Schlechte Wahlaussichten für Jungpolitiker

In der «Arena» streiten sich heute Abend Juso, Jungfreisinnige und Co. Bei den Jungparteien herrschen andere Mehrheitsverhältnisse. Doch beeinflusst dies die Wahlen?

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Heute Abend gehört die «Arena» den Jungen: Um 22.25 Uhr diskutieren auf SRF 1 die Präsidenten der Jungparteien. Wie bei den Alten gibt die Besetzung der «Arena» auch bei den Jungen zu reden: Alle wollen in der Mitte mitdiskutieren, als einer von vier Hauptgästen. Dort hat die Redaktion für die heutige Sendung die Chefs von Juso, Junger SVP, Jungfreisinnigen und Junger CVP platziert. Nur in der zweiten Reihe mit dabei sind die Chefs der Jungparteien von Grünen, GLP, BDP und EVP.

Keine Freude an dieser Rangordnung hatte Irina Studhalter, Studentin, Vorstandsmitglied der Jungen Grünen Schweiz und Nationalratskandidatin im Kanton Luzern. Die Grünen als zweitstärkste Jungpartei nicht bei der inneren Runde zu berücksichtigen – «geht gar nicht».

In den folgenden Schlagabtausch zwischen SRF-Mitarbeitern und Studhalter griff auch «Arena»-Moderator Jonas Projer persönlich ein. Das Gewicht der Mutterparteien sei entscheidend, beschied er und schob später noch hinterher, Twitter-Lobbying «in eigener Sache für ‹Arena›-Auftritte» sei doch langweilig.

Wie die richtige Besetzung der «Arena» aussieht, sei hier dahingestellt. Was die Wähleranteile der Jungparteien angeht, hat die junge Grüne jedoch recht, wie eine Auswertung des Bundesamts für Statistik zeigt. Die Jungen Grünen kommen gesamtschweizerisch auf einen Wähleranteil von 0,68 Prozent. Mehr erzielen nur die Juso mit 0,83 Prozent. Mit 0,56 bis 0,58 Prozent kommen CVP, FDP und SVP auf deutlich weniger.

Allzu viel lässt sich aus den Wähleranteilen der Jungparteien aber nicht herauslesen, denn die erfolgreichen Jungpolitiker – also jene, die gewählt werden – treten allesamt auf Listen ihrer Mutterparteien an. Ein paar Beispiele: Ursula Wyss (SP, BE, heute Mitglied der Berner Stadtregierung), Aline Trede (Grüne, BE) und Cédric Wermuth (SP, AG), kandidierten bei ihrer Wahl in den Nationalrat allesamt auf einer Liste ihrer Mutterpartei. Der 29-jährige Wermuth ist auch heute noch Mitglied – wer für ihn stimmt, gibt seine Stimme der Liste «SP und Gewerkschaften» und nicht jener der Juso. Folglich lassen sich die Stimmen für die Mutterparteien nicht sauber von jenen für die Jungparteien trennen.

Kein einziger direkter Sitzgewinn

Auf einer Liste der Jungparteien lässt sich hingegen kein Mandat erringen. In den einzelnen Kantonen erreichen die Jungparteien Stimmenanteile von meist 0,3 bis 2 Prozent – viel zu wenig, um ein Mandat zu erringen. Ihm sei in der Geschichte der Schweizer Proporzwahlen kein einziger Fall bekannt, bei dem eine Jungpartei ein Mandat errungen hätte, sagt der Politologe Georg Lutz von der Universität Lausanne.

Wieso also der Aufwand? Ein Motiv ist die Hoffnung auf zusätzliche Sitze für die Mutterpartei. Via Listenverbindung profitiert diese schliesslich von den Stimmen für die Jungpartei. «In manchen Fällen helfen die Jungparteien, ein Restmandat zu gewinnen», sagt Lutz.

Die Vorstellung, dass die Jungparteien für ihre Mutterparteien zusätzliche Sitze holen, basiert aber auf der Annahme, dass sie Wähler anziehen, die ansonsten nicht für die jeweilige Partei gestimmt hätten. Anders gesagt: Machen die Jungparteien nur ihren Mutterparteien Stimmen abspenstig, ist das Ganze ein Nullsummenspiel. Insgesamt hält Politologe Lutz den Einfluss der Wahllisten der Jungparteien auf die Sitzverteilung für eher gering.

Jungparteien als Rekrutierungsfelder

Langfristig bestimmen Jungparteien die politische Landschaft aber trotzdem mit. Bei einer Jungpartei in die Politik einzusteigen, sei für Junge tendenziell attraktiver, sagt Lutz. «Man ist dort nicht mit jenen zusammen, die alles schon kennen und alles schon einmal gemacht haben.» Entsprechend wichtig seien die Jungparteien als Rekrutierungsfeld für die Jungparteien und als Spielwiese für die Nachwuchspolitiker.

Auch die bevorstehenden Wahlen könnten den Ausgangspunkt für grosse Politkarrieren sein – aber eben nur für jene Jungpolitiker, die einen guten Platz auf einer Liste ihrer Mutterpartei erhalten haben. Von den vier Parteichefs, die die guten Plätze in der «Arena» erhalten haben, kandidieren drei für ihre Mutterparteien. Gute Wahlchancen hat Maurus Zeier. Der Präsident der Jungfreisinnigen tritt auf dem Spitzenplatz der Luzerner FDP-Liste an. Etwas schwieriger ist die Ausgangslage für Anian Liebrand, Präsident der Jungen SVP, der ebenfalls in Luzern antritt. Er müsste vom fünften Listenplatz aus jemanden der beiden Bisherigen, Yvette Estermann und Felix Müri, verdrängen, sofern die Partei ihren Wähleranteil nicht verbessert.

Kein Spitzenplatz für Molina

Dem Prominentesten unter den Jungparteien-Präsidenten, Juso-Chef Fabian Molina, werden hingegen geringe Wahlchancen eingeräumt. Die Partei platzierte den im Kanton Zürich kandidierenden Molina auf Platz 11 – hinter den Bisherigen, hinter Alt-Botschafter Tim Guldimann, hinter der Winterthurer SP- und Juso-Frau und Kantonsrätin Mattea Meyer sowie drei weiteren Kandidatinnen.

Durch und durch Jungpolitikerin ist Lena Frank, die Co-Präsidentin der Grünen, die in der «Arena» in der zweiten Reihe auftritt. Sie kandidiert im Kanton Bern auf der Liste der Jungen Grünen – und somit ohne Wahlchancen.

Erstellt: 25.09.2015, 19:04 Uhr

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