Nacktfotos und Sex mit «Freunden»: Die Masche der Loverboys

Liebe versprochen, in die Prostitution getrieben: Wie junge Zuhälter in der Schweiz Minderjährige suchen. Zum Beispiel Sara*.

Loverboys sind junge Zuhälter. Sie nutzen die Verliebtheit der Mädchen aus. (Symbolbild) Foto: Kniel Synnatzschke (Plainpicture)

Loverboys sind junge Zuhälter. Sie nutzen die Verliebtheit der Mädchen aus. (Symbolbild) Foto: Kniel Synnatzschke (Plainpicture)

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Sara* ist 14 Jahre alt, als sie Livio* beim Chatten kennen lernt. Auf den Bildern, die er ihr schickt, sieht er attraktiv aus – ein sportlicher 20-Jähriger mit gewinnendem Lächeln. Sara weiss, dass sie im Internet vorsichtig sein muss, aber Livio ist nett zu ihr, interessiert sich für ihre Probleme und fragt mehrmals pro Tag, wie es ihr gehe. Der rege Kontakt gibt ihr Halt, denn sie fühlt sich einsam: Ihre Eltern haben sich getrennt, nun lebt sie mit der Mutter in einer anderen Schweizer Stadt. Sara verliebt sich mit jedem Tag mehr. Sie zögert darum nicht, als Livio sie mit der Zeit auch um Nacktfotos bittet. Bei einem ersten Treffen nach einigen Wochen haben sie Sex; Livio verhält sich brutal und würgt Sara. Das sei normal, beruhigt er sie, alle machten das so.

Kurz darauf will er ein Wochenende mit ihr verbringen. Sara erzählt ihrer Mutter, sie übernachte bei einer Freundin. Livio hat eine Airbnb-Wohnung gemietet und Freunde eingeladen. Sie trinken Alkohol, konsumieren Drogen – und plötzlich wird Sara schwarz vor den Augen. Als sie wieder erwacht, hat sie starke Unterleibsschmerzen und blutet. Die Freunde sind weg, nur Livio ist noch da. Sara erinnert sich an nichts.

Die Mädchen schweigen

«Er würgt mich, bis ich ohnmächtig werde. Er will, dass ich Sex mit seinen Freunden habe. Er filmt uns dabei. Ich glaube, er kennt diese Freunde gar nicht richtig.» Das erzählt Sara einer Freundin, als sie ein halbes Jahr mit Livio zusammen ist.

Die Freundin hat dieses Jahr bei der Nationalen Meldestelle Act 212 Hilfe gesucht. Geschäftsführerin Irene Hirzel warnt: «Sara ist bei weitem kein Einzelfall. Diese Masche hat System.» Bei der «Masche» handelt es sich um sogenannte Loverboys: junge Männer, die minderjährigen Mädchen in den Chatrooms der sozialen Medien zunächst die grosse Liebe vorgaukeln, sie psychisch abhängig machen und schliesslich in die Prostitution drängen.

Nacktfotos, Pornofilme, Sex mit «Freunden», die in Wahrheit für den Sex bezahlen: Loverboys überschreiten Stück für Stück Grenzen, üben dabei zunehmend Gewalt aus und isolieren ihre Opfer von deren Umfeld. Die Mädchen schweigen aus Scham. «Loverboys sind junge Zuhälter. Sie nutzen die erste Verliebtheit der Mädchen aus, um mit ihnen Geld zu verdienen», sagt Hirzel. Und sie suchten sich ihre Opfer gezielt aus. Neue Schule, getrennte Eltern oder wenige Freunde: Meist seien es Mädchen in einer instabilen Lebenslage.

17 Fälle minderjähriger Schweizerinnen sind der auf Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung spezialisierten Meldestelle Act 212 in den letzten zwei Jahren gemeldet worden. Auch andere Fach- und Opferberatungsstellen berichten auf Anfrage von betroffenen Mädchen. Die Dunkelziffer dürfte gemäss Hirzel jedoch um ein Vielfaches höher sein. Anders als in Deutschland oder den Niederlanden seien die Behörden noch nicht für das Phänomen sensibilisiert. «Polizisten, Mitarbeiter der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden oder Lehrerinnen erkennen die Opfer meist gar nicht», sagt Hirzel.

An einer Fachtagung in Bern berichten deshalb heute Freitag Experten aus den Niederlanden von ihren Erfahrungen. So hat etwa Monique Wijngaard, Spezialistin für Kinderhandel bei der niederländischen Polizei, Profile von Tätern und Opfern erstellt. Sie sagt: «Loverboys gibt es überall. Sie sind eine Methode der Anwerbung zur Jugendprostitution.» Zwar führten in den Niederlanden vor Gericht alle Fälle zu Verurteilungen. Doch die Ermittlungen gestalteten sich schwierig, weil die Mädchen wegen Schuld-, Angst- und Schamgefühlen häufig wenig kooperativ seien.

Auch politisch ein Thema

Hirzel bemängelt, «dass die Schweiz bis jetzt nichts unternimmt, um die Opfer zu schützen». Und verweist auf den unlängst bekannt gewordenen Skandal im englischen Rotherham, wo meist pakistanischstämmige Banden nach ähnlichem Muster über 1400 Kinder missbraucht hatten. Die Behörden gaben den Opfern eine Mitschuld und fürchteten sich vor Rassismusvorwürfen.

Die Fachtagung soll nun der Auftakt zu Aufklärungsarbeit in Behörden und Schulen sein. SP-Nationalrätin Yvonne Feri behält sich vor, auch politisch aktiv zu werden. «Jugendliche müssen im virtuellen Raum besser geschützt werden», sagt die Präsidentin der Stiftung Kinderschutz Schweiz. Derselben Ansicht ist CVP-Nationalrätin Viola Amherd. Doch das Anliegen hat im Parlament einen schweren Stand: Mehrfach sind Vorstösse gescheitert, die einen eigenen Straftatbestand für das Anbahnen sexueller Kontakte mit Minderjährigen im Internet, das sogenannte Cyber-Grooming, einführen wollten – für den ersten Schritt der Loverboy-Methode also. Amherd hat deshalb im Juni dieses Jahres erneut eine parlamentarische Initiative eingereicht, mit der sie unter anderem verlangt, dass sexuelle Belästigung von Kindern im Netz von Amtes wegen verfolgt wird.

* Namen geändert

Erstellt: 20.09.2018, 23:10 Uhr

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