieso beschäftigen sich die Jugendlichen, die Sie befragt haben, mit ihrer Religion?

Im Jugendalter stellt sich für die meisten früher oder später die Frage, wie sie zu der Religion stehen, die ihnen ihre Eltern mitgegeben haben. Für muslimische Jugendliche in der Schweiz kann dies auch nicht genau jene Ausprägung der Religion sein, wie sie ihre Eltern leben. Vieles, was sich die Eltern in einem anderen Land aneigneten, passt nicht auf die Situation der Jugendlichen in der Schweiz. Das bringt die Jugendlichen dazu, sich einen eigenen Weg zu suchen, und kann ein andauerndes Interesse an religiösen Fragen auslösen.

Für christliche Jugendliche, deren Eltern ihre Religion nicht oder kaum praktizieren, besteht wenig Druck, sich mit ihrer religiösen Identität auseinanderzusetzen. Wieso ist dies bei muslimischen Jugendlichen, deren Eltern den Islam oft auch nur in sehr geringem Ausmass praktizieren, anders?

In der Schweiz wird man als Jugendlicher mit muslimischem Hintergrund früher oder später von seiner Umgebung auf die Religion angesprochen. Sehr oft geschieht dies im Zusammenhang mit medialer Berichterstattung über unschöne Ereignisse oder Debatten. Um solchen Situationen zu begegnen, aber auch um zu entscheiden, wie sie ihre Religion leben wollen, wollen viele junge Muslime wissen, was ihre Religion denn nun genau besagt – sei es punkto Kleidung, punkto Fasten oder punkto Gewalt.

Führt der islamkritische Diskurs in der Schweizer Öffentlichkeit also dazu, dass mehr muslimische Jugendliche religiös werden?

Tendenziell ja. Angehörige einer Diaspora und einer Minderheitenreligion sehen sich immer einem gewissen Druck ausgesetzt, sich der eigenen Religion und der eigenen Identität bewusst zu werden. Der stark negative öffentliche Islamdiskurs verstärkt diese Tendenz noch. Die Minarettdebatte von 2009 hat viele Jugendliche erst auf ihre Religion aufmerksam gemacht und sie dazu gebracht, sich zumindest vertieft mit ihr zu beschäftigen. Ich sehe es kommen, dass die bevorstehende Burkadebatte wieder genau dasselbe auslösen wird.

In Ihrer Studie sind Sie zum Schluss gekommen, dass junge Muslime sich in religiösen Fragen viel stärker an Personen aus ihrem Umfeld orientieren als an Predigern aus dem Internet. Hat Sie dies überrascht?

Wir haben angenommen, dass der Einfluss von Internetpredigern begrenzt ist, da der Schweizer Islam ansonsten ganz anders aussehen würde. Überrascht hat uns, wie die jungen Erwachsenen mit den Internetpredigern umgehen. Es ist nicht so, dass sie diese nicht kennen würden. Meist lassen sie aber sehr viele unterschiedliche Positionen an sich heran und entwickeln mit der Zeit für sich selber immer genauere Kriterien dafür, was eine religiöse Autorität ausmacht, der sie folgen wollen. So haben uns Jugendliche erzählt, dass sie sich zwar Aufnahmen des islamistischen Predigers Pierre Vogel angeschaut hätten, diesem aber die nötige Substanz fehlen würde oder sein Stil sie eher abstosse. Hingegen kann es beispielsweise die Mutter sein, die eine Antwort auf eine Frage liefert, die sich ein Jugendlicher stellt. So sorgen die unterschiedlichsten Korrektive dafür, dass diese Prediger bei weitem nicht so dominant sind, wie man nach einem Blick ins Internet meinen könnte.

Trotzdem radikalisieren sich einzelne junge Muslime. Worin unterscheiden sich ihre Fälle von den Normalfällen, die Sie in Ihrem Bericht beschreiben?

Wir haben selber keine Extremismusforschung betrieben. Aus dieser wissen wir aber, dass bei Fällen, in denen es Richtung Gewaltbereitschaft geht, schon sehr vieles in der Biografie schiefgelaufen ist. Das können familiäre Probleme oder der Verlust von Freundeskreisen nach Wohnortswechseln sein, aber auch schulische Schwierigkeiten oder schwere Krankheiten. Wenn dann jemand zu viel Zeit hat, diese im Internet verbringt, auf die falschen Angebote stösst und diese auch noch toll findet, kann es zu einer Radikalisierung kommen. Umgekehrt entsteht aber auch nicht jedes Mal ein Extremist, wenn etwas schiefläuft.

Was würde jungen Muslimen das Leben erleichtern?

Die allermeisten wünschen sich, als normale Jugendliche oder junge Erwachsene wahrgenommen und nicht dauernd auf ihre Religion angesprochen zu werden. Der Prozess der Identitätsfindung wird eher ungut beeinflusst, wenn sich jemand dauernd Anschuldigungen oder Provokationen ausgesetzt sieht. Kurz gesagt, wünschen sich junge Muslime einen normalen Umgang, wie man ihn mit Angehörigen anderer Religionen auch pflegt.

Was erwarten die jungen Muslime von den islamischen Gemeinschaften?

Sie wünschen sich von den Moscheevereinen und anderen Vereinigungen Angebote, die ihren Bedürfnissen nach Orientierung und Beratung entsprechen. Das kann ein Imam sein, der sie versteht, schon rein sprachlich, aber auch, indem er ihre Lebenswelt kennt und über die nötige Ausbildung verfügt, um sie beraten zu können. Das können aber auch Sozialarbeiter sein, die in den Moscheen entsprechende Aufgaben übernehmen. Die islamischen Organisationen könnten viel tun, damit sich die Jugendlichen mit ihrer Religion wohler fühlen würden und nicht alles selber erfinden müssten.

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