«Das Verständnis für die Problematik ist generell klein»

Der Streit um die Jurafrage gäre auch darum weiter, weil ihn die restliche Schweiz ignoriere, sagt Historiker Clément Crevoisier.

«Der Jura ist eine Lagune, aus der konkurrierende Vorstellungen nicht abfliessen können»: Clément Crevoisier über seine Heimat. <nobr>Foto: Christian Pfander</nobr>

«Der Jura ist eine Lagune, aus der konkurrierende Vorstellungen nicht abfliessen können»: Clément Crevoisier über seine Heimat. Foto: Christian Pfander

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In Moutier trugen im August 2019 4000 Manifestanten nach derAnnullierung einer Abstimmung die Demokratie in einem Sarg zu Grabe. Herr Crevoisier, was ist das für eine emotionale Inszenierung?
Die Separatisten führen seit den 1960er-Jahren solche Umzüge und symbolische Aktionen durch. Sie vermitteln ihre Botschaft gerne mit direkten, wirkungsvollen Bildern. Das Foto des Begräbniszugs ist deshalb nicht zufällig breit beachtet worden. Das Bild beeindruckt, weil es auf eine unverschämte Art die Verletztheit der Manifestanten aufzeigt: Sie glauben, dass ihnen der knappe Abstimmungssieg von 2017 geraubt worden ist.

Ist es nicht übertrieben, nach einem unvorteilhaften Gerichtsentscheid gleich die Demokratie zu beerdigen?
Man versteht das Bild des Trauerzugs besser, wenn man es nicht wörtlich nimmt. Der demokratische Prozess ist für die Separatisten bloss ein Mittel, ihr Ziel zu erreichen. Nämlich ihren nationalen Traum, gewisse Territorien in einem autonomen Kanton zu verei­nigen. Moutiers Stadtpräsident Marcel Winistoerfer hat nach dem Entscheid erklärt: «Man nervt uns mit dem Rechtsstaat.» Es geht den Separatisten weniger um eine Beerdigung als um die Enttäuschung, dass sie an der Abstimmungsurne ihrem Ziel nicht näher kamen.

Ist der Jura nicht eine viel zu kleine Region für die Ausprägung einer nationalen Ideologie?
Hat US-Präsident Woodrow Wilson, der vor 100 Jahren das Selbstbestimmungsrecht der Völker gefordert hat, eine Untergrenze festgelegt? Sagt die UNO heute, wie gross ein Volk sein muss, damit es eine Nation bilden kann? Will man den Jurakonflikt verstehen, muss man anerkennen, dass es um eine nationale Ideologie geht. Vielleicht ist man sich in der Schweiz gar nicht mehr bewusst, was das ist. Im 19. Jahrhundert haben nicht nur Europas Staaten, sondern auch die Schweizer Kantone ihre eigene nationale Geschichte geschaffen. Auch die Zürcher haben eine regionale Identität und Zürcher Traditionen.

In der Störzone Moutier gärt der Jurakonflikt weiter
Über 4000 Separatisten protestierten am 30. August 2019 mit einem Trauerzug gegen die Annullierung von Moutiers Kantonswechsel zum Jura. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Eigentlich hätte die von der Eidgenossenschaft vermittelte Abstimmung vom 18. Juni 2017 in Moutier den Jurakonflikt hochoffiziell beenden sollen. Mit einem hauchdünnen Vorsprung von 137 Stimmen entschieden sich die Einwohner der Gemeinde für einen Wechsel vom Kanton Bern zum Kanton Jura. Zwei bernische Gerichtsinstanzen annullierten die Abstimmung aber wegen Unsauberkeiten – zur grossen Enttäuschung der separatistischen Sieger. Jetzt muss sie wiederholt werden.

Der Abstimmungskampf hat Moutier in die unversöhnliche Konfrontation des Jurakonflikts zurückgeworfen, Gasthäuser und Einkaufsläden sind wieder unter dem probernischen und dem ­separatistischen Lager geteilt. Schon in den heissen 1970er-Jahren war Moutier ein Hotspot des Konflikts, in dem es sogar zu Ausschreitungen kam. Im gespaltenen Jurastädtchen ist der für die Schweiz einzigartige Konflikt zwischen Bern und Jura weiterhin virulent. Und er strahlt wieder aus in die kantonale und nationale Politik. (svb)

Warum sorgt die Identitätsfrage im Jura für Missstimmung?
Am Wiener Kongress von 1815 wurde der Kanton Bern neu strukturiert. Er verlor die Waadt und den Aargau. Als Ersatz erhielt er den Jura, der vorher ein unabhängiges Fürstbistum war. Als Bern seine nationale Geschichte schrieb, berief es sich auf die Schlacht von Murten gegen die Burgunder und auf Adrian von Bubenberg, dessen Denkmal beim Berner Bahnhof steht. In diesen Symbolen konnten sich viele Jurassier nicht wiedererkennen. Sie fühlten sich nicht gehört, weil die Macht weit weg in Bern war. Und die Berner haben es verpasst, ihren neuen Kantonsteil im Jura in ihre Nationalgeschichte zu integrieren.

Wie haben die Jurassier reagiert?
Sie haben im 20. Jahrhundert mit Leidenschaft eine nationale Erzählung und Kultur entworfen, die bald populär war. Es gibt im Jura seither für dasselbe Territorium zwei Perspektiven. Die einen sehen ihn als funktionierenden Teil des Kantons Bern, die anderen als autonomen Teil der Schweiz. Diese beiden Programme schliessen sich gegenseitig aus. Der Jura ist eine Lagune, aus der diese konkurrierenden Vorstellungen nicht abfliessen können.

Wie wurde aus der Unvereinbarkeit der Ideologien ein Konflikt?
Ab 1947 formierte sich die separatis­tische Bewegung, die für einen unabhängigen Kanton kämpfte. Die Tragik des Jura ist, dass die Unvereinbarkeit der beiden nationalen Perspektiven seit 70 Jahren eine Quelle der Konfrontation und manchmal der Gewalt ist. Vor und nach der Gründung des Kantons Jura 1979 führte der politische Gegensatz in eine totale soziale Krise. Die Bevölkerung der Region teilte sich in zwei Lager, die sich gegenseitig verachteten und nicht mehr miteinander sprachen.

Mit den neuerlichen Abstimmungen im Jura und in Moutier sollte doch der Jurakonflikt gelöst werden?
Ja, aber es ist nur teilweise gelungen. Bei der Hauptabstimmung von 2013 entschied sich der Berner Jura, bei Bern zu bleiben. Er legte an Einheit und politischer Kraft zu, auch weil ihn der Kanton Bern zu einem einzigen Verwaltungskreis vereinigte. Der Kanton Jura seinerseits gab seinen Anspruch auf den Berner Jura auf. Es blieben ein paar Gemeinden, vor allem Moutier, die noch einmal über ihre Kantonszugehörigkeit abstimmen konnten.

Clément Crevoisier
Der Historiker Clément Crevoisier ist in Delémont aufgewachsen. Foto: Christian Pfander

Clément Crevoisier (44) ist einer der wenigen Schweizer Historiker, die den Jurakonflikt unter die Lupe nehmen. Er ist in Delémont aufgewachsen, im separatistischen Klima des jungen Kantons Jura, und setzt sich heute für eine Versöhnung im Jura ein. An der Universität Lausanne studierte er Geschichte und Kunstgeschichte. Er kuratierte Ausstellungen über jurassische Kunst und ihren Link zum Separatismus. 2012 publizierte er den «Atlas historique du Jura», eine unparteiische Untersuchung des Juraterritoriums. Crevoisier gehört Wissenschaftszirkeln wie dem Institut Jurassien des sciences, des lettres et des arts an. Heute wohnt er im Waadtland und arbeitet auch als Lehrer. (svb)

Warum hat die Abstimmung von 2017 Moutier nicht weitergeholfen?
Die Grausamkeit des Abstimmungsprozesses hat in Moutier eine neue Kraft entfaltet. In dieser Kleinstadt, in der die Ansichten praktisch im Verhältnis fifty-fifty geteilt sind, erlebten die beiden zerstrittenen Lager am Tag der Abstimmung eine Alles-oder-Nichts-Situation. Die Proberner verloren alles, die knapp siegreichen Separatisten gewannen alles. Das löst eine ausserordentliche psychologische Gewalt aus. Kein Kompromiss ist möglich, die Bevölkerung erlebte einen Rückfall in den harten Gegensatz der früheren Konfliktjahre.

Eine Zeit lang standen die Zeichen im Jura aber auf Entspannung?
Ja. Nach einer Gewalteskalation und dem tragischen Tod des Separatisten Christophe Bader, der beim Hantieren mit einem Sprengsatz in Bern starb, wurde 1994 unter dem Patronat des Bundes die Interjurassische Versammlung mit Vertretern der Kantone Bern und Jura gegründet. Sie war nun der Ort, in dem man die schwierige Jurafrage debattierte. Die übrigen politischen Gremien waren befreit davon.

«Man sagt, der Fisch weiss nicht, dass er im Wasser ist. So schwammen wir im Separatismus.»

Wie äusserte sich das?
Die bernischen und jurassischen Behörden konnten eine Entspannung zulassen und Projekte der Kooperation aufgleisen. Insbesondere der junge Kanton Jura positionierte sich nun noch anders als bloss über die Jurafrage. Er öffnete sich seinen Nachbarn Basel und Belfort. Es gab konkrete Erfolge, die Stimmung war gut. Die Interjurassische Versammlung hat aber die Problematik der divergierenden nationalen Ideologien verkannt. Sie hat diese ungeklärte Frage mit der Abstimmung von 2013 an die Politik zurückgegeben, 2017 wurde sie aufgelöst. Das hat sofort wieder zur Verkrampfung geführt.

Wie könnte man die ideologische Frage im Jura deblockieren?
Ich weiss nicht, ob man die ideologische Frage deblockieren kann. Aber es wäre möglich, eine andere politische Vision für das jurassische Territorium zu skizzieren.

Und wie sähe diese neue regionale Erzählung aus?
Es wäre eine Erzählung der Vielfalt. Die Schweiz rühmt sich dafür, dass sie nicht wie Belgien in Sprachräume zerfällt. Weil die topografischen oder kulturellen Grenzen nicht deckungsgleich mit den Sprachgrenzen sind, gibt es eine Verflechtung, die unser Land zusammenhält. Im kleineren Massstab bildet auch der Jura dieses Konstruktionsprinzip der Schweiz ab: «E pluribus unum» – Einheit durch Vielfalt. Der Jura ist reich an Einflüssen. Er umfasst die abwechslungsreiche Topografie zwischen Basel und Neuenburg, zwei Sprachen, zwei Konfessionen.

Warum anerkennt man im Jura diesen Reichtum nicht?
Durch die ideologische Schwarzweissbrille betrachtet werden die multikulturellen Wurzeln des Jura leider verkannt. So will man im Kanton Jura zum Beispiel nicht mehr wissen, dass Delémont am Anfang des 20. Jahrhunderts eine zweisprachige Stadt war wie Biel. Eine neue, vielfältige und überkanto­nale Vorstellung könnte der Juraregion eine gemeinsame und friedliche Identität verleihen.

Sie sind im damals neu gegründeten Kanton Jura aufgewachsen. Wurde Ihnen so automatisch die separa­tistische Perspektive eingeimpft?
Ich habe die Kämpfe vor der Kantonsgründung von 1979 nicht erlebt, ich bin 1975 geboren. Meine Eltern waren keine Militanten, trotzdem bin ich ein Jurassier aus Delémont und ein Erbe des Separatismus. Die nationale Ideologie war damals überall. Man sagt, der Fisch weiss nicht, dass er im Wasser ist. So schwammen wir im Separatismus. Wir waren davon imprägniert.

Wie haben Sie das konkret erlebt?
Eine meiner ersten Erinnerungen ist, wie mein Vater mit der neuen jurassischen Autonummer nach Hause kam. Das Relief der Buchstaben JU zu berühren, war in meiner kindlichen Vorstellung ein fantastisches Gefühl. Ich war da erst 5-jährig, aber ich spürte, dass es um ein kollektives Gefühl ging. Nach langem Warten wurden wir Separatisten endlich als Jurassier anerkannt. Wir gingen natürlich jedes Jahr an den ­Umzug an der Fête du peuple. Der Staat verfolgte sein Spiel, die nationale Ideologie zu verbreiten.

Wie tat er das?
Zum 10. Jahrestag des Kantons wurden 1989 alle Schüler auf einer Wiese versammelt, wo wir Reden anhörten und die Rauracienne, die jurassische Hymne, sangen. Parallel dazu ging der separatistische Kampf mit den Aktionen militanter junger Béliers für eine vollständige Vereinigung im Jura weiter.

«Es gibt im Jura das Phänomen des Braindrains. Wer studieren will, muss meist den Kanton verlassen.»

Wie war das für Sie als Jugendlichen?
Aufregend. Wir bewunderten die jungen Kerle und ihre frechen Aktionen.

Wollten Sie auch mitmachen?
Ich bewegte mich nicht im Milieu der Béliers, aber ich fühlte mich davon betroffen. In den 1980er-Jahren entfaltete sich eine ganze Dramaturgie und Eskalation von Aktionen und Gerichtsprozessen. Wir Jungen verfolgten das wie eine aufregende Serie von Episoden. Die Spannung stieg stetig. Als es Vorfälle mit Sprengstoff gab und Christophe Bader dabei tragisch starb, waren wir nicht erstaunt. Ich glaube sogar: Mehrere junge Separatisten waren damals für solche Aktionen bereit.

Wie hat sich Ihre Sicht des Separatismus dann verändert?
Nach dem Universitätsstudium, bei der Forschung über das Verhältnis von Kunstszene und Jurafrage, wurde ich mit nicht jurassischen Forschern konfrontiert, die mich zwangen, meine ideologischen Annahmen zu überprüfen. Es war eine lange und intensive Zeit für mich.

Sie leben im Waadtland, in der jurassischen Diaspora, wie Sie selber sagen. Ist das eine bewusste Distanzierung?
Es gibt im Jura wie anderswo auch das Phänomen des Braindrains. Wer studieren will, muss meist den Kanton verlassen. Und er wird dann je nach Jobangeboten nicht zwingend zurückgehen. Ich kenne hier im Waadtland viele Jurassier. Weil wir nicht mehr in der separatistischen Ambiance sind, entsteht eine Distanz zu den Festen und Umzügen. Ein grosses Problem des Jura ist seine Isolation. Er liegt hinter Bergen, er ist sprachlich isoliert, er hat keine grossen Institutionen. Und er gehört nicht einmal in den Gesichtskreis der Romandie. In Genf, Lausanne oder im Wallis kennt man den Jura nicht.

«Wer in Moutier das Wort ‹Versöhnung› verwendet, wird von Politikern öffentlich verspottet.»

Sie haben sich bei Ihrer Antrittsrede vor dem wissenschaftlichen Institut Jurassien vom «triumphierenden Nationalismus» des jungen Kantons losgesagt und für Ihre Juravision plädiert. Galten Sie als Verräter?
Einige reagierten abweisend, andere stimmten mir zu. Es ist wahr, dass das separatistische Erbe nur wenig infrage gestellt wird und dass in den letzten zwei Jahren wieder die alten Forderungen das Klima prägen. Einige von uns, Historiker oder Intellektuelle, haben kritische Gedanken, aber es bleibt meist bei privaten Gesprächen. Es gibt keinen organisierten, kritischen Diskurs.

Setzen die politischen Protagonisten, vor allem in Moutier, wieder auf die Konfrontation, um keine schwierige Kompromissarbeit leisten zu müssen?
Die beteiligten Akteure und Behörden haben jegliche Rücksichtnahme gegenüber ihren Gegnern abgelegt. Nach der Abstimmung von 2017 entscheiden sich die Behörden des Kantons Jura für den Triumphalismus. Die jurassische Kantonsregierung brach vor den Kameras in Jubel aus, als das knappe Abstimmungsergebnis verkündet wurde. Man reaktiviert heute im Kanton Jura wieder ausgrenzende ideologische Vorstellungen wie die Frankofonie.

Und im Kanton Bern?
Die Berner Kantonsregierung schrieb in einer Mitteilung, sie sei «bestürzt» über die Art und Weise, wie die Stadt Moutier die Abstimmung durchgeführt habe. Sie greift auch zwei bloss noch symbolische Artikel der jurassischen Kantonsverfassung an, die seit Jahren nicht mehr diskutiert wurden. Die wenigen Personen oder Gruppen, die vor der sozialen Krise warnen, die das Wort «Versöhnung» verwenden oder kreative Lösungen vorschlagen, werden von den kantonalen Mandatsträgern auf beiden ­Seiten öffentlich verspottet. Diese Verhaltensweisen beeinträchtigen langfristig das harmonische Zusammenleben der Bevölkerung.

Kann die Moutier-Abstimmung, die nun wiederholt wird, Ruhe bringen?
Das Ergebnis wird wieder sehr knapp ausfallen. Wenn die Proberner gewinnen, wird es den Separatisten schwerfallen, eine Niederlage zu akzeptieren und den Kampf aufzugeben. Wenn die Separatisten gewinnen und die Abstimmung nicht angefochten wird, ist zu befürchten, dass für die Proberner das lateinische Sprichwort «vae victis» – wehe den Besiegten – gelten wird. Schon nach der Gründung des Kantons Jura 1979 hatten sie dort kaum eine andere Wahl, als zu schweigen.

«Vielleicht sollten wir auch den Schrank mit dem erlittenen Unrecht im Jura öffnen.»

Sollte sich die Eidgenossenschaft als Schirmherrin aktiver einbringen?
In der Schweiz ist das Verständnis für die Juraproblematik generell klein. Man sieht den Konflikt als Streit zwischen den zwei ungezogenen Brüdern Bern und Jura. Der Bund versucht in seiner Rolle als Schiedsrichter einwandfreie Volksabstimmungen durchzuführen. Weil das Ergebnis in Moutier wieder 49 zu 51 Prozent sein dürfte, gibt es aber kein einwandfreies Verdikt. Wer eine Unregelmässigkeit anprangern will, dürfte auch bei einer nächsten Abstimmung eine finden.

An der Urne löst man das Problem nicht?
Es geht im Jura um die fundamentale Frage, was eine Bevölkerung an ein Gebiet bindet, was eine Gemeinschaft definiert und ob eine nationale Ideologie im Spiel ist. Der Jura ist ein Schulbeispiel für diese Fragen und Mechanismen. Überdies ist die ideologische Frage ein brennendes Problem. Auf der ganzen Welt rüsten Regierungen mit ideologischen Waffen auf für kommende Konflikte. An der Uni Genf gibt es das «Maison de la paix» für internationale Studien. Man könnte die Konfliktexperten dort fragen, was sie für den Jura tun können. Der Jura allein hat die Mittel für solche Forschungen nicht.

Müsste man im Jura gar wie in Südafrika nach der Apartheid eine Versöhnungskommission einsetzen?
In der Tat gäbe es aus den heissen Jahren des Konflikts vieles aufzuarbeiten: Brandstiftungen, Gewaltakte, sogar Tote auf beiden Seiten. Bis jetzt gab es keine Gelegenheit, für damals erlittenes Leid Gehör zu finden. Man hat das Leid in einen Schrank gesperrt und glaubt offenbar, ihn in verschlossenem Zustand ins Jenseits mitnehmen zu können. Das hat schon bei den nachrichtenlosen Vermögen aus dem Zweiten Weltkrieg nicht funktioniert. Die Schweiz hat dann mit der Bergier-Kommission gezeigt, dass eine Aufarbeitung möglich ist. Vielleicht sollten wir auch den Schrank mit dem erlittenen Unrecht im Jura öffnen.

Man wird Ihnen sagen, dafür sei es noch zu früh.
Das höre ich schon so lange, wie ich mich mit diesen Fragen beschäftige – nämlich seit 20 Jahren. Ich frage zurück: Bis wann soll man denn warten? Bis die Betroffenen gestorben sind und die verschwiegenen Probleme und Ressentiments unbewältigt an die nächsten Generationen weitergegeben werden? Man kann natürlich darauf warten, dass der Jurakonflikt langsam erlischt, aber Heilen ist besser als Vergessen.

Erstellt: 04.01.2020, 13:32 Uhr

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